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Korruptionsvorwurf gegen Deutschland DFB kündigt Blatter die Freundschaft


Jahrelang hat der deutsche Fußball-Bund den Fifa-Präsidenten gehätschelt und getätschelt. Doch diese Zeiten sind zu Ende. Sepp Blatter hat neuerdings auch Gegner in Deutschland - und zwar mächtige.
Von Cord Sauer

Es war nur eine kleine Randnotiz bei der Frauenfußball-Weltmeisterschaft in Deutschland 2011, und doch stand sie symbolisch für die Selbstüberhebung, die so charakteristisch ist für Joseph "Sepp" Blatter. Als der Fifa-Boss kurz vor Beginn der Frauen-WM verlangte, beim Finalspiel in Frankfurt auf der Ehrentribüne exakt einen Sitzplatz auf Mittellinienhöhe zu bekommen, sorgte er mal wieder für Kopfschütteln. Im Frankfurter Stadion gibt es diesen erwünschten Platz nicht, da sich auf Höhe der Mittellinie eine Treppe befindet. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) setzte mucksmäuschenstill alle Hebel in Bewegung und erfüllte Blatters Wunsch. Die Treppe wurde überbaut und bestuhlt, Blatter bekam seinen Willen und genoss die mittige Sicht.

Bis vor kurzem war diese Szenerie typisch für die Beziehung zwischen Blatter und dem deutschen Verband. Der DFB tat stets alles, um jedem noch so kleinen Thema mit Konfliktpotenzial aus dem Weg zu gehen und kuschte, wo er konnte. Sein Ex-Chef Theo Zwanziger stand dem Fifa-Patriarchen fast unterwürfig zur Seite, unterstützte ihn, wo er konnte, und sang ein Loblied auf seine Taten für den Fußball. Doch die Zeit des Nur-Kuschelns geht zu Ende. Allein Zwanziger hält noch fest zu Blatter. Aber der gehört nicht mehr zur DFB-Spitze, sondern gehört als Fifa-Exekutivmitglied zu Blatters Encourage. Alles, was sonst Rang und Namen hat im deutschen Fußball, lässt Blatter fallen.

Gegenwind von Rauball, Niersbach und Beckenbauer

Mysteriöse Geldbewegungen innerhalb der Fifa, von denen Blatter – wenn auch später – gewusst haben soll, waren der Auslöser für einen nie dagewesenen Konfrontationskurs gegen ihn und "seine" Fifa. Zudem nehmen auch die Gerüchte um die WM-Vergabe nach Russland (2018) und Katar (2022) kein Ende, Schmiergelder sollen vielfach den Besitzer gewechselt haben. Wichtige Funktionäre zwischen Flensburg und Füssen nahmen plötzlich kein Blatt mehr vor dem Mund und attackierten Blatter. Die gewohnte Unterstützung aus Deutschland fehlt dem umstrittenen Fifa-Topmann nun.

Der Präsident der Deutschen Fußball-Liga (DFL), Reinhard Rauball, sah die Sorgfaltspflicht, die der Fifa-Boss gegenüber den Mitgliedsverbänden hat, verletzt und forderte dessen Rücktritt. Auch Wolfgang Niersbach, neuer DFB-Präsident, distanzierte sich: "Ich spreche für das gesamte DFB-Präsidium, wenn ich sage: Wir sind erschüttert. Es ist ein schockierender Fakt." Prompt holte Blatter zum Gegenschlag aus und stellte öffentlich in den Raum, dass die WM-Vergabe zu Gunsten Deutschlands nicht sauber abgelaufen sei. Das brachte die Deutschen erst richtig auf die Palme. "Ich kann diese Äußerungen und Andeutungen nicht nachvollziehen", widersprach Franz Beckenbauer den Vorwürfen.

Deutschland positioniert sich

Einer, der schon länger gegen Blatter wettert, ist der Präsident des FC Bayern München. Uli Hoeneß ist fest davon überzeugt, dass viele Entscheidungen der Fifa, die unter Blatter durchgesetzt wurden, "nicht mit rechten Dingen zugegangen" seien. Zuletzt kritisierte Hoeneß sogar die eigenen Landsleute, indem er dem Ex-DFB-Präsidenten Zwanziger vorwarf, sich einst von Blatter "umgarnt" und "umschmust" haben zu lassen.

Hoeneß macht aus seiner Abneigung gegen Blatter keinen Hehl. Auf seiner Geburtstagsfeier schloss er vor versammelter Festgemeinde eine Wette ab und behauptete, dass Blatter bis zum Jahresende 2012 nicht mehr Präsident sei.

