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Es gibt nur zwei Spiele, die wirklich wichtig sind

The Last and the Next | Joshua Kimmich | Germany | The Players’ Tribune
The Last and the Next | Joshua Kimmich | Germany | The Players’ Tribune
Ich liebe Herausforderungen. Und ich weiß, dass wir weit kommen können. Aber wir müssen Schritt für Schritt gemeinsam voranschreiten.

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Okay, ich will ehrlich sein. Von der letzten Weltmeisterschaft habe ich mir keine Minute angeschaut.

Zumindest nicht nach der Gruppenphase. Es ging einfach nicht.

Nach unserem Aus musste ich abtauchen und abschalten – von den Leuten, den Medien, dem gesamten Turnier. Ich bin mit meiner Freundin nach Südafrika geflogen und habe kein WM-Spiel mehr gesehen. Wer hat nochmal gewonnen? (Lacht.)

Ich musste weg, den Kopf freibekommen und an etwas völlig anderes denken. Es tut mir sehr leid für das wunderschöne Land Südafrika, doch ich konnte diesen Urlaub überhaupt nicht genießen. Es war unmöglich. Für meine Freundin muss das eine furchtbare Zeit gewesen sein.

So down war ich im Fußball noch nie. Körperlich ging es mir zwar gut, aber mental habe ich einige Wochen gebraucht, um mich davon zu erholen.

Ich kann mich noch genau erinnern, wie wir nach der 0:2-Niederlage gegen Korea in unserer Kabine saßen. Völlige Stille. Keiner hat auch nur ein Wort gesagt.

Ich vergrub den Kopf in meinen Händen und dachte darüber nach, wie ich die Fans, meine Familie und das ganze Land enttäuscht hatte. Joachim Löw sprach zu uns, aber ich konnte das gar nicht im Bewusstsein wahrnehmen. Ich fühlte mich wie ein Zombie und verkroch mich in meiner Enttäuschung.

Gruppenletzter.

Deutschland!

Oha.

Die Erwartungen an Deutschland sind deshalb so hoch, weil die Nationalmannschaft fast immer gut abschneidet. Damit bin ich aufgewachsen. So war das eigentlich immer, seit ich mich erinnern kann: Finale (2002), Halbfinale (2006), Halbfinale (2010), Weltmeister (2014).

2018 war meine erste Weltmeisterschaft als Spieler.

Ich glaube, in Russland hatte uns die ganze Welt auf dem Zettel. Wir zählten zu den absoluten Top-Favoriten.

Wir waren schließlich amtierender Titelverteidiger, wir waren Weltmeister.

Wir waren überzeugt, eine starke Mannschaft zu haben. Die Realität sah anders aus.

Wir hatten starke Einzelspieler, aber kein starkes Team. Auf diesem Level reicht es nicht aus, wenn es heißt: „Oh, dieser Spieler ist talentiert … und der hat die Champions League gewonnen … und die haben beim letzten Mal den WM-Pokal in die Höhe gestemmt.“ Es muss einfach alles passen. Das war 2018 irgendwie nicht der Fall. Nichts hat funktioniert. In jenem Sommer habe ich gelernt, was ein echtes Team ausmacht.

Nach der Korea-Niederlage ergriff einer der älteren und erfahreneren Akteure später in der Kabine das Wort und sagte: „Es bringt jetzt nichts, rauszugehen und seine Mitspieler in den Medien für ihre Fehler zu kritisieren. Jetzt ist es wichtig, zusammenzuhalten. Denn jeder Einzelne in diesem Raum trägt dieselbe Enttäuschung in sich.“

Diese Worte haben sich in mein Gedächtnis gebrannt. Selbst in der größten Niederlage heißt Deutschlands Stärke Geschlossenheit.

Jene Weltmeisterschaft war die erste richtig große Enttäuschung in meiner Karriere. Natürlich hatte ich davor schon wichtige Spiele verloren. Wenn du beispielsweise in einem Halbfinale die Segel streichst, bist du zumindest weit gekommen … Aber so sang- und klanglos auszuscheiden? Das war neu und es hat mich hart getroffen.

Und außerdem war es die Weltmeisterschaft. Das kannst du nicht einfach abschütteln und sagen: „Okay, das war Mist, aber in ein paar Monaten greifen wir wieder an.“

Ich warte nun seit viereinhalb Jahren auf eine neue Chance.

