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International Real Madrid und Barcelona - erste Eindrücke


Am gleichen Abend bestritten die beiden besten Clubteams der Welt Testspiele in Deutschland. Wir haben uns die Spiele von Real Madrid und Barcelona angesehen, erste Thesen zu den Perspektiven der beiden Mannschaften gesammelt - und diese auch mit denen des FC Bayern verglichen.

Ohne die verletzten Neuzugänge Hamit Altintop und Nuri Sahin sowie die ebenfalls verletzten Sergio Ramos und Esteban Granero bestritt Madrid sein erstes Saisonspiel in Europa nach einer siegreich bestrittenen Tournee durch die USA. Mit Fabio Coentrao (neu von Benfica) und José María Callejón (Espanyol) waren dennoch zwei Neue mit in der Startelf dabei. Im Olympiastadion von Berlin gab es einen insgesamt ungefährdeten 3:1-Sieg bei Hertha BSC.

Barcelona spielte bei einem stärkeren Gegner (Bayern München) mit einer Startelf, in der Lionel Messi, Xavi, Gerard Piqué, Dani Alves, Carles Puyol, Eric Abidal und Javier Mascherano fehlten. Dass Barca dennoch mit 2:0 gewann, spricht für die Kadertiefe der Katalanen, deren Auftritt dennoch weitaus weniger Schlüsse zuließ als das Madrider Gastspiel in Berlin - zumal der einzige richtige Neuzugang, den es bisher gab, Alexis Sanchez, über 90 Minuten auf der Bank saß.

1.) Die linke Seite von Real Madrid ist stark - aber defensiv anfällig
Fabio Coentrao wurde im defensiven Mittelfeld neben Xabi Alonso eingesetzt, also auf der Position von Sami Khedira. Marcelo ist nach seiner großartigen Saison 2010/11 natürlich hinten links gesetzt, und vorne auf dem linken Flügel ist Cristiano Ronaldo zu Hause. Gegen Hertha BSC war aber deutlich zu sehen, dass es den Neuzgang immer wieder nach links zog, wo er Doppelpässe mit Marcelo spielte und Herthas rechte Seite stark unter Druck setzte.

Wenn Ronaldo nach innen wechselte, übernahm Coentrao zudem schnell die Position auf der linken offensiven Außenbahn und die Grundformation von Real so faktisch zu einem 4-1-4-1. Ob diese Variante gegen stärkere Gegner jedoch auch praktiziert werden kann, bleibt zu bezweifeln. Selbst gegen Hertha war die linke Seite defensiv zumindest in der Anfangsphase recht anfällig für Konter - ein Problem, das Benfica in Spitzenspielen der letzten Saison auch nicht in den Griff bekam.

2.) José María Callejón könnte eine echte Konkurrenz für Ángel di María werden
Der 24-jährige Neuzugang von Espanyol stammt aus der Jugend von Real Madrid, braucht also keine lange Akklimatisierungszeit. Das merkte man schon in den USA, als er das erste Tor der Vorbereitung gegen LA Galaxy erzielte. Eigentlich linker Flügelstürmer, startete er in Berlin auf der rechten Seite, wechselte aber auch gerne mit Mesut Özil die Positionen und zog in die Mitte.

Aus einer dieser Situationen entstand auch das 1:2, als Callejón ein Anspiel von Xabi Alonso aufnahm und mit perfektem Steilpass Karim Benzema bediente. Der schloss eiskalt und präzise aus spitzem Winkel ab.

3.) José Mourinho wird an Karim Benzema schwer vorbeikommen
Dass Mourinho wenig Vertrauen in seinen französischen Mittelstürmer hat, demonstrierte er dem Präsidium, den Fans, den Medien und dem Spieler selbst im vergangenen Winter, als er dringend Verstärkungen für den Angriff forderte, um die Verletzung von Gonzalo Higuaín auszugleichen. Der Trainer machte keinen Hehl daraus, dass er Benzema für nicht gut genug erachtete und durfte schließlich Emmanuel Adebayor verpflichten.

In Berlin war Benzema allerdings der beste Mann auf dem Platz. Immer in Bewegung, immer anspielbar und mit einem tollen Abschluss zum Führungstor zum 2:1 lieferte der Franzose gute Argumente für einen Stammplatz - auch wenn er natürlich noch stärkere Gegner als Andre Mijatovic und Roman Hubnik in dieser Saison erwartet.

4.) Barcelona kann auch mit der B-Elf im Prinzip den gleichen Fußball spielen - aber nicht mit der gleichen Effizienz
Anders als Real Madrid in Berlin trat Barcelona in München nicht ansatzweise mit der besten Elf an. Während bei den Madrilenen bis zu acht Spieler in der Startelf standen, die das wohl auch in Wettbewerbssituationen tun würden, waren beim Champions League-Sieger nur fünf, und davon Sergio Busquets in der Innenverteidigung statt im zentralen Mittelfeld.

So sind Rückschlüsse auf das Leistungsvermögen der Mannschaft, zumal vier Wochen vor dem Saisonstart, nur sehr eingeschränkt möglich. Ohne Lionel Messi und Xavi ist Barcelona eben nicht Barcelona. Dennoch gelang es den Katalanen gegen eine ihrerseits stark ersatzgeschwächte Bayern-Elf, über weite Strecken das klassische, ballbesitzorientierte Spiel aufzuziehen. Das Tor fiel allerdings aus einem hohen Flankenwechsel von Jonathan Soriano, den Thiago mit dem Kopf verwertete.

5.) Thiago Alcântara ist der nächste Spieler, der den Sprung in Barcelonas Startelf schaffen könnte
Ein Unbekannter ist Thiago nicht. In der vergangenen Saison machte der heute 20-Jährige Mittelfeldspieler insgesamt 16 Pflichtspiele für Barcelonas erste Mannschaft, in denen er drei Tore erzielte. Bei der U21-EM in Dänemark im Juni wurde er in zwei von fünf spanischen Spielen zum Man of the Match gewählt, darunter im siegreichen Finale. Am Ende fand sein Name sich auch in der Elf des Turniers wieder.

In München demonstrierte der Sohn des brasilianischen Ex-Weltmeisters Mazinho, warum sein Name so hoch gehandelt wird. Mit einem Kopfballtor trotz Körpergröße von nur 170cm und einem fantastischen Schuss in den Winkel nach Doppelpass mit Ibrahim Afellay entschied Thiago das Spiel praktisch alleine.

6.) Bayern München kann nur unter außerordentlichen Umständen die Champions League gewinnen
Ein Vorbereitungsspiel vor Saisonbeginn sollte man nicht zum Maßstab der gesamten Saisonprognose machen. Aber Bayerns Vorstellung elf Tage vor dem ersten Bundesligaspiel gegen eine halbe Reserveelf von Barcelona, die noch zwei Wochen länger Zeit hat, bis es los geht, im eigenen Stadion, ist nicht dazu angetan, den Bayern eine Mitfavoritenrolle einzuräumen, wenn es um den Einzug ins Champions League-Finale in München geht.

Möglich, dass Bayern im Laufe der Spielzeit besser in Fahrt kommt, Trainer und Neuzugänge sich besser aufeinander einstimmen. Auch werden manche einwenden, Arjen Robben und Franck Ribéry hätten gefehlt. Stimmt schon, aber Xavi und Messi sind keine unwichtigeren Ausfälle als die fehlenden Münchner.

Daniel Raecke

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