Friedliches Miteinander in der Vergangenheit

Der Zwist zwischen Blatter und Deutschland ist ein absolutes Novum, ging es doch vormals immer ausgesprochen friedlich zu. Die Ära Zwanziger war geprägt von einem außerordentlichen Schmusekurs mit der Fifa und ihrem Oberhaupt. Als es im letzten Jahr um Blatters Wiederwahl ging, sah er sich schon einmal wegen Korruptionsvorwürfen heftiger Kritik ausgesetzt. Selbst Englands Premierminister David Cameron bezeichnete die Arbeit der Fifa unter Blatter damals als "schmuddelig" und nannte die Präsidentenwahl, bei der Blatter mit Mohamed Bin Hammam nur einen nicht ernst zu nehmenden Gegenkandidaten hatte, eine "Farce". Damals sprang Zwanziger dem Fifa-Chef bei.

Dem stetigen Rückhalt aus Deutschland konnte sich Blatter in der Vergangenheit immer gewiss sein. Schon Zwanzigers Vorgänger Gerhard Mayer-Vorfelder war ein großer Blatter-Freund. Er meldete sich vor dem jüngsten Skandal noch zu Wort und wollte von Korruptionsaffären um den mächtigen Fifa-Boss nichts wissen: "Ich war elf Jahre lang Mitglied im Exekutivkomitee der Fifa und habe in dieser Zeit Blatter bestens kennengelernt. Ich sage das mit aller Deutlichkeit: Blatter selbst ist und war nie korrupt. Ich lege meine Hand dafür ins Feuer, dass er nie mit Geld bestochen wurde, was ja das Wesentliche eines Korruptionsvorwurfs darstellt."

Korruptionsvorwürfe hin oder her – bislang pflegte Deutschland zum Fifa-Boss ein auffällig konfliktfreies Verhältnis und der revanchierte sich dafür gelegentlich mit Komplimenten. Bei einem Treffen von DFB-Funktionären und Blatter im Jahr 2007 umgarnte er seine deutschen Freunde und sagte: "Es ist erfreulich, dass der deutsche Fußball ein so aktives Mitglied der Fifa ist und sich mit seinen Vertretern in den Fifa- und Uefa-Gremien tatkräftig einbringt." Mit etwas Abstand betrachtet dürfte er diese Aussage bereuen, denn nach Mayer-Vorfelder und Zwanziger sind beim DFB neue Männer an der Macht. Auch diese bringen sich ein, allerdings nicht mehr ausschließlich im Sinne der Fifa.

Nur Zwanziger mag ihn

Blatter tut alles, seinen wackelnden Stuhl zu stabilisieren. Schon oft hat er bewiesen, dass er Skandale und Affären ohne Machtverlust überstehen kann. Auch dieses Mal behält der Schweizer die Fifa-Zügel in der Hand. Allerdings: Auf Unterstützung aus Deutschland wird er künftig weitestgehend verzichten müssen. Der DFB blieb bei seiner harten Linie gegenüber Blatter. Die Deutschen bezogen erstmals konkret Stellung gegen die Fifa. Allerdings haben sie die Samthandschuhe noch nicht völlig außer Reichweite gelegt: Die Einberufung eines außerordentlichen Fifa-Kongresses inklusive hochoffizieller Rücktrittsforderung wäre eine solche Konsequenz gewesen. Darauf verzichtet der DFB.

Der Machtzirkel des Fifa-Bosses ist zu groß, so dass selbst eine Fußballnation wie Deutschland allein auf weiter Flur stehen würde bei einem Großangriff auf Blatter. Seinen Kredit dürfte der Fifa-Obmann beim DFB dennoch verspielt haben. Bei der Versammlung des Fifa-Gremiums am Dienstag in Zürich ließ Blatter Rücktrittsforderungen an sich abperlen, lehnte sich entspannt zurück und ließ Zwanziger sprechen, der für ihn das Wort ergriff: "Aus Sicht der Fifa-Exekutive ist Joseph Blatter absolut tragbar. Der Reformprozess wäre gar nicht weitergegangen ohne ihn."

Früher hätte Zwanziger damit jede Diskussion beendet, auch unter den Granden des deutschen Fußballs. Die Zeiten aber sind vorbei. Rauball stellt fest: "Ich habe meine persönliche Meinung dazu gesagt. Es wird sie nicht verwundern, dass ich diese nicht geändert habe."

Cord Sauer

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