Ehrlich gesagt bin ich froh, dass ich in meiner bisherigen Karriere nicht viele schwere Enttäuschungen hinnehmen musste.

Mit der deutschen Nationalmannschaft sind wir zuletzt zwar in mehreren Turnieren hinter den Erwartungen zurückgeblieben, doch ich hoffe sehr, dass sich dies nun ändern wird. Auf Vereinsebene konnte ich hingegen mehrere positive Erfahrungen in K.o.-Runden sammeln.

Da ich über den Tiefpunkt meiner Karriere als Fußballer gesprochen habe, muss ich auch auf mein absolutes Highlight eingehen.

Der Gewinn der Champions League war schon seit Ewigkeiten einer meiner größten Träume. Als Kind sehnt man sich danach, ähnlich wie nach dem WM-Titel.

Ich kenne viele Menschen, für die es völlig normal ist, dass der FC Bayern München jedes Jahr neue Trophäen gewinnt. Gewohnheit und so.

Als ich mit 19 beim FC Bayern unterschrieb, konnte ich nur hoffen, erfolgreich zu sein. Ich habe von Titeln geträumt, aber ich war noch immer ein Junge aus einem kleinen Ort namens Bösingen. Ich hätte mir nicht vorstellen können, wie gut meine Karriere verläuft. Doch selbst wenn wir alles gewinnen – das Triple, sechs Titel in einem Jahr, zehn Meisterschaften in Folge –, sehen das manche als Selbstverständlichkeit an, nur weil wir der FC Bayern sind. Doch das ist nicht normal. Vor allem nicht die Ereignisse im Jahr 2020. Das war herausragend, absolut einmalig.

Die Saison 2020 war verrückt, so ohne Fans. Es klingt vielleicht komisch, aber es war auch sehr speziell. Ich habe es als neue Herausforderung betrachtet.

Natürlich willst du als Spieler das Publikum hören und spüren. Du willst die Emotionen und Energie mitnehmen. Doch es gab auch in jener Zeit besondere Momente: Wir konnten uns gegenseitig auf dem Spielfeld hören, besser untereinander kommunizieren und wir waren mehr bei uns.

Richtig gut hat mir auch das Finalturnier der Champions League in Portugal gefallen. Es fühlte sich ein bisschen an wie eine Reise mit der Nationalmannschaft. Die Duelle wurden in einer Partie entschieden, anstatt in Hin- und Rückspiel. Alles oder nichts. Jede Begegnung war wie ein Finale.

Das hat zu unserer Mannschaft gepasst, wir konnten so unsere größte Stärke ausspielen: diese spezielle Mentalität und dieses einmalige Zusammengehörigkeitsgefühl.

Wenn man wirklich verstehen will, worum es bei Bayern München geht, warum der Klub so viele Trophäen gesammelt hat und jedes Jahr wieder von Neuem bis in die Haarspitzen motiviert ist, kann ich diese Mentalität in einem einzigen Satz zusammenfassen. Er mag simpel klingen, aber ehrlich gesagt ist es die wichtigste Lektion, die ich seit meiner Ankunft in München vor sieben Jahren gelernt habe:

Im Fußball gibt es nur zwei Spiele, die wirklich wichtig sind: das letzte und das nächste.

Genauso ist es.

Es spielt keine Rolle, was du sonst noch gemacht hast. Du bist immer nur so gut, wie dein letztes Ergebnis. Es bringt dich nicht weiter, wenn du rumsitzt, dir deine Pokale anschaust und dich im Glanz deiner Erfolge sonnst.

Der Ball rollt weiter.

Erfolg ist vergänglich.

Es gibt immer eine neue Herausforderung, einen neuen Champion.

Bayern hat genau das verinnerlicht. Wir haben viele großartige Spieler in unseren Reihen, die wirklich alles gewonnen haben – Meisterschaften, die Champions League, den WM-Titel. Aber sie kommen trotzdem jeden Tag zum Training, stellen sich dem Druck und arbeiten hart, um sich zu verbessern. Um sich wirklich zu verbessern – sowohl als Spieler als auch als Mannschaft. Denn wir wollen die nächste Partie unbedingt gewinnen.

