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Frauenfußball-EM: Darum werden wir Europameister(in)

Jetzt gilt es: Am Sonntag um 16 Uhr spielen die deutschen Fußball-Frauen gegen Norwegen um den EM-Titel. Zehn Gründe, warum es ein neues Sommermärchen gibt.

Von Klaus Bellstedt

Auch Angela Merkel und Joachim Löw drücken Deutschlands jungen Titel-Jägerinnen die Daumen: Die Fußball-Frauen des DFB greifen am Sonntag (ab 16 Uhr im stern.de-Liveticker) im Finale gegen Norwegen bereits nach ihrer achten EM-Krone. Zehn Gründe, warum wir glauben, dass die Girls es packen.

1. Die Abwehr

Das deutsche Team hat bei der EM in Schweden in fünf Spielen nur einen Gegentreffer kassiert – weil die Defensive so stark ist. Die erfahrenen Annike Krahn und Saskia Bartusiak bilden in der Innenverteidigung ein kaum zu überwindendes Bollwerk. Beide sind zweikampf- und kopfballstark, Bartusiak jedoch ist filigraner im Spielaufbau, während die für Paris St. Germain spielende Krahn auch schon mal rustikal dazwischenhaut und den Ball auf das Tribünendach drischt. Außen wirbeln die schnellen Leonie Maier (rechts) und Jennifer Cramer (links), die defensiv wie offensiv fast gleich stark sind.

2. Torfrau und Anführerin

Nadine Angerer. Vor diesem Namen fürchten sich gegnerischen Angreiferinnen. Und zwar vollkommen zu Recht. Die 34-jährige Spielführerin wirkt gereift und ist als Führungspersönlichkeit mit ihrer Ruhe im Tor und ihrer Ausstrahlung nach außen kaum zu ersetzen. Angerer knüpft bei der EM fast an ihre Weltklasseleistungen bei der WM 2007 in China an, als sie im gesamten Turnier nicht ein Tor kassierte. Mit so einer Persönlichkeit im Kasten wird man Europameister.

3. Teenie-Power

Zwei 19-Jährige sorgen gerade bei der Frauen-Nationalmannschaft für ganz viel frischen Wind: Lena Lotzen und Melanie Leupolz. Das Duo spielte beim befreienden 3:0 gegen Island groß auf, Bayern-Spielerin Lotzen schaffte nach dem schwachen 0:0-Start gegen die Holländerinnen für Deutschland das erste Turnier-Tor. Freiburgs Leupolz sorgte auf der linken Angriffsseite für neuen Schwung, verdrängte zeitweise sogar die routinierte Anja Mittag auf die Bank. Die Unbekümmertheit der beiden frechen Teenies könnte im Finale ein entscheidender Faktor sein.

4. Der Neid-Faktor

Nach dem WM-Desaster 2011 war Bundestrainer Silvia Neid schwer angeschlagen. Ihr Umgang mit Birgit Prinz und ihre Reaktion auf das Viertelfinal-Aus nach dem 0:1 gegen Japan waren tatsächlich diskussionswürdig. Viele forderten ihren Rücktritt. Aber Neid blieb. Und erfand sich ein bisschen neu. In Schweden kommt sie jetzt lange nicht mehr so verbiestert daher. Die 49-Jährige wirkt locker und entspannt. Aber was noch viel wichtiger erscheint: Silvia Neid hat ihrer Mannschaft bis jetzt zumindest immer die richtige Taktik an die Hand gegeben. Hinzu kommen Leidenschaft und Mut. Von der Trainerin vorgelebt, vom Team perfekt umgesetzt.

5. Der Teamgeist

Außer Frage steht, dass die Mannschaft nicht nur von ihrer spielerischen Klasse, Fitness und Intelligenz lebt, sondern auch von ihrem überragenden Teamgeist profitiert. "Schon in der Vorbereitung hatten wir einen tollen Geist in der Mannschaft und viel Spaß miteinander. Das hat sich im Turnier in Schweden fortgesetzt", versichert Innenverteidigerin Saskia Bartusiak. Und Bundestrainerin Silvia Neid sagt: "Wenn man dann noch im Finale steht, kann man sich noch besser leiden."

6. Der Hype in der Heimat

Nach dem Finaleinzug hat man das Gefühl, dass ein neuer Hype um die Fußball-Frauen entstanden ist. Ganz Deutschland steht hinter den Mädels. Das beweist auch die TV-Quote vom Halbfinale. 8,22 Millionen Zuschauer verfolgten das umkämpfte Match gegen die Schwedinnen. Die mediale Rückmeldung ist bemerkenswert. Übrigens: Für das Finale am Sonntag drücken auch Männer-Bundestrainer Joachim Löw und Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff die Daumen. "Finale! Was ein Wahnsinn!", hieß es in einem Schreiben, das die DFB-Frauen nach dem Schweden-Spiel erhielten. Und: "Holt den Titel!" Der Brief war außer von Löw und Bierhoff auch von Co-Trainer Hansi Flick und Torwart-Coach Andreas Köpke unterschrieben und wurde von den DFB-Frauen auf Twitter veröffentlicht. Philipp Lahm meldete sich in einer Mitteilung des Deutschen Fußball-Bundes ebenfalls zu Wort: "Auf geht's Mädels, setzt euch wieder Europas Krone auf!", sagte der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft. Mehr Support geht wirklich nicht.

7. Der Turnierverlauf

Es kann einer Mannschaft nichts Besseres passieren, als sich innerhalb eines Turniers langsam zu verbessern. Die deutschen Fußball-Frauen haben sich nach der holprigen Vorrunde enorm gesteigert und rechtzeitig vor dem großen Finale ihre Topform erreicht. Gegen Schweden war die Leistung schon Europameister-würdig. Jetzt müssen die Girls den Schwung nur noch konservieren. Mental sollten sie dazu in der Lage sein.

8. Die Zeit

Endspielgegner Norwegen kämpfte sich am späten Donnerstagabend in Norköpping durch 120 Minuten und hatte erst im Elfmeterschießen mit 4:2 das glücklichere Ende für sich. Dass die deutschen Frauen nicht traurig sind über diesen Kraftakt der Norwegerinnen, die ohnehin 24 Stunden weniger Erholungspause bis zum Finale haben, liegt auf der Hand. Zumal am Sonntagnachmittag wieder hochsommerliche Temperaturen erwartet werden. "Für uns war es gut, dass wir einen Tag länger zur Regeneration und Erholung hatten", sagt Silvia Neid.

9. Der Gegner

Vor zehn Tagen zum Vorrundenabschluss gab es gegen die Norwegerinnen zwar eine 0:1-Niederlage, aber dieses Ergebnis dient jetzt in erster Linie als Zusatzmotivation. Und unterschätzen wird man die Skandinavierinnen jetzt auch nicht mehr. Die haben darüber hinaus in einem EM-Finale gegen die Deutschen eh noch nie einen Stich gesehen. Schon dreimal war Norwegen (1989, 1991 und 2005) der Unterlegene.

10. Die Geschichte

Bislang hat die DFB-Auswahl noch nie ein EM-Endspiel verloren. Siebenmal stand Deutschland schon im Finale - siebenmal verließ man den Rasen als Sieger – wenn das mal kein gutes Omen ist ...

mit DPA

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