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Mario Gomez: Auf Tuchfühlung mit dem Torero

Mit 22 Fußballer des Jahres, fast so viele Tore wie Luca Toni und ein starker Auftritt gegen die Schweiz. Bundestrainer Löw hört gar nicht auf zu schwärmen - zu Besuch beim spanischen Schwaben Mario Gomez, Deutschlands großer EM-Hoffnung.

Von Mathias Schneider

Wenn er sie orten sollte, die Basis seines Aufstiegs - was käme heraus? Mario Gomez muss überlegen, bevor er antwortet. "Er war es. Er hat mir gezeigt, was man mit Arbeit erreichen kann. Das prägt", sagt er und meint seinen Vater. Die Familie also, dort liegt sein Kraftfeld. Ob man sie besuchen dürfe, um den Jungen, um den sich die halbe Fußballwelt reißt, besser zu verstehen? Wieder überlegt Gomez.

Denn die Dinge liegen nicht mehr gar so einfach. Eine Person des öffentlichen Lebens ist dieser Mario Gomez, 22, aus Unlingen, Landkreis Biberach, Schwaben, Deutscher Meister mit dem VfB Stuttgart, Fußballer des Jahres. 15 Tore in dieser Bundesligasaison, so viele wie Bayerns Luca Toni, eine Traumquote. Im Spiel gegen die Schweiz hat er mit zwei Toren dieses Versprechen eingelöst. Jetzt hofft ein ganzes Land, dass im Juni bei der Europameisterschaft die Fortsetzung folgt. Gomez ist jetzt ein Star, und von Christoph Daum bis zu Joachim Löw sind sich alle sicher, dass er bald in der Gewichtsklasse der Rooneys und Drogbas spielt. Außer bei den Lieben daheim gibt es für so einen kaum Möglichkeiten zum Rückzug. Nach etwas Zögern stimmt er einem Besuch bei den Eltern zu. "Es muss aber die Ausnahme bleiben."

Mit unerschütterlicher Liebe erzogen

Am nächsten Tag steht man vor einem schmucken Einfamilienhaus in Unlingen, einer 2500-Seelen-Gemeinde. Der Hausberg Bussen ruht friedlich im Hintergrund, ringsum Wiesen und Hügel. Der Vater Pepe, 49, ein kleiner Mann mit schwarzem Haar, weichen Augen und Armen wie ein Holzfäller, bittet hinein und an den Esstisch im hellen Wohnzimmer. Zierblumen auf der Fensterbank, in der Ecke ein paar frische Tulpen. Christa, die Mutter, setzt sich dazu. Sie sieht mit ihren schwarzen Haaren und dunklen Augen ebenfalls aus, als käme sie aus Spanien. Die Schwester Jasmin, 25, Architektin, lebt mit ihrem Freund in einer Wohnung im Haus. Und der Mario? Schaut noch immer einmal pro Woche vorbei. Die Bande sind eng.

Pepe Gomez hat seine Kinder mit einer unerschütterlichen Liebe erzogen, der sein Sohn heute seine Zuversicht verdankt. Mit elf Jahren kam er mit der Familie aus dem südspanischen Dörfchen Albuñán nach Unlingen. Ein Gastarbeiterkind. "Ich hatte damals kein Geld für Fußballschuhe, und manches Mal sind wir hungrig ins Bett gegangen", sagt er. 1981, er war gerade Anfang 20, konnte er bereits mit dem Bau des eigenen Hauses beginnen. Heute gehört ihm ein Malerbetrieb.

Er hat hart gearbeitet und ließ doch dem Sohn seine Freiheit. Nur die Noten mussten stimmen. "Ich habe ihm immer gesagt, er soll das Abitur machen, dann kann er immer noch Sport studieren, wenn es mit dem Fußball nicht klappt." Das Fachabitur erledigte sein Mario nebenher. "Er hat ja nie viel lernen müssen." Ein einfaches Kind sei er gewesen. Kein Alkohol, keine Discos, nur ein Gedanke: Fußball. Pepe Gomez war auch Marios erster Trainer. Einer jener typischen Fußball- Väter, die sich über den eigenen Sohn definieren, sei er aber nie gewesen. Von ihm habe Mario zwar den Ehrgeiz, das Temperament. Angetrieben habe er den Filius aber nie. Wenn seine Kinder nur bescheiden und ehrlich gerieten, war alles gut.

Erst als Mario 15 war,

entließ der Vater ihn in das VfB-Internat nach Stuttgart, obwohl ihn mancher Späher schon Jahre zuvor angemault hatte, ob er seinem Spross die Karriere verbauen wolle. Pepe kann das nicht verstehen. "Was will denn ein Kind mit 13 allein woanders? Das ist doch viel zu früh." Lieber haben sie ihn ins nahe Bad Saulgau gefahren und auch zum SSV Ulm. Irgendwann war er dann einfach zu gut. Mario Gomez sagt heute über seine Kindheit, sie sei "beinahe luxuriös" gewesen. In die italienische Trattoria Vivaldi hat er zum Mittagessen gebeten. Auf die Sekunde pünktlich steht er vor der Tür.

Fünf Minuten sind es vom Gottlieb-Daimler- Stadion hierher, einfach den Berg hinauf. Man befindet sich in der inoffiziellen Vereinsgaststätte, nicht nur, weil das Team neulich seine Krisensitzung hier abhielt. Auch der Trainer Armin Veh ist ein regelmäßiger Gast. Zwei Trikots markieren seinen Tisch. Weil Veh heute pausiert, nimmt sein bester Stürmer Platz, Gomez bestellt Spaghetti mit Thunfisch.

Er hat sich verändert,

das wird schnell deutlich, tritt selbstsicher auf. Nichts erinnert mehr an den schüchternen Burschen, der im Mai 2006 am Flughafen Stuttgart-Echterdingen am Gate saß, um als Fan das Champions-League-Finale zwischen Arsenal London und dem FC Barcelona zu besuchen. Ob er sich beim VfB Stuttgart durchsetzen werde, war da noch die Frage. Gomez mochte nicht viel sagen. Er war ja nicht mal Stammspieler.

Muskeln panzern jetzt den einst schlaksigen Körper. Unter die Hülle lässt er sich aber noch immer nicht schauen. Deshalb zum Auftakt eine kleine Finte. Was sagt er zu folgender Einschätzung?: "Ich erlebe Mario als sehr reife Persönlichkeit. Er verfolgt seine Ziele mit Vehemenz. Er will in die absolute Spitze. Sein Weg ist imposant, er hat eine unglaubliche Ausstrahlung, sein Torhunger ist sehr ausgeprägt. Es ist schwierig, bei ihm noch eine Schwäche auszumachen. Er hat ein unglaubliches Potenzial, wie nur ganz wenige Stürmer in Europa in diesem Alter. Diesen Spieler werden wir in Deutschland unbedingt brauchen."

Gomez blickt ungerührt. Als er hört, dass es der Bundestrainer Joachim Löw ist, der ihn mit so viel Lob überhäuft, sagt er nur: "Das freut einen natürlich." Er nimmt das zur Kenntnis, als gutes Zwischenzeugnis. Wirklich geschmeichelt scheint er nicht.

Er will die ganz große Karriere

Mario Gomez hat niemals etwas anderes angestrebt als die ganz große Karriere. Wohl selten hat man in Deutschland einen Fußballspieler erlebt, der ähnlich zielgerichtet seine Ausbildung vorantrieb. "Ich weiß, dass ich super Voraussetzungen für Profisport habe. Ich weiß, dass nicht jeder so einen Körper hat und mit beiden Beinen gleich gut schießen kann."

Er meint das nicht arrogant. Mario Gomez ist so höflich und bescheiden, wie er es schon als Jugendspieler war, die Erziehung hat voll angeschlagen. Doch die Unsicherheit ist