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England gegen Frankreich: Verbrüderungen neben dem Platz

Zinedine Zidane schoss die Briten in zwei Minuten ab und sich selbst, mal wieder, in den Fußballhimmel. Neben dem Platz tat sich unerwartet wenig - außer Verbrüderungsszenen zwischen den Fans.

Noch bevor bei der EM in Lissabon der erste Ball rollte, drohte UEFA-Präsident Lennart Johansson der englischen Mannschaft mit harten Konsequenzen: Sollten englische Hooligans Krawalle anzetteln, so Europas oberster Fußball-Funktionär, "werden wir das Team England zurück nach Hause schicken". Und genau dieser Ernstfall drohte am Sonntagabend einzutreten, kurz nach dem Frankreich die Engländer in den Schlussminuten um den sicher geglaubten Sieg brachte.

Die Sicherheitskräfte in Lissabon fürchteten das Schlimmste: 30.000 enttäuschte englische Fans verließen mit hängenden Köpfen das "Estàdio da Luz". Überraschenderweise geordnet, nicht wenige hatten Tränen in den Augen. Sie waren von der Niederlage anscheinend so geschockt, dass sie nicht mehr an Randale denken konnten. Jedenfalls nicht in Portugal. Auf der Insel hingegen blieben die daheimgebliebenen Hooligans nicht so ruhig und lieferten sich Krawalle mit der Polizei. 83 von ihnen wurden festgenommen. Allein in Südlondon waren 400 Leute an Übergriffen auf die Polizei beteiligt. Beamte wurden mit Flaschen beworfen. Zu Ausschreitungen kam es auch in der Kleinstadt Boston und in Birmingham.

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In gewisser Weise mitverantwortlich dafür war, natürlich unfreiwillig, ein Franzose, und zwar nicht irgendeiner, sondern der beste Fußballer der Welt: Zinedine Zidane. "God save Zidane!" "Das gallische Genie Zidane versenkt England." "In zwei Minuten schlägt Zidane England." "Zinedine Zidane befördert Frankreich ins Paradies." Das Presseecho der englischen und französischen Zeitungen kannte am Montag nur einen Namen, den des 31-jährigen mehrfachen Weltfußballers, der in der Nachspielzeit alle englischen Träume zunichte machte.

"Wir hatten Gott mit uns - Zinedine Zidane

Mit seinem Doppelschlag hatte der Franzose einen glücklichen EM-Start für die Blauen herbeigezaubert und in einem Fußball-Drama die Herzen der englischen "Löwen" gebrochen. "Wir hatten Gott mit uns - Zinedine Zidane", huldigte Willy Sagnol vom FC Bayern München dem Erlöser, der beim 2:1 gegen England den Europameister innerhalb von nur 132 Sekunden vor einer Blamage rettete und seinen Gegenspieler zum Versager stempelte. "Ich bin schuld", gestand David Beckham, der von den englischen Massenblättern dennoch gnädig behandelt wurde. "Becks in Tränen - aber noch ist es nicht vorbei", titelte der "Daily Mirror".

Englands Kapitän weinte, als er im Estadio da Luz in Lissabon den Platz verließ. Später spendete Zidane seinem Mitspieler von Real Madrid Trost. "David tut mir Leid", sagte der Weltfußballer, der seine eigenen Emotionen dem Mitgefühl für den Verlierer unterordnete. Immerhin räumte Zidane ein, er sei "natürlich sehr glücklich. Aber ich denke auch immer an den Gegner". Nach einer faden Vorstellung verhinderte der 31-Jährige in der Nachspielzeit mit einem Freistoß (91.) und einem Foulelfmeter (93.) eine Niederlage des seit 19 Spielen unbesiegten Titelverteidigers.

