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Günter Netzer: Spielkritik als Inszenierung

Wenn Günter Netzer ein Fußballspiel kommentiert, ist er selten begeistert, außer von sich selbst. Zur Schau gestellte Eitelkeiten und verbale Drahtseilakte - auch bei der Mini-WM gehören seine Kommentare einfach mit dazu.

Natürlich würde er das nie zugeben, aber sein Auftreten und seine Worte verraten es: Für Günter Netzer ist Fußball die wirklich schönste Nebensache der Welt. Die Hauptsache: er selbst, der grimmepreisgekrönte Kritiker für die Fußballnation. Während des Confederations Cup sind er und Gerhard Delling als gegensätzliches Kommentatoren-Duo für ARD und ZDF im Einsatz. Die Arbeitsteilung - fast wie auf Rasen: Delling ist für die Vorlagen zuständig, Netzer verwandelt sicher. "Sehen Sie das genauso, Herr Netzer?" - "Nur wenn sie das auch so sehen, Herr Delling?" Im edlen Maßanzug steht Günter Netzer im Studio und füttert das Fußball-Phrasenschwein, bis es zu platzen droht. So auch gegen Australien.

"Mir gefällt an diesem Spiel ungefähr gar nichts", lautete seine äußerst differenzierte Bewertung des Halbzeitstandes von 2:2 - immerhin Deutschland war zweimal in Führung gegangen und erfüllte mit Podolski und Kuranyi die Erwartungen im Spiel nach vorne. Erfahrene Fußballzuschauer standen in diesem Moment aus ihrem Fernsehsessel auf und eilten zu Kühlschrank oder Grill, denn sie wussten Bescheid: Netzer findet wieder mal alles blöd.

Die Nationalmannschaft habe kopflos agiert - interessant, dass es im Fußball neuerdings aufs Köpfchen ankommt. Nach dem Sieg der Klinsmänner gab sich Netzer dann ratlos. "Ich weiß nicht, was es ist. Heute hat mir kaum etwas gefallen.", war des Kritikers Fazit. Aber in einer Sache war er sich sicher: "Alles was Olli Kahn reingekriegt hat, war drin." Mal ehrlich, für solche Sätze schaltet man doch gerne den Kopf ab und die Mattscheibe ein?

Aber bitte nicht den Sand in den Kopf stecken, Netzer konnte ja auch loben. Wenigstens sei Podolski „aufs Tor losgegangen“. Ja, Netzer ließ sogar Kritik aus: An dem Freistoß-Treffer der Australier zum 1:1, bei dem die deutsche Mauer hochsprang und Skokos Schuss direkt an Kahn vorbei ins Netz zischte, konnte Netzer nichts finden. "Ich würde einem Torwart nie einen solchen Fehler ankreiden, er ist darauf gefasst, das es oben passiert nicht unten." Okay, Netzer sagte selbst, es war ein Fehler. Aber ankreiden wollte er ihn nicht. Egal, die Ego-Show ging weiter. "Das ist etwas, was ich schon sehr oft bemängelt habe“, so beginnt eine klassische Netzer-Phrase, die er beliebig fortsetzen kann. “Ballack ist selbst schuld. Overath und ich haben unsere Mitspieler zum Abgeben gezwungen." Dellings Konter: „Im Zwingen waren sie schon immer gut.“ Das Spiel der Nationalmannschaft war längst Nebensache.

Netzers krude und streitbare Statements sind die Reibungspunkte für die Millionen selbsternannter Bundestrainer vor den Fernsehapparaten. Das dabei der echte Teamchef bisweilen auf die Palme geht, verleiht den Aussagen des Mannes mit dem akkuraten Seitenscheitel noch mehr Zündkraft. Im September 2003 explodierte Rudi Völler vor laufenden Kameras, nachdem Netzer den „absoluten Tiefpunkt“ für erreicht erklärt hatte. Deutschland hatte nicht etwa verloren, sondern gegen Island 0:0 gespielt. Völler: „Ich kann dieses Gerede nicht mehr hören.“ Er meinte Netzer und Delling - Stoff für unendliche Kneipendiskussionen.

Netzer brauchte das nicht zu stören. Er war schon immer ein für Gerede gut. Sportlich, als er sich 1973 beim Pokalfinale gegen Köln für die Gladbacher Fohlen selbst einwechselte und prompt den Siegtreffer erzielte. Privat, weil der Europameister von 1972 wie ein Dandy lebte. In seiner Mönchengladbacher Zeit betrieb Netzer eine Disco, heiratete ein Model und hob sich auch äußerlich von Overath und Co ab. Bei ihm wusste man immer, wo er grade dran war.

Auch bei der Mini-WM bleibt Netzer die öffentliche Person, für die man gerne schon eine Dreiviertelstunde vor den Spielen der Deutschen einschaltet. Keiner mag ihn, aber alle wollen die „Netzerisms“ und die Wortspiele mit Delling hören. Seine fußballerische Kritik mag überheblich oder inhaltlich falsch sein. Ignorieren kann sie Jürgen Klinsmann nicht, weil in jedem Fußballfan ein kleiner Günter Netzer steckt.

Nils Schmidt

Wissenscommunity