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Kolumne

Rot Weiß - die Bayern-Fan-Kolumne: Überfordertes Mittelfeld: Niko Kovac bekommt Bayerns Schwachstelle nicht in den Griff

Die Meinungen sind einhellig: Die Abwehr der Bayern ist schuld an der Niederlage gegen Leverkusen. Aber das ist zu kurz gedacht: Das Problem liegt einen Mannschaftsteil weiter davor - verantwortlich dafür ist Trainer Niko Kovac.

Von Stefan Johannesberg

FC Bayern München

Da ist die Welt noch in Ordnung: David Alaba gratuliert Leon Goretzka auf eigenwillige Weise zu dessen Treffer gegen Leverkusen. Danach kassierten die Bayern aber noch drei und verloren.

Getty Images

Rechtsverteidiger Joshua Kimmich blieb als Thiago-Ersatz im Spiel gegen Leverkusen auf der zentralen Sechserposition bestenfalls blass, zeigte aber nach dem Spiel wahre Größe: "Ich hatte zwei, drei Ballverluste, wo man eigentlich keine Ballverluste haben darf - schon gar nicht auf der Sechs. Allgemein zu meinem Spiel glaube ich, dass ich der Mannschaft nicht so viel Dominanz im Spiel mit dem Ball geben konnte." Sicherlich hatte auch der Nationalspieler seinen Anteil an der desaströsen zweiten Halbzeit in Leverkusen, doch begleitet die Bayern bereits seit Kovac' Amtsübernahme eine fehlende Pass- und Positionssicherheit. Anscheinend hatte der Trainer gehofft, das Problem durch weniger Rotation, ein besseres Gegenpressing und durch die - von der Mannschaft - erzwungene Änderung vom 4:3:3 mit zwei Achtern zur Doppelsechs gelöst zu haben.

"Das Umschaltspiel und das Verteidigungsspiel muss besser werden“, analysierte Kovac in der Pressekonferenz vor dem Pokalspiel bei Hertha BSC Berlin. Kein Wort über offensives Pass- und Positionsspiel. Es scheint, als fehle ihm komplett die Fantasie und Notwendigkeit für den Ballbesitz-Fußball. Für ihn besteht das Spiel fatalerweise nur aus Pressing, Konter und tiefstehender Verteidigung. Immerhin war aber das genau jenes fehlende Offensiv-System bei Ballbesitz bereits in der ersten Saisonhälfte in den Heimspielen gegen Freiburg, Augsburg, Düsseldorf und Gladbach hauptverantwortlich für die Krise der Bayern und den Rückstand auf Dortmund.  Seit dem Wochenende müssen sich in München aber alle Verantwortlichen eingestehen: Wenn ein Spieler fehlt, funktioniert im Mittelfeld nichts mehr.

Bayerns Mittelfeld: Thiago oder nix

Jener Spieler hört auf den Namen Thiago und kompensiert durch seine Fähigkeit, Spielsituationen zu antizipieren, seine Ballsicherheit und Spieleröffnung die planlosen Phasen unter Kovac. Gegen Bayer Leverkusen fehlte der Spanier und die Bayern wirkten oft wie vogelwild. "Die vorne haben gesagt, das werden die Jungs hinten schon meistern", sagte Kovac nach dem Spiel verärgert. "Du kannst nicht den Anspruch haben, drei zu kassieren und dann noch zu gewinnen. Jeder weiß, dass die Meisterschaften hinten entschieden werden. Vorne werden nur die Spiele gewonnen."

Joshua Kimmich nahm als Führungsspieler, wie gesagt, die Schuld an der Niederlage auf sich, doch was soll er auf dem Feld tun, wenn keiner weiß, wie er sich bei Ballbesitz unter Druck zu positionieren hat? Thiago schafft es durch ein, zwei geschickte Dribblings und Ballmitnahmen meistens, den anderen Spielern Zeit für passende Laufwege zu schenken. Automatisiert wie zu Pep-Zeiten wirkt da nichts mehr - und so verzweifeln alle außer ihm. Martinez braucht zu lange für eigentlich alles, Kimmich fehlt vor allem die Spielpraxis und Leichtigkeit auf der Position, Sanches Ruhe und Erfahrung. Goretzka ist eher der "Mittelfeld-Müller" und James, bei Heynckes manchmal als Spielgestalter eingesetzt, scheint unter Kovac, kein Bein aufs Feld mehr zu kriegen. Die Analyse lässt für die Spiele gegen Liverpool in der Champions League Böses erahnen, sind die Engländer doch noch ein, zwei Stufen besser als Leverkusen.  