"Die Tore kamen aus dem Nichts. Wir haben schlecht gespielt, aber der Sieg wird uns eine fürchterliche Kraft geben", räumte Zidane ein. Die energischen und defensiv fast perfekt organisierten Engländer nahmen den Franzosen jede Lust an ihrer brillanten Fußball-Kunst. "Die Jungs haben exzellente Arbeit verrichtet", lobte Teammanager Sven-Göran Eriksson seine Elf, die nach Beckhams Freistoß durch Frank Lampard (38.) in Führung gegangen war. Als Mikael Silvestre den unermüdlich kämpfenden Teenager Wayne Rooney von den Beinen holte, jubelten die rund 40.000 englischen Fans.

Beckham nimmt die Verantwortung auf sich

Aber Beckham scheiterte an Fabien Barthez, der aus gemeinsamen Zeiten bei Manchester United die Vorlieben des ansonsten sicheren Schützen wohl ahnte, und Englands Unglück nahm seinen Lauf. Beckham hatte seine Mannschaft wieder einmal im Stich gelassen. "Ich nehme die Verantwortung auf mich", sagte der 29-Jährige, der von einem Tiefpunkt in seiner Karriere nicht reden wollte: "Schlimmer war es bei der Weltmeisterschaft 1998, als ich gegen Argentinien vom Platz geflogen bin." Zwei weitere individuelle Fehler besiegelten Englands Pleite: Der Stellungsfehler von Torwart David James bei Zidanes Freistoß und Steven Gerrards verhängnisvoller Rückpass, der das Foul von James an Thierry Henry unvermeidlich machte.

Beckham bleiben noch zwei Chancen, sein Image als Sündenbock für englische Misserfolge zu korrigieren. "Wir haben eines der besten Teams der Welt über 90 Minuten ausgespielt. Wir müssen daraus lernen und uns schnell aufrichten. Siege gegen die Schweiz und Kroatien sind jetzt Pflicht", forderte der Spielführer. Das Bewusstsein, ein unverdienter Verlierer zu sein, und die Erkenntnis, eines der besten Spiele der letzten Jahre geliefert zu haben, gaben auch dem enttäuschten Eriksson neuen Mut. "Kopf hoch, Jungs. Wir kommen zurück. Ich hoffe, wir sehen Frankreich im Finale wieder. Und ein zweites Mal verlieren wir nicht", meinte der Schwede.

"Späte Rache für Barcelona", so Ex-Bayer Lizarazu

Der Krimi von Lissabon erinnerte Verteidiger Bixente Lizarazu an das unvergessene Champions-League-Finale 1999, als Manchester mit Beckham, Paul Scholes und Gary Neville den Bayern in Barcelona in der Nachspielzeit den 2:1-Schock verpasste. "Das war die späte Rache für Barcelona", stellte der kleine französische Verteidiger mit Genugtuung fest. Mit ihrer Siegesfeier in der Kabine taten sich Lizarazu und Co. aber keinen Gefallen. Die englischen Erzrivalen kochten jedenfalls vor Wut, als sie die Jubelgesänge von nebenan hörten. "Das war grausam. Wir hätten uns kaum so verhalten, wenn wir gewonnen hätten", sagte der empörte Torschütze Lampard und "drohte" den Franzosen mit Revanche: "Die freuen sich zu früh. Das Turnier dauert noch lange, und irgendwann rächen sich solche Dinge."

Verbrüderungsszenen zwischen englischen und französischen Fans

Drohungen, Pöbeleien, gar prügelnde Hooligans, waren, wie gesagt, nach dem Spiel ausgeblieben. Stattdessen kam es zwischen den englischen und französischen Fans überraschenderweise zu regelrechten. Verbrüderungsszenen. Engländer und Franzosen kickten sich auf dem Rossio-Platz freundschaftlich Fußbälle zu. In mehreren Lokalen sahen Fans beider Mannschaften sich die Partie gemeinsam im Fernsehen an. Bleibt zu hoffen, dass sich dieses friedliche Miteinander auch am Dienstag fortsetzt, wenn in Porto das nächste Risikospiel ansteht. Zum Knüller Deutschland gegen Holland werden 15.000 deutsche und 20.000 niederländische Fans erwartet. Aber die Experten sind zuversichtlich, dass die Partie trotz aller Rivalität und Ressentiments friedlich über die Bühne gehen wird.

DPA/AP / AP / DPA

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