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Nach 15 Jahren Die Ära Löw ist zu Ende: Abschied eines Kunstlehrers

Bundestrainer Joachim Löw bei seinem letzten Spiel
Bundestrainer Joachim Löw bei seinem letzten Spiel
© Andy Rain / AFP
In seinen 15 Jahren als Bundestrainer hat Joachim Löw den Deutschen das schöne Spiel beigebracht. Das ist sein Vermächtnis. Am Ende seiner Amtszeit jedoch fehlten ihm die Ideen für einen Neuanfang. Löw geht als Mangelverwalter.

Das letzte Bild von Joachim Löw als Bundestrainer ist das eines geschlagenen Mannes. Begleitet von der englischen Hymne "Three Lions" schlich Löw nur wenige Sekunden nach Abpfiff in die Katakomben des Wembley-Stadions. 0:2 hatte seine Mannschaft verloren gegen England, durch späte Tore von Raheem Sterling und Harry Kane. Es bedeutete ein doppeltes Ende: Die Europameisterschaft geht nun ohne die Deutschen weiter – und Löw als erster Trainer des Landes verabschiedet sich ebenfalls. Nach 15 Jahren und 198 Spielen beim DFB hört er auf.

Joachim Löw hat sich nicht "vercoacht"

Auch wenn Löws Körpersprache andere Signale sendete: Es war zwar ein bitterer, aber kein katastrophaler Abschied für den 61 Jahre alten Coach. Letztlich entschieden zwei Szenen das Spiel; Kai Havertz' wuchtiger Volleyschuss (48.) wurde vom englischen Torwart sensationell pariert, und neun Minuten vor Schluss verfehlte Thomas Müller nur knapp das Tor zum 1:1-Ausgleich.

Löw ist nicht mit seiner Taktik gescheitert, er hat das Spiel nicht "vercoacht", wie es in der Fußballersprache heißt. In den wenigen entscheidenden Momenten war Löws Spieler ohne Fortune, ohne Mut – und ohne echten Mittelstürmer. Einen kaltschnäuzigen Strafraumspieler wie ihn die Engländer in Harry Kane, die Polen in Robert Lewandowski oder Frankreich in Karim Benzema und Kylian Mbappé haben – den gibt es derzeit nicht in Deutschland. Der letzte, der diese Planstelle in der Nationalmannschaft besetzte, war Miroslav Klose. Mit ihm im Sturmzentrum wurde Löw 2014 Weltmeister.

Was bleibt von der Ära Löw? Natürlich der WM-Triumph in Rio de Janeiro, im Maracanã-Stadion. Flanke Schürrle, Schuss Götze, 1:0 in der Verlängerung gegen Argentinien – dieser Moment wird im kollektiven Gedächtnis haften bleiben.

Ein mindestens ebenso großes Verdienst von Löw ist es, dass er die Deutschen das schöne Spiel gelehrt hat. Er war der oberste Kunstlehrer der Nation. 2006, bei der WM im eigenen Land, blitzte erstmals auf, dass ein DFB-Team mehr beherrscht als nur den sogenannten Rumpelfußball. Jürgen Klinsmann hauchte der Mannschaft Raffinesse und Spielwitz ein – Qualitäten, auf die allein Mannschaften wie Spanien, Frankreich oder Portugal ein Patent zu besitzen schienen. Joachim Löw setzte Klinsmanns Weg fort; er war als dessen Co-Trainer sowieso schon der Ideengeber gewesen. Bei der WM 2010 sah man dann ein junges, leidenschaftliches DFB-Team bis ins Halbfinale stürmen und erst dort am späteren Weltmeister Spanien scheitern. Dieses Team bildete bereits den Kern jener Mannschaft, die vier Jahre später in Brasilien triumphieren sollte.

Dieser Titelgewinn bedeutete den Wendepunkt in Löws Trainerbiografie – aber das zeigte sich erst mit erheblicher Verzögerung, bei der WM 2018 in Russland. Es gibt ein Foto von Löw, dass alles erzählt über ihn und seine Einstellung zum Job: Löw lehnte lässig an einer Laterne, er trug eine Pilotenbrille, er sah aus wie ein Tourist im Sommerurlaub. 2018, das war das Jahr, in dem Löw die Bodenhaftung zu verlieren schien. Die Vorbereitung auf das WM lief schleppend, aber Kritik ließ Löw nicht gelten. Wer Kritik äußerte, hatte schlicht seine Fußballkunst fehlgedeutet.

Das Turnier wurde dann zum Desaster. Löws Mannschaft scheiterte als Gruppenletzter in der Vorrunde; zum Schluss verlor sie sogar gegen den Fußballzwerg Südkorea. 

Eine Entlassung Löws oder sein freiwilliger Rückzug wäre ein naheliegender, ein folgerichtiger Schritt gewesen. Aber Löw, der Sturrkopf, wollte so nicht gehen. Und der DFB ließ ihn machen – auch weil er keine Idee für einen Nachfolger hatte.

Es reichte nur noch für ein EM-Achtelfinale 

Im Herbst seiner Karriere hat sich Löw zwar nicht noch einmal neu erfunden, aber doch erstaunlich biegsam gezeigt. Die von ihm ausgebooteten Weltmeister Hummels und Müller holte er zur EM 2021 zurück ins Team und korrigierte sich damit selbst. Er ließ seine Mannschaft aggressiver und zweikampfbetonter spielen. In früheren Jahren hätte er dies als Ausweis spielerischer Armut verteufelt. 

Toni Kroos in Wembley

Was Löw nicht geschafft hat: Diese Mannschaft noch einmal mit auf eine neue Reise zu nehmen. Stattdessen werkelte er ständig an altbekannten Schwächen; so ist die Abwehr trotz der Rückkehr von Hummels eine Baustelle geblieben. Ebenso wenig hat er das Fehlen eines Mittelstürmers taktisch kompensieren können; womöglich auch eine unlösbare Aufgabe. 

Löw war am Ende noch einmal der beste Löw, der er sein konnte. Aber heute, sieben Jahre nach dem WM-Triumph in Rio de Janeiro, ist das nicht mehr genug. Es reichte nur noch für ein EM-Achtelfinale. 

wue

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