Liverpool droht: Gibt es Möglichkeiten für Kovac?

Die erste Möglichkeit ist einfach: Beten, dass Thiago in beiden Spielen fit ist. Eine zweite gibt es nicht, da die Liverpool-Spiele für den talentierten Mittelfeld-Allrounder Tolisso nach seiner Kreuzband-Reha wohl noch zu früh kommen. Kovac selbst kann eben nicht auf voller Fahrt seinem maroden Schiff einen neuen Motor einbauen - den er noch nicht einmal entworfen hat. Kovac muss auf funktionierende "Workarounds" vertrauen. Das heißt: Goretzka muss im Hinspiel an der Anfield Road auf der Zehn statt auf der Sechs spielen, um das Fehlen von Thomas Müller zu kompensieren und um dort wenigstens defensiv und mit Laufstärke gegen das Klopp-Team dagegen zu halten. James darf daher höchstens auf Außen zum Einsatz kommen, je nach Form von Sorgenkind Serge Gnabry. Joshua Kimmich muss wieder rechts verteidigen und Javi Martinez die Löcher stopfen. Trotz aller Schwächen dieser Optionen hat der Kader unter Kovac keine anderen, taktischen Möglichkeiten mehr parat.

Links steht Uli Hoeneß im Anzug vor einem großen FC Bayern-Wappen, rechts liegt er als jüngerer Mann im Krankenhausbett

Maues Mittelfeld - das muss im Sommer passieren

Die Entscheidung über den Kauf potentieller Spieler steht und fällt mit der Zukunft von Coach Niko Kovac. Trotzdem tauchen bereits ein paar sinnvolle Personalentscheidungen im Mittelfeld am Horizont auf.  

Renato Sanches: Bei aller Liebe für die Dynamik und das Potential von Sanches braucht der Portugiese dauerhafte Spielpraxis über 90 Minuten. Bitte noch einmal ausleihen. 

Javi Martinez: Die Zeichen stehen auf Trennung. Oder Stand-by-Profi als Innenverteidiger sollten Boateng/Hummels gehen. Mehr ist nicht drin. Der bodenständige Spanier verdient jedoch auf jeden Fall einen genauso großen Abschied wie jede Legende des FCB.

James Rodriguez: Selbst bei einem Abgang von Niko Kovac steht die Karriere des Kolumbianers an der Säbener Straße vor dem Ende. Seine offensiven Fähigkeiten füllen ganze Bücher, doch dank wichtiger Spieler wie Müller oder Lewandowski wird es auch in Zukunft kein vorrangig auf James' abgestimmtes System geben. Das braucht die feingeistige Diva aber. 

Joshua Kimmich und Thomas Müller: Beide Spieler brauchen vor der Saison klare, eindeutige Positionen als Stammspieler. Besonders Kimmich könnte sich doch noch einen Platz als Sechser erkämpfen, sollte Neu-Bayer Benjamin Pavard auf rechts starten.

Thiago: Der Spanier wird noch stärker zum absoluten Fixpunkt des Bayern-Spiels und die nächste Stufe erklimmen. 

Corentin Tolisso und Leon Goretzka: Die beiden torgefährlichen Achter bilden mit Thiago das Stammgerüst für die nächsten Jahre. 

Sanches, Martinez und James können also gehen. Leverkusens Havertz und PSGs Rabiot gerne kommen. Einen klassischen Ausputzer brauchen die Bayern hoffentlich nicht. Eher stellt der alte oder neue Coach auf Dreierkette um. Das Spielermaterial hätten die Bayern. Die Zukunft scheint gesichert, für dieses Jahr hilft im Mittelfeld jedoch nur Beten.

tis

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