Diese Einstellung ist für uns selbstverständlich. Sie ist mir derart in Fleisch und Blut übergegangen, dass ich im Training nicht zurückziehen und mich entspannen kann. Selbst, wenn ich wöllte – es geht nicht. Irgendwas in mir lässt mich immer mindestens 100 % geben!

Wir haben diesen Spirit in die Champions League 2020 mitgenommen.

Unser erstes Spiel im Finalturnier – das berühmte Viertelfinale gegen Barcelona – war der helle Wahnsinn. Zur Pause sind wir mit einer 4:1-Führung im Rücken in die Katakomben gegangen. Wir haben uns nur angeschaut und gedacht: „Das ist verrückt. Was geht denn hier ab???“ Wir konnten es selbst nicht fassen. Dann sind wir wieder raus auf den Platz und haben in den zweiten 45 Minuten vier weitere Treffer nachgelegt. Irre!

Niemand hätte mit so einem Ergebnis gerechnet. Ich weiß noch, wie ich nach der Partie dachte: „Okay, das war’s. Jetzt kann uns niemand mehr aufhalten.“

Die Mentalität des gesamten Teams, dieses unglaubliche Vertrauen in uns selbst und in unsere Mitspieler – ich wusste, dass wir das Ding nach Hause holen würden.

All das, was uns mit der DFB-Elf bei der WM 2018 fehlte, hatten wir zwei Jahre später beim FC Bayern.

Im Finale ging es gegen Paris. PSG war richtig gut, hat kaum Fehler gemacht und zahlreiche gute Chancen herausgespielt. Vielleicht hätte Choupo-Moting treffen müssen – heute können wir im Training mit ihm darüber lachen ;-) Aber unser Teamgeist hat uns nach der Führung über die Zeit gebracht.

Ich kann mich noch genau an meine Hereingabe zu Kingsley erinnern. Ich wollte den Ball zum zweiten Pfosten schlagen, weil ich wusste, dass er und Lewy dort lauerten. Für Lewy war die Kugel zu lang, aber King nickte sie mit geschlossenen Augen über die Linie!

Ich muss gestehen, dass ich gar nicht richtig jubeln konnte, als der Ball im Netz zappelte – ich wollte den Fokus nicht verlieren. Unser Trainer für Standards bei der deutschen Nationalmannschaft bläut uns immer wieder ein, dass die zwei Minuten nach einem Torerfolg entscheidend sind, da in dieser Phase ein erhöhtes Risiko für Gegentreffer besteht. Wenn du dich nach einem Tor zu übermäßigem Jubel hinreißen lässt, kannst du dein hohes Konzentrationslevel einbüßen. In jenem Moment klangen seine Worte deutlich in meinem Ohr.

Als der Schiedsrichter die Partie endlich abpfiff, war ich überrascht. Ich war noch immer voll angespannt und realisierte erst gar nicht, dass es vorbei war. Ich merkte nur, wie alle um mich herum losrannten – und ich stand mittendrin wie paralysiert. Thomas Müller muss gemerkt haben, dass ich es noch immer nicht geschnallt hatte. Er kam zu mir, packte meinen Kopf und schrie dann: „WIR HABEN’S GESCHAFFT! WIR HABEN’S GESCHAFFT!“

Typisch Thomas Müller eben.

Aber im Ernst: Erst als er mich wachrüttelte, wurde mir klar: „Oh mein Gott, wir haben es wirklich geschafft.“

Dann begab ich mich auf die Suche nach Serge Gnabry. Wir kennen uns, seit wir zwölf Jahre alt sind und gemeinsam beim VfB Stuttgart im Nachwuchs gekickt haben.

Wir lagen auf dem Rasen des leeren Stadions in Lissabon, genossen den Augenblick und schauten in den Abendhimmel. Dieser Moment war nur für uns. Die Jungs aus Bösingen und Weissach lagen einfach da und sinnierten darüber, wie sie über genau diesen Augenblick vor 13 Jahren in Stuttgart geredet hatten. Wie sie diesen Traum über all die Jahre weiterverfolgt hatten. Wie er für beide Stück für Stück näher kam und schließlich wahr wurde – im gleichen Trikot, am selben Abend. Es war unglaublich.

Als Manu den Henkelpott in die Höhe stemmte, wollte ich alles in meinem Kopf festhalten. Ich wollte ein Bild vor meinem geistigen Auge machen und es nie wieder loslassen.

