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Ende der Löw-Aera Nach EM-Aus: Was macht Hoffnung? Was lässt zweifeln?

Hansi Flick mit hinter dem Kopf verschränkten Armen auf dem grünen Rasen
Wichtigster Hoffnungsträger der Nationalmannschaft: der künftige Coach Hansi Flick
© Matthias Schrader / AP / DPA
Alles auf Neustart. Nach dem Ende der Ära Löw beginnt bei der Nationalmannschaft ein neues Kapitel. Kann es auch ein neuer Anfang werden? Mit Hansi Flick kommt nun ein Erfolgscoach. Was macht noch Hoffnung?

Mit dem Achtelfinal-Aus bei der EM hat eine deutsche Nationalmannschaft erstmals in ihrer glorreichen Geschichte bei zwei großen Turnieren in Folge enttäuscht. Kein Zweifel, die goldenen Zeiten sind erst einmal vorbei. Am 1. August übernimmt Hansi Flick "die Mannschaft". Der 56-Jährige, der vielen als Mit-Architekt des WM-Titels 2014 gilt, fängt nicht bei Null an, aber mit ihm wird auch nicht alles sofort zu Gold werden.

Was macht Hoffnung?

Hansi Flick, der Spieler-Flüsterer

Ob es ein gutes Zeichen ist, dass die größte Hoffnung "der Mannschaft" auf bessere Zeiten die Person des Trainers ist, sei dahingestellt. Hansi Flick bringt aber mit, was zuletzt im DFB-Tross nicht mehr zuhause war: positive Einstellung, Wille zum Erfolg, Siegergen. Die Art und Weise, wie er dem taumelnden Dauermeister FC Bayern Beine machte und mit sechs Titeln die Saison 2019/20 zur erfolgreichsten der ohnehin mit Titelgewinnen gespickten Clubgeschichte machte, war beeindruckend. Vor allem: Flick verstand es, zu motivieren und das Beste aus den Profis herauszuholen. Genau das braucht die Nationalelf nun auch – nicht zuletzt, da sich Profis auf absolutem Weltniveau nicht backen lassen.

Anderes Coaching

Jogi Löw tat sich stets schwer damit, sein Grundkonzept zu ändern. Die wilden Auswechslungen im England-Spiel zu einem Zeitpunkt als man längst nichts mehr bewegen konnte, sind nur das jüngste Beispiel. Während des Spiels reagieren und der eigenen Mannschaft zum richtigen Zeitpunkt neue Impulse geben zu können, das gilt als Stärke des neuen Coaches. Natürlich muss Hansi Flick das nun auch beim DFB-Team erst einmal beweisen.

Kader hat durchaus Potenzial

Klar, die Mannschaft hat längst nicht die Klasse der Weltmeistertruppe 2014, das ist unverkennbar. Doch auch wenn es derzeit nicht für Titel reichen mag, mit den Aufgeboten anderer Nationen, die aktuell im EM-Viertelfinale stehen (Dänemark, Schweiz, Tschechien, Ukraine), kann sich "die Mannschaft" allemal messen, sollte von den Namen her sogar stärker sein. Wenn Sané und Werner endlich (wieder) ihre Stärke zeigen können, Kimmich oder Müller auf Positionen spielen, auf denen sie wirklich wirkungsvoll sind, und neue spielstarke Spieler wie Florian Neuhaus und das Top-Talent Jamal Musial endlich regelmäßig ihre Fähigkeiten zeigen können, dann sollten blutleere Auftritte wie gegen England oder üble Blamagen wie das 1:2 gegen Nordmazedonien in der WM-Qualifikation kein Thema mehr sein. Etliche dieser Spieler haben zudem längst nicht ihren Zenit erreicht. Ein Schuss "deutsche Tugenden", also Entschlossenheit und Kampfkraft, kann auch nicht schaden.

Von Stefan Kuntz lernen

Zweimal in Folge hat Coach Stefan Kuntz die U 21, also den direkten Unterbau der Nationalmannschaft, zum EM-Titel geführt; ein weiteres Mal ins Finale. Zuletzt hat er das mit einer Auswahl geschafft, die vor allem aus Zweitliga-Spielern und Nachwuchstalenten, die im Ausland ihre Chance gesucht haben, bestand. Eine Chance auf den Titel hatte dieser Kader nicht, das sah auch Kuntz selbst so, und doch hat sie sie genutzt. Kuntz hat geschafft, aus den Spielern eine verschworene Truppe zu formen und den Mythos der "Turniermannschaft" zu beleben. Das ist bei der A-Nationalmannschaft ebenso möglich. Auch frühere Welt- oder Europameister-Mannschaften haben längst nicht immer glanzvoll gekickt. Es ist zu erwarten, dass zwischen Kuntz und Flick jener Austausch wiederbelebt wird, der zuletzt zwischen Kuntz und Löw eingeschlafen war.

Toni Kroos in Wembley

Was lässt zweifeln?

Es kommt wenig nach

Schon im vergangenen Jahr ließen Äußerungen ausgerechnet von U21-Erfolgscoach Stefan Kuntz aufhorchen. In der Bundesliga gebe es kaum noch Spieler, die für den Nachwuchs der Nationalelf spielberechtigt seien. "Wir sind so was von abgeschlagen", konstatierte Kuntz mit Blick auf die anderen Top-Ligen in Europa. Deshalb habe es zuletzt auch kaum noch Grund gegeben, sich mit Löw auszutauschen. Noch 2017 habe man sich dagegen vor dem Confed Cup, den die DFB-Auswahl gewann, und der U21-EM, die die DFB-Auswahl gewann, über zehn bis zwölf Spieler abstimmen müssen. Davon ist nichts übrig geblieben. In diesem Punkt sind die Bundesligaclubs gefordert, doch die müssen auf den schnellen Erfolg setzen – und geben viel Geld für ausländische Ausnahmetalente aus. Hoffnungschimmer: Kuntz schaffte trotzdem erneut den U21-Titelgewinn.

Keine Alternativen in der Defensive

Dass die DFB-Elf während der EM mehr Tore kassiert als geschossen hat, ist bemerkenswert. Seit Jahren schon ist das einst ewige Prunkstück der Nationalmannschaft dahin – die Defensive, mit Ausnahme der Torhüter. Nicht nur Schwergewichte wie Frankreich, Portugal und England sind jederzeit in der Lage, die Deutschen auszukontern, sondern auch die Ungarn und sogar Underdog Nordmazedonien in der WM-Qualifikation. Das konnte auch die Rückkehr von Mats Hummels nicht ändern. Kurzfristig könnte die Abkehr von der Dreierkette helfen, doch was dann? Außer Niklas Süle vom FC Bayern, der aber auch bisher im schwarz-weißen Trikot selten zu überzeugen wusste, drängt sich kaum jemand auf. In der Bundesliga verlässt man sich häufig auf ausländische Stars und auch in der U21-Abwehr stand kein Spieler aus einem großen Verein. Insgesamt aber: Kein Hummels, kein Boateng, schon gar kein Lahm – nirgends.

Es fehlt der Strafraumstürmer

Gleiches gilt für den Sturm. Dass die DFB-Elf zur Zeit oft wenig Durchschlagskraft entwickelt, liegt nicht zuletzt daran, dass ein Strafraumstürmer von internationaler Klasse völlig fehlt. Ein neuer Miro Klose oder wenigstens ein neuer Mario Gomez ist nirgendwo in Sicht. Mit der berühmt-berüchtigten Brechstange ein Spiel noch herumzureißen, ist damit für die deutsche Mannschaft fast nicht möglich – zumal auch den spielstarken Stürmern Sané, Gnabry oder Havertz der echte "Killerinstinkt" fehlt, der echte Torjäger auszeichnet. Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff sprach das Problem auf Löws Abschlusspressekonferenz selber an. Gegenmaßnahmen seien besprochen, so Bierhoff, doch das wird ebenso dauern wie in der Abwehr.

WM kommt zu früh

Am 1. August tritt Flick sein Amt an, am 2. September steht schon das erste Länderspiel an. Es ist gleich ein Pflichtspiel in der WM-Qualifikation. Viel Zeit, sich neu aufzustellen haben Flick und "die Mannschaft" also nicht. Seit der 1:2-Blamage gegen Nordmazedonien ist das DFB-Team zudem in der Quali-Gruppe im Hintertreffen. Trotzdem: Gegen Liechtenstein, Armenien und Island sollte mit neuem Mut dennoch nichts anbrennen. Die WM in Katar steht schon im kommenden Jahr an. Gut möglich, dass Flick den Neuanfang daher noch einmal aufschiebt und weiter auf Hummels, Müller und Kroos setzt bzw. setzen muss. Die WM kommt so gesehen zu früh. Dass es ein drittes enttäuschendes Turnier in Folge gibt, ist alles andere als ausgeschlossen.


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