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Pro und Contra

Nationalelf gegen Nordirland: Warum Löw der Jugend (k)eine Chance geben sollte

Das deutsche Angriffsspiel hat in der Partie gegen Polen versagt. Seitdem wird über Alternativen debattiert. Soll Löw weiter auf bewährte Kräfte setzen oder der Jugend eine Chance geben? Ein Pro und Contra.

Leroy Sané im Testspiel gegen die Slowakei

Im Testspiel gegen die Slowakei durfte Sturmtalent Leroy Sané ran, bei der EM ist er bislang nur Zuschauer

Pro

Wann hat eigentlich das DFB-Team das letzte Mal wirklich überzeugt? Die ersten beiden Vorrunden-Spiele haben jedenfalls noch keine Begeisterungsstürme ausgelöst. Aber egal, was passiert: Solange niemand verletzt ist, hält Jogi Löw stoisch an seiner Stammbesetzung fest. Für das Spiel gegen die Ukraine war Mats Hummels noch nicht fit genug, da durfte Shkodran Mustafi ran. Als Hummels sich zum Polen-Spiel wieder gesund meldete, schickte Löw Mustafi - trotz seines wichtigen Tores – wieder zurück auf die Bank.

Nun geht es im letzten Gruppenspiel gegen Nordirland - und es ist schon vorher klar, dass der Einzug in die K.O.-Runde sehr wahrscheinlich ist. Das ist der Zeitpunkt, an dem Löw mal Neues ausprobieren sollte. Leroy Sané hat bei Schalke die Saison seines noch jungen Lebens gespielt: immer mit Drang nach vorne und vor allem immer mit unkonventionellen Ideen auf dem Platz. Genau das ist es, was dem Offensivspiel des DFB-Teams gegen Polen gefehlt hat. Deswegen sollte Löw ihm gegen Nordirland eine Chance geben. Dafür könnte Mario Götze weichen und Thomas Müller auf die Neun rücken.

Ähnlich verhält es sich mit Joshua Kimmich: Er könnte Benedikt Höwdes ersetzen, der zumindest in der Offensive keine Offenbarung ist. Wer bei den Bayern in 23 Bundesliga-Spielen und neun Mal in der Champions League eingesetzt wird, kann mit Drucksituationen umgehen. Und wenn Löw Kimmich schon einen EM-Einsatz zutraut - sonst hätte er ihn ja kaum mitgenommen - dann wäre die Partie gegen Nordirland genau das richtige Spiel, um Kimmich zu bringen. Also, Herr Löw: Geben Sie der Jugend endlich eine Chance.

Thomas Krause

Contra

Es herrscht Aufruhr in Fußball-Deutschland. Das torlose Unentschieden gegen Polen wirkt nach, Medien und Anhänger debattieren über die Frage, warum die deutsche Mannschaft gegen den stärksten Gruppengegner kein Tor schoss. Die Diagnose lautet: keine Durchschlagskraft, zu viele Fehler, zu viel Tiki Taka im Mittelfeld, zu wenig vor dem Tor. Die Forderung: Löw solle auf etablierte Stammkräfte verzichten und mal die Jugend ranlassen. Spieler wie Leroy Sané oder Joshua Kimmich könnten für frischen Wind sorgen. Vor allem der Schalker Jungspund Sané gilt als Hoffnungsträger für den vermeintlich trägen Angriff.

Das ist alles Unsinn. Sicherlich haben beide Spieler (wie auch andere aus der zweiten Reihe) eine Chance verdient. Und zumindest bei Sané ist es ziemlich wahrscheinlich, dass er einen Einsatz bekommen wird im Laufe des Turniers. Dennoch macht Löw alles richtig, wenn er gegen Nordirland am bewährtem Stammpersonal vorerst festhält.

Nur weil Spieler wie Thomas Müller, Mario Götze oder Mesut Özil ein- oder zweimal nicht ihre Topform erreicht haben, darf man sie nicht gleich aus der Stammelf nehmen. Eine Mannschaft muss zu einer Einheit zusammenwachsen, da sind Wechsel immer ein Risiko. Die drei angesprochenen Spieler werden wie die gesamte Mannschaft aufgrund ihrer Klasse in Form kommen. Spieler, die Vertrauen spüren, werden am Ende stark sein. Und Löw hat Recht, wenn er auf die Erfahrung verweist, die besonders wichtig ist bei einem Turnier. Der Bundestrainer muss abwägen, ob er ein jugendliches Risiko eingeht oder auf verlässliche Varianten setzt.

Das gilt zum Beispiel für Benedikt Höwedes. Dass der Schalker Verteidiger auf der Außenbahn keine Offensiv-Koryphäe ist, war vorher klar. Dafür setzt Löw bei Höwedes auf Sicherheit. Und die geht zu Beginn eines langen und kräftezehrenden Turniers vor. Später in den K.o.-Duellen muss Löw vielleicht frische Kräfte bringen. Und dann stehen Kimmich, Sané oder andere bereit.

Tim Schulze

Wissenscommunity