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Champions-League: "So ein Abend kann eine Karriere zerstören" - das Torwart-Drama des Loris Karius

Gepatzt, düpiert, allein gelassen: Liverpools deutscher Torhüter Loris Karius erlebte im Champions-League-Endspiel den sportlichen Super-Gau. Und musste sich dann noch vom Gegner bemitleiden lassen.

Loris Karius

Liverpools Torhüter Loris Karius nach dem Schlusspfiff des Champions-League Finales

DPA

Als der Schlusspfiff ertönte, sank Loris Karius auf dem Endspielrasen von Kiew zusammen wie ein Häufchen Elend. Selten traf die Metapher von jemandem, der am liebsten im Erdboden versinken würde, mehr zu als in diesem Moment. Mit zwei unfassbaren Patzern entschied der deutsche Torhüter des FC Liverpool das Champions-League-Finale zu Gunsten von Real Madrid.

Erst der Slapstick-Abwurf an den Fuß von Karim Benzema, von dem der Ball ins leere Tor kullerte. Und dann der Fehlgriff beim unplatzierten Distanzschuss von Gareth Bale, der zur Überraschung aller ebenfalls im Netz landete. "Das war die schlechteste Torhüter-Leistung in den letzten 20, 30 Jahren", lautete die vernichtende Bewertung von TV-Experte Lothar Matthäus. Und Torwart-Titan Oliver Kahn erklärte: "Mir fehlen da auch die Worte. Ich kann mich nicht erinnern, aus Torwartsicht etwas Brutaleres gesehen zu haben. Es kann mal passieren. Aber im Finale hat das was Dramatisches." 

Kahn weiß, wovon er spricht, schließlich hat er auch so eine unglückliche Finalgeschichte in der Vita stehen. Aber sein Fehler im WM-Endspiel 2002 gegen Brasilien ist von der Schwere eben doch nicht zu vergleichen, mit dem was Karius in Kiew widerfuhr. "So ein Abend kann eine Karriere zerstören. Das wieder aus dem Kopf zu bekommen - das ist tagtägliche Arbeit", sagte Kahn. 

Loris Karius' wechselvolle Zeit in Liverpool

Dabei war der 2016 aus Mainz zum Klopp-Team gekommene Karius eigentlich auf dem Höhepunkt seiner Karriere angekommen. Vergangene Saison war er in Liverpool umstritten gewesen, musste den Platz als Stammkeeper zwischenzeitlich auch wieder räumen. Doch in diesem Jahr spielte der 24-Jährige endlich konstant, trug seinen Teil zum Erreichen des vierten Platzes in der Liga und des Finales der europäischen Königsklasse bei. Nun hat er sich den Karrierehöhepunkt selbst zerstört.

Passend zum maximalen sportlichen Unglück waren die Szenen nach Spielschluss, als Karius lange alleine vor seinem Tor kauerte. Keiner seiner Mannschaftskameraden brachte zunächst die Kraft auf, den am Boden zerstörten Unglücksraben wieder aufzurichten. Stattdessen musste er sich von den siegreichen Spielern aus Madrid trösten lassen, ehe diese ausgelassen feiernd Richtung Fankurve abdrehten. "Klar ist es unglücklich, wenn zwei solche Fehler im Finale passieren. Er ist selber sicherlich am traurigsten. Er kann einem schon ein Stück weit leidtun", sagte Toni Kroos am TV-Mikrofon.

"Ein Leben lang aufs Brot schmieren"

Und die Liverpooler, deren Vereinsmotto schließlich "You'll never walk alone" lautet? Erst Minuten später, als sich die Liverpooler vor den eigenen Fans versammelten, nahm auch Jürgen Klopp seinen Torhüter in den Arm. "Das wünscht man seinem schlimmsten Feind nicht. Ganz hart, aber so ist das Leben", sagte Klopp bei "Sky". Er empfiehlt seinem Schlussmann erst einmal keine Zeitung zu lesen. "Die Leute werden schreiben, was sie wollen. Am besten liest man es nicht", so Klopp. "Manche Leute sind doof genug, ihm das ein Leben lang aufs Brot zu schmieren."

Immerhin Liverpools Kapitän Jordan Henderson zeigte sich hinterher verbal solidarisch: "Wir gewinnen zusammen als Team und wir verlieren als Team." Und sein Ex-Klub Mainz 05 schrieb auf Twitter: "Kopf hoch, Loris. Das war eine krasse Saison in der Champions League ... Wir hätten uns ein besseres Ende für dich gewünscht." 

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