Denn bald würde dieser Moment nur noch ein Ausschnitt der Geschichte sein.

Das war die Vergangenheit. Die Gegenwart ist jetzt. Es steht wieder eine Weltmeisterschaft vor der Tür und wir alle wissen, was das für Deutschland bedeutet. Wir kennen den Druck, er ist wie beim FC Bayern.

In fast jeder Partie bist du der Favorit. Die Fans erwarten, dass du jedes Spiel gewinnst, dass du jede Begegnung dominierst.

Der einzige Unterschied ist, dass der Druck mit der Nationalmannschaft noch etwas größer ist, denn wir laufen dem Erfolg nun seit geraumer Zeit hinterher. Und als Spieler bekommst du nicht so viele Möglichkeiten, einen Titel für dein Land zu holen.

Das nächste Turnier kann immer dein letztes sein. Vielleicht kommt die Chance nie wieder.

Für die Menschen in Deutschland, für die Fans, ist der goldene WM-Pokal die wichtigste Trophäe von allen, auch wenn ich meine Karriere nicht daran messen möchte, ob ich ihn je in Händen gehalten habe.

Die erste Weltmeisterschaft, die ich intensiv verfolgte, war das Sommermärchen 2006 in Deutschland.

Ich weiß noch, wie ich damals an einem Jugendturnier in Berlin teilnahm. Danach nahm mich mein Vater zusammen mit ein paar Freunden mit auf die Fanmeile, wo wir beim Viertelfinale gegen Argentinien vor der Großbildleinwand mitfieberten. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie Oliver Kahn direkt vor dem Elfmeterschießen zu Jens Lehmann ging, um ihm Glück zu wünschen. Und natürlich vergesse ich nicht, wie Tim Borowski den entscheidenden Elfer verwandelte.

Nach dem Halbfinale gegen Italien war ich am Boden zerstört. Aber trotz meiner elf Jahre habe ich nicht geweint. Es war ein ganz besonderer Sommer für eine ganze Nation. Und ich habe das erste Mal die volle Bandbreite an Emotionen gespürt, die mit der Nationalmannschaft verbunden sind.

Die WM-Endrunde 2018 konnte mit diesen Erinnerungen an frühere Turniere nicht mithalten.

Ich trage diese Enttäuschung noch immer mit mir herum.

Doch das war die letzte WM, nun kommt die nächste.

Wir haben eine gute Qualifikation gespielt. Wir haben einen erstklassigen Trainer. Unser Kader hat eine gute Mischung aus Erfahrung und Potential, um als Mannschaft hoffentlich zu überzeugen. Ich bin kein Neuling mehr. In den letzten Jahren habe ich viel gelernt und ich spüre, dass ich mehr Verantwortung für die Mannschaft und unsere Ergebnisse übernehme. Aber es geht um uns alle gemeinsam.

In einem Interview fragte Thomas einst: „Wann kam der Gewinner des Ballon d’Or letztmalig aus Deutschland?“

Das war der großartige Matthias Sammer im Jahr 1996. Und obwohl wir nicht diese Masse an Superstars hervorbringen, schafft es Deutschland immer wieder bis ins Halbfinale oder Finale.

Warum? Weil wir als Einheit stark sind, für die Mitspieler einstehen und mannschaftliche Geschlossenheit zeigen. Diese Werte machen den Erfolg Deutschlands aus.

Ich glaube nicht, dass irgendjemand ins Turnier geht und sich bereits als Champion fühlt. Diese Mentalität entwickelt sich von Spiel zu Spiel, wenn du eine echte Mannschaft bist.

Vielleicht haben wir in der Vergangenheit zu viel über den Titel geredet und den zweiten Schritt vor dem ersten gemacht. In diesem Winter weiß ich ehrlich gesagt nicht, wie Erfolg aussehen kann. Vielleicht herrscht eine andere Erwartungshaltung, vielleicht ist das gar nicht schlecht.

Versteht mich nicht falsch, ich habe immer große Träume. Ich liebe Herausforderungen. Und ich weiß, dass wir weit kommen können. Aber wir müssen Schritt für Schritt gemeinsam voranschreiten.

Alles beginnt mit der Auftaktpartie.

Am 23. November gegen Japan.

Das ist das nächste Spiel. Nichts anderes zählt.

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