HSV-Krise Lahme Ente und Dosenschießen


Vor kurzem noch Mannschaft der Stunde, verliert der HSV in der finalen Saisonphase den Boden unter den Füßen. Wie ein Damoklesschwert hängt die anhaltende Trainersuche über dem Verein. Dem scheidenden Coach droht nach dem sportlichen Sinkflug ein unschöner Abgang.
Von Martin Sonnleitner, Hamburg

Das Thema erste schwarz-grüne Länderkoalition in der Geschichte der Bundesrepublik ging in der eitlen Medienmetropole Hamburg ein wenig unter. Heute soll der Koalitionsvertrag dingfest, die historische Zäsur von CDU und GAL perfekt gemacht werden. Doch die Stadt hat seit Monaten noch ein anderes Thema auf ihrer Agenda: Wer wird neuer Trainer beim Hamburger SV?

Die Sache beginnt, rasant an Fahrt zu gewinnen, da sich das Team von Noch-Cheftrainer Huub Stevens in einer anhaltenden sportliche Krise befindet, die lange Zeit sicher geglaubten Qualifikationsplätze für einen europäischen Wettbewerb sind in akuter Gefahr. Schlimmer noch: Das so sorgsam zusammengehaltene HSV-Korsett droht in der finalen Saisonphase auseinanderzuplatzen. Spieler werden mit einem Maulkorb versehen, sofern sie nicht gleich suspendiert werden und Stevens, bis vor kurzem noch allseits respektierter Übungsleiter, droht zur "lame duck" zu mutieren.

Stevens unter Druck

Am 19. November war es, als der HSV-Coach bekannt gab, dass er im Sommer den Verein in Richtung PSV Eindhoven verlassen werde. Ein Hauptgrund war die schwere Krankheit seiner Ehefrau Toos, die jüngst erneut am Darm operiert werden musste. Stevens weilt derzeit bei ihr in den Niederlanden und hält ihr seine wärmende Hand.

Sie wollten ihm hier ein Denkmal setzen, denn bei Stevens' Amtsantritt, im Februar 2007, war der HSV Tabellenletzter und drohte abzusteigen. Dann führte der knorrige Niederländer die Rothosen mit einer furiosen Serie bis in den Uefa-Cup. Vor drei Wochen noch war man Tabellenzweiter, obwohl bis auf eine beachtliche Remissammlung wenig Konstruktives in der Rückrunde (drei Siege aus den letzten 15 Spielen) heraussprang.

Was niemand für möglich gehalten hatte, scheint nun eingetreten zu sein. Stevens' Autorität gegenüber der Mannschaft ist geschwunden. Zuletzt gab er dem wegen des Todes seiner Mutter mental ein wenig neben sich stehenden Vincent Kompany eine Woche unfreiwilligen Urlaub, was Kapitän Rafael van der Vaart auf den Plan rief. "Ich habe die Maßnahme nicht verstanden", intervenierte dieser via Lokalpresse, obwohl nach sachlicher Kritik vom Kollegen Bastian Reinhardt an van der Vaarts Spielweise niemand mehr öffentlich Kritik äußern darf.

Van der Vaart außer Form

"Es kann nicht sein, dass er nicht dabei ist, nur weil er schlecht gespielt hat. Wir alle haben schlecht gespielt", lederte van der Vaart weiter. Der als hängende Spitze eingesetzte und dort häufig mit sich selbst hadernde Leader befindet sich in einem anhaltenden Formtief, ebenso wie der aufstrebende Nationalspieler Piotr Trochowski, der meistens genervt ausgetauscht wird.

Doch Sportdirektor Dietmar Beiersdorfer plagen momentan andere Sorgen, präsentiert er nicht baldigst einen neuen Übungsleiter, droht die Situation aus dem Ruder zu laufen. Auch in der Fanszene rumort es gewaltig. Lange war es sogar für die professionellsten Beobachter schwierig, eine Hierarchie in die Listung möglicher HSV-Trainer zu bringen, denn der Vorstand schottete sich in puncto Informationspolitik hermetisch ab. "Bei der Verpflichtung achten wir drauf, dass die Wahrscheinlichkeit am Höchsten ist, viele Spiele zu gewinnen", war hierbei noch die konkreteste Antwort von Vorstandschef Bernd Hoffmann. Namen wurden im Dutzend gehandelt, als würde es sich um Zielobjekte beim Dosenschießen auf dem Hamburger Dom handeln.

Die Führung ist gespalten

Als große Neuigkeit sickerte dann vorige Woche durch, dass Hoffmann, nach einem anhaltenden Disput mit dem Sportchef, diesem die alleinige Entscheidungsbefugnis eingeräumt haben soll. Hintergrund: Kurz zuvor hatte der heiß gehandelte Mainzer Coach Jürgen Klopp bekannt gegeben, dass er zumindest bei einem Aufstiegsfall beim FSV bleiben würde, womit er sich selbst ins Aus katapultierte. Nun fügten sich die Indizien wie Mosaiksteine zu einem konturierten Gebilde zusammen.

Heraus gekommen sind zwei Fraktionen: Auf der einen Seite sthet der weltoffene Medienprofi Hoffmann. Dieser favorisierte von Anfang an stur-hanseatisch ein deutsches Modell und hatte dabei nicht zuletzt marketing-strategische Implikationen im Kopf. Sein Pendant ist der Tüftler Beiersdorfer, der eine internationale Lösung bevorzugt. Ihm geht es um eine anhaltende sportliche Strategie, weshalb Beiersdorfer gehandelte Namen internationaler Experten, wie Christian Gross (FC Basel) und vor allem Fred Rutten (Twente Enschede), zuordnet wurden. Vor einem halben Jahr noch hatte Beiersdorfer in einem Gespräch mit stern.de angemahnt, Konzepte unabhängig vom Chefcoach zu entwickeln, zu hoch sei die Fluktuation in diesem Gewerbe.

Ringen um Houllier

Als das Kandidatenkarussell sich immer schneller und konfuser zu drehen drohte, recherchierte das Fachblatt "Kicker" Anfang dieser Woche, dass nach fast fünf Monaten akribischer Scouting-Arbeit nun der französische Verbandstrainer Gerard Houllier als ernstzunehmender Anwärter gilt. Unklar bleibt indes, ob der neue Coach einen Champions-League-, Uefa-, UI-Cup-Teilnehmer oder aber eine graue Maus der Liga übernehmen wird. Und ob er eine neue taktische Strategie mit an die Elbe bringen wird. Denn Stevens’ krudes Devensivmodell mit der Doppelsechs und de facto keiner Offensivzentrale legt das gesamte Hamburger Angriffsspiel seit Monaten lahm. Seit auch die Punkteausbeute mangelhaft ist, hat sich dieses Konstrukt angreifbar gemacht.

Und noch ein historischer Rekurs: Das letzte Mal, als die Hanseaten attraktiven Fußball spielten und das Mittelfeld im Stile einer hoch frequentierten Nähmaschine Stiche in des Gegners Abwehrreihen tackerte, war unter Thomas Doll in der Saison 2005/2006. Mit van der Vaart und Trochowski in der Rautenformation.


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