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Baustellen nach Löw-Ära Jetzt kommt der Spieler-Versteher: Hansi Flick muss Nationalelf neue Spielidee und Mentalität verpassen

Künftiger Nationalcoach Hansi Flick zeigt in eine Richtung
Spielidee, Mentalität: Hansi Flick muss der Nationalmannschaft eine neue Richtung vorgeben
© Sven Hoppe / DPA
Hansi Flick übernimmt jetzt das Amt des Bundestrainers. Er muss das schwere Erbe der Ära Löw aufarbeiten und die Nationalmannschaft vor allem in Abwehr und Mittelfeld renovieren. Doch Flicks Aufgabe ist eine aussichtsreiche: Das spielerische Potenzial des Teams ist noch immer gewaltig. 
Anders als das wahre Leben, nämlich jenes außerhalb der Stadien, gewährt der Fußball ständig zweite Chancen. Eine bittere Niederlage kann von einem rauschhaften Sieg vergessen gemacht werden; der Sport hat zum Glück nur ein Kurzzeitgedächtnis.
Beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) haben sie den Neuanfang reichlich spät eingeleitet. Er beginnt heute, am Tag nach dem Aus im EM-Achtelfinale gegen England. Dabei hatte die Ära von Bundestrainer Joachim Löw schon vor drei Jahren, nach dem frühen Scheitern bei der WM in Russland, einen Endpunkt gefunden.

Hansi Flick: Neue Spielidee, neue Mentalität

Jetzt übernimmt Hansi Flick das Amt des obersten Fußballlehrers in Deutschland, und schon in knapp zwei Monaten kann er seine eigene Geschichte schreiben. Dann startet das DFB-Team in die Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2022 mit Spielen gegen Liechtenstein, Armenien und Island. Allesamt Gegner, die Flick einen gelungenen Einstand ermöglichen sollten.
Dies wird die Herausforderung für Flick, vormals Trainer des FC Bayern, sein: Er muss im Tagesgeschäft für zufriedenstellende Resultate sorgen und im Hintergrund eine komplette Mannschaft erneuern. Der Renovierungsstau aus der Ära Löw ist enorm: Es besteht nicht nur Bedarf an einer neuen Spielidee, sondern auch an einem Mentalitätswandel.
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"Die Mannschaft": Verzagt und mutlos

Die Deutschen sind zu verzagt, zu mutlos aufgetreten bei der Europameisterschaft. Löws oberstes Ziel war es stets, mit Ausnahme des Portugal-Spiels, bloß nicht zu verlieren. Er wollte nicht unbedingt den Sieg, er wollte um Himmels willen keine Niederlage. Frankreich, den ersten Gruppengegner, blies Löw zu einem Giganten auf. Wer aber das Achtelfinale Schweiz gegen Frankreich gesehen hat, weiß, dass auch solche Mannschaften niedergerungen werden können; der weiß, dass auch ein Weltmeisterteam in seine Einzelteile zerfällt, wenn es unter Stress gesetzt wird von einer vermeintlich kleineren Mannschaft.
Gegen England war es ähnlich. Löws Mannschaft spielte solide – aber der Glaube, dieses Spiel dominieren und gewinnen zu können, war nicht aus Aktionen der Deutschen zu lesen. Und Löw auf der Trainerbank wirkte ratlos. Gegen Ende der Partie, als es schon 0:2 stand, wechselte Löw wild. Brachte Can, Sané und Musiala, aber da war nichts mehr zu retten. Die Personalrochaden stifteten nur noch mehr Verwirrung.

Joachim Löw, kein Mann des intuitiven Coachings

Löw war stets der Mann, der großen, überwölbenden Spielideen nachhing. Schnelles, intuitives Coaching während einer Partie war seine Sache nie. Hansi Flick hingegen hat beim FC Bayern bewiesen, dass er genau dies beherrscht. In seiner vorletzten Saison in München führte er die Mannschaft zu sechs Titeln, unter anderem zum Champions League-Sieg. In großen Spielen lieferten die Bayern stets große Leistungen ab – ein Verdienst von Flick, der ein feines Gespür für die Stimmung in der Mannschaft besitzt und als Spieler-Versteher gilt.
Löw hingegen agierte zum Schluss nur noch mechanisch. Er brachte immer wieder Leroy Sané, obwohl dieser noch bei jedem seiner EM-Einsätze enttäuscht hatte. Er brachte Timo Werner, obwohl der beim FC Chelsea eine schwierige Phase durchmacht und im Champions League-Finale früh ausgewechselt wurde. Er verzichtete weitgehend auf Jamal Musiala, obwohl dieser Qualitäten im Strafraumspiel besitzt wie kein anderer im deutschen Team.

Nun ist gutes Handwerk gefragt

Von Flick ist nun Handwerk gefragt. Arbeit im Kleinen, an einzelnen Spielelementen. An der Abwehr zum Beispiel. Mats Hummels, 32, ist kein Mann für die Zukunft, vielleicht reicht es gerade noch für die WM 2022. Auf der rechten Außenverteidigerposition gibt es schon jetzt eine Vakanz – Joshua Kimmich arbeitete hier zwar sehr ordentlich als Aushilfskraft, wurde aber um so schmerzlicher im defensiven Mittelfeld vermisst.
Auch hier muss Flick neue Lösungen finden. Löws Lieblingsgespann Kroos/Gündogan ist bei der Europameisterschaft gescheitert; erst als Leon Goretzka wieder ins Team rückte, ging von dieser strategisch so wichtigen Position mehr Gefahr aus.

Flick übernimmt keinen Trümmerhaufen

Viel Arbeit also für Hansi Flick. Aber eine, die aussichtsreich und lohnend sein könnte. Die Nationalmannschaft liegt nach dem Scheitern bei der EM nicht am Boden, sie ist auch kein Trümmerhaufen, wie manche Experten nun behaupten. Das spielerische Potenzial dieser Mannschaft ist noch immer enorm – ebenso wie jenes von Frankreich und Portugal, die ebenfalls im Achtelfinale ausgeschieden sind. Diese Mannschaften werden zurückkommen, sie brauchen bloß jemanden, der sie neu justiert. Mit kühlem Blick und mit Empathie zugleich.     

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