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Torwart-Debatte: Ter Stegen vs. Neuer: Joachim Löw hat die Debatte selbst verschuldet

Marc-André ter Stegen hat sich bei einem PR-Auftritt frustriert über seine Ersatz-Rolle in der Nationalelf geäußert. Die Replik von Manuel Neuer kam prompt. Der Schuldige an der neuen Torwart-Debatte ist aber Joachim Löw.

Bahnt sich da ein neuer Torwart-Zoff an? Manuel Neuer (l.) und Marc-André ter Stegen

Bahnt sich da ein neuer Torwart-Zoff an? Manuel Neuer (l.) und Marc-André ter Stegen

Getty Images

Am Ende der 68 Sekunden lächelte Marc-André ter Stegen zum ersten Mal. War er sich der verbalen Sprengkraft seines Monologs da schon bewusst? Mit seinem für einen Fußball-Profi ganz normalen Wunsch nach Einsatzzeit und Stammplatzperspektive im Zweikampf mit Manuel Neuer hat der Schlussmann des FC Barcelona die urdeutsche Debatte um die Nummer eins im Tor der Nationalmannschaft wieder richtig angezettelt. Beim Champions-League-Auftakt von Barça bei Borussia Dortmund steht der 27-Jährige am Dienstag (21.00 Uhr/Sky) nun noch mehr im Blickpunkt - und will Taten folgen lassen.

Der Spielkalender der Königsklasse erlaubt die Pointe, dass ter Stegen kurz nach seinem Statement nach Deutschland kommt. Vor Joachim Löw wird er im Signal Iduna Park gegen den BVB aber nicht aufspielen können. Marcus Sorg, der Assistent des Bundestrainers, schaut sich das frühe Gipfeltreffen der Gruppe F im Stadion an. Bundestorwarttrainer Andreas Köpke wird am Donnerstag die weiteren Neuer-Ersatzkeeper Kevin Trapp und Bernd Leno bei deren direktem Duell zwischen Eintracht Frankfurt und Arsenal begutachten.

Neuers Botschaft: An mir kommt keiner vorbei

"Diese Reise mit der Nationalmannschaft war für mich persönlich ein schwerer Schlag", war ter Stegens Kernaussage auf die Frage nach seiner Situation im Nationalteam, die Fußball-Deutschland nun heiß diskutiert. Null Einsatzminuten gegen Holland (2:4) und in Nordirland (2:0) konnten ihn schließlich nicht glücklich machen. "Es ist gar nicht einfach, dafür eine Erklärung zu finden", sagte ter Stegen. Seine Konsequenz: "Aber klar, ich suche meine Chancen und versuche, auf jeden Fall ins Tor zu kommen." 

Er wirkte bei seiner im fließenden Spanisch vorgetragenen Antwort vor einer Papp-Werbetafel weder kämpferisch noch provokativ, eher konzentriert und lobte sogar seinen großen Konkurrenten: "Momentan spielt Manu, und er macht das auch gut." Den DFB-Kapitän provozierte ter Stegen dennoch zu einer für ihn ungewöhnlich klaren Ansage in Sachen Hierarchie und Teamspirit. Neuer machte sinnbildlich klar: Meine Form-Delle im unglückseligen WM-Jahr 2018 ist ausgebügelt. An mir kommt keiner vorbei. 

Marc-André ter Stegens Geduld ist offensichtlich begrenzt 

Somit lieferte letztlich eher der Bayern-Torwart das Schmieröl für das nächste Kapitel einer Generationen überspannenden Saga um das DFB-Trikot mit der Nummer 1. Zu dieser darf nun praktisch jeder Ex-Keeper von Bodo Illgner bis Jens Lehmann - beide einst auch Experten des abseits des Rasens ausgetragenen Stammplatzkampfes - seine Meinung kundtun. So sind die Reflexe der Branche.

Dass die vieldiskutierten Aussagen ter Stegens bei einem Werbetermin der Firma "Futbolmanía" fielen, passt zu dem 27-Jährigen. In Sachen Ehrgeiz oder auch positiver Fußball-Verrücktheit steht der einstige Gladbacher seinem Rivalen Neuer in nichts nach. Zu Leno pflegte er in allen DFB-Jugendmannschaften eine ausgeprägte Rivalität. Dort bekam er fast immer den Vorzug. Nun muss er sich schon seit Jahren hinter Neuer gedulden. Das fällt ihm zunehmend schwer. 

Joachim Löw ist gefordert

Die schwierigste Aufgabe haben jetzt allerdings weder ter Stegen noch Neuer zu bewältigen - sondern Löw. Der nicht als guter Löser von Personalkonflikten bekannte Bundestrainer steht vor dem nächsten Länderspiel - ausgerechnet wieder in Dortmund - vor einer Zwickmühle. Kommt ter Stegen im Test am 9. Oktober gegen Argentinien wie womöglich eigentlich geplant zum Einsatz, entsteht der Eindruck, er knicke vor dem Barça-Keeper ein. Spielt Neuer auch im elften Spiel in Serie, wäre das Signal an ter Stegen eindeutig. Ihm bliebe womöglich nur das sportlich unwichtigste EM-Qualifikationsspiel in Estland.

Das Problem ist von Löw dabei auch selbstverschuldet. Bei der WM setzte er nicht auf den konstant guten ter Stegen, sondern bedingungslos auf den gerade nach Dauerverletzung zurückgekehrten Neuer. Im Dezember sprach er dem Bayern-Schlussmann sogar schon die EM-Garantie aus, um dann im März plötzlich wieder den Zweikampf zu proklamieren - ohne ter Stegen seither eine Minute spielen zu lassen.

tis / Arne Richter und Carola Frentzen / DPA

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