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Ex-Bundestrainer Ein kalter November-Abend in Wolfsburg: Jogi Löw hat einen würdigeren Abschied verdient

Joachim Löw
Joachim Löw übernahm 2006 den Posten als Bundestrainer von Jürgen Klinsmann, nach der EM 2021 zog er sich zurück
© Hansjürgen Britsch / Picture Alliance
Beim Spiel gegen Liechtenstein in Wolfsburg wird Joachim Löw offiziell als Bundestrainer verabschiedet. Als Weltmeistertrainer hätte er einen anderen Rahmen verdient – nach Wertschätzung sieht dieser Abschied nicht aus.

Es gibt wenige Orte in Deutschland, die an einem kalten November-Abend wirklich attraktiv wirken – in der Zeit, in der es schon früh dunkel wird und die Weihnachtsmärkte noch nicht geöffnet haben. Ein Länderspiel in einem zugigen Fußballstadion in Wolfsburg(!) gegen Liechtenstein(!!) gehört mit Sicherheit nicht dazu. Es ist eher ein Pflichttermin im Saisonkalender als ein Festabend.

Und doch sieht genau so der Rahmen für den Abschied des Rekord-Bundestrainers aus. In 198 Spielen hat Joachim Löw, den alle nur als Jogi kennen, zwischen 2006 und 2021 die Nationalmannschaft betreut, 2014 hat er den Weltmeistertitel nach Deutschland geholt. Nach der EM in diesem Jahr endete seine Amtszeit, am Abend soll er dann auch offiziell verabschiedet werden: in Wolfsburg. Gegen Liechtenstein. Man hätte sich einen würdigeren Abschied für einen Mann mit solchen Verdiensten gewünscht.

Joachim Löw wird offiziell als Bundestrainer verabschiedet

Nichts gegen Wolfsburg, aber die Stadt und ihre VW-Arena zählen nicht gerade zu den Traditionsstandorten deutscher Fußball-Geschichte. Sieben Grad sind für den Mittwochabend vorausgesagt, immerhin soll es trocken bleiben – mehr kann man vom Wetter nicht erwarten. Aber eine der großen Stätten in Fußball-Deutschland hätte es dann doch sein können als Schauplatz für die Löw-Verabschiedung: Dortmund, München, Berlin, Hamburg. Wolfsburg wirkt da eher wie Provinz, auch wenn das Stadion mit 26.000 Zuschauern immerhin ausverkauft sein wird.

Wahrscheinlich wird es Blumen geben und ein paar warme Worte, vielleicht sogar Tränen beim ehemaligen Bundestrainer. Und dann spielt Deutschland gegen Liechtenstein. Wenn es die Kleinen im Fußball noch gäbe, gehörte Liechtenstein mit Sicherheit dazu. Große Unterhaltung muss man sich von diesem letzten WM-Qualifikationsspiel nicht versprechen. Sportlich ist der Kick ohnehin bedeutungslos, die DFB-Elf ist schon für das Turnier qualifiziert. Jemand wie Löw hätte nach all seinen Erfolgen einen rauschenden Abschied verdient, mit einem Klassiker wie gegen Italien oder England (auch wenn Löw an beides eher schlechte Erinnerungen hat). Oder gegen Brasilien – daran denkt der Ex-Bundestrainer sehr gerne zurück.

Deutschland gegen Liechtenstein: Echte Wertschätzung sieht anders aus

Nun ist das alles in einer vollgepackten Saison und im Griff der Corona-Maßnahmen nicht so ohne weiteres möglich. Viele Menschen, nicht nur Jogi Löw, haben in den vergangenen anderthalb Jahren darauf verzichten müssen, große Anlässe angemessen zu begehen. Dennoch bleibt das Gefühl: Ein wenig mehr Mühe hätte man sich beim DFB für seinen früheren leitenden Angestellten schon geben können. Nach echter Wertschätzung und ehrlichem Dank sieht dieser Rahmen nicht aus. Es gäbe auch die Möglichkeit, Löw jetzt symbolisch und im Frühjahr im großen Stil zu verabschieden.

Ex-Bundestrainer: Ein kalter November-Abend in Wolfsburg: Jogi Löw hat einen würdigeren Abschied verdient

Symptomatisch für das Bild, das DFB und Löw zuletzt abgaben

Doch leider passen Wolfsburg und Liechtenstein bestens in das Bild, das Verband und Bundestrainer zuletzt abgegeben haben. Der DFB greift seit Jahren in Stilfragen zuverlässig daneben. Bezeichnend ist, dass Jogi Löw am Abend mit Peter Peters von einem Präsidenten verabschiedet werden wird, der das Amt nur interimsweise ausfüllt – weil mal wieder ein DFB-Chef zurücktreten musste. Das große Thema rund um das Liechtenstein-Spiel wird weder Fußball noch Löw sein, sondern die Corona-Fälle im deutschen Team. Einige noch aktive Spieler, zu denen Löw ein enges Verhältnis hat, werden nicht dabei sein.

Und schließlich steht die Art des Abschieds auch für Löws letzte, zähe Jahre mit der Nationalmannschaft. Der Erfolgstrainer hat es verpasst, zum richtigen Zeitpunkt den Hut zu nehmen, hat bei den Turnieren 2018 und 2021 sein Erbe beschädigt. Darüber darf allerdings nicht vergessen werden, welche Erfolge Löw mit dem DFB feierte: Weltmeister, Vize-Europameister, WM-Dritter, schöner Fußball. So jemand hätte zum Abgang ein rauschendes Fußball-Fest verdient.


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