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Hamburger SV: Ein Verein in Trümmern

Der HSV ist aus der Europa League ausgeschieden, eine Teilnahme im nächsten Jahr ist quasi ausgeschlossen und auch in der Bundesliga läuft es nicht. Jetzt wird Kritik an Klubchef Bernd Hoffmann laut.

Die Fans forderten den Abgang von Klubchef Bernd Hoffmann, Aufsichtsratsboss Horst Becker rang nach Worten und die Profis konnten ihre Enttäuschung nur schwer in Worte fassen: Nach der 1:2 (1:0)-Niederlage beim englischen Mittelklasse-Klub FC Fulham und dem geplatzten Traum vom Europa-League-Finale am 12. Mai im eigenen Stadion hat der Hamburger SV endgültig den Tiefpunkt seiner verkorksten Saison erreicht. Der erste große Titel seit 23 Jahren lässt weiter auf sich warten, international wird der HSV in der kommenden Spielzeit mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit nicht dabei sein.

"Wir haben eine riesengroße Möglichkeit verpasst. Das ist die bitterste Niederlage meiner Karriere", sagte Stürmer Mladen Petric, der sein Team mit einem traumhaften Freistoß-Treffer aus rund 30 Metern noch auf die vermeintliche Siegerstraße gebracht hatte (22. ): "Nun stehen wir mit leeren Händen da und können nichts mehr machen. Der Schmerz sitzt tief. Ich weiß noch gar nicht, wie man das verarbeiten soll."

Rückendeckung für den Klubchef

Bei den Fans entlud sich der Frust nach den Gegentoren von Simon Davies (69.) und Zoltan Gera (76.) derweil in Richtung des Vorstandsvorsitzenden, der am vergangenen Montag auf die Talfahrt der vergangenen Monate reagiert und Chefcoach Bruno Labbadia durch Interimstrainer Ricardo Moniz ersetzt hatte. "Hoffmann raus", schallte es nach dem Schlusspfiff aus den Reihen der 1300 mit nach London gereisten Anhänger. Der HSV-Boss gerät immer mehr unter Druck.

In der Bundesliga liegen die Hanseaten mit fünf Punkten Rückstand auf die Europapokalränge nur auf Platz sieben, im DFB-Pokal war Drittligist VfL Osnabrück in Runde zwei Endstation und nun brach durch den Euro-League-K.o. auch noch der letzte Strohhalm. "Es bringt nichts, nach Schuldigen zu suchen. Natürlich muss sich Bernd Hoffmann kritische Fragen gefallen lassen. Aber der Vorstand hat in den vergangenen Jahren gute Arbeit geleistet", sagte Becker.

Tatsächlich kam der HSV in Hoffmanns siebenjähriger Amtszeit der europäischen Spitze ein gutes Stück näher und erwirtschaftete im letzten Geschäftsjahr 2008/2009 einen Rekordgewinn von 13,4 Millionen Euro. Die Personalien der jüngsten Vergangenheit waren jedoch alles andere als glücklich. Da gab es den Abgang von Sportchef Dietmar Beiersdorfer, die von Beginn an umstrittene Verpflichtung Labbadias, den bisher kolossal gefloppten Zehn-Millionen-Transfer von Marcus Berg und die äußerst langatmige Suche nach einem neuen Sportdirektor. Alles Themenfelder, an denen auch der Aufsichtsrat maßgeblich beteiligt war.

Ein Neuanfang muss her

Kaum verwunderlich, dass Becker und Hoffmann nach der letzten großen Enttäuschung der Saison fast wortgleich zu Durchhalteparolen griffen. "Schalke, Leverkusen und Dortmund haben zuletzt auch nicht international gespielt", lautete die einheitliche Parole mit anschließendem Verweis auf die Leistungen der betreffenden Klubs in der laufenden Spielzeit. "Davon geht die Welt nicht unter", meinte Hoffmann und hoffte weiter, dass sein Verein in der Bundesliga doch noch auf den angepeilten sechsten Platz rutschen könnte. Dies würde angesichts von nur noch zwei ausstehenden Spielen aber einem Wunder gleichen, an das selbst Interimscoach Moniz nicht mehr recht zu glauben scheint. "Es ist ein Drama. Jetzt ist alles weg. In der Kabine herrschte totale Stille. In so einer Situation ist jedes Wort zu viel", meinte der Niederländer, der zur kommenden Saison wohl Beiersdorfer zu Red Bull folgen wird.

"Es wird sich bei uns das eine oder andere ändern. Vielleicht wird eine Art Neuanfang gemacht", sagte Petric. Zunächst muss erst einmal ein neuer Trainer her. Hoffmann kündigte eine "zügige Entscheidung noch vor Beginn der WM" an. Auch das Schicksal des Klubchefs könnte damit verbunden sein, ob er dieses Mal richtig liegt.

Fulham trifft am 12. Mai im HSV-Wohnzimmer nun auf Atletico Madrid, das den FC Liverpool ausschaltete. "Wenn man im eigenen Stadion zwei anderen Mannschaften zusehen muss, hinterlässt das einen ganz bitteren Nachgeschmack", sagte Becker.

SID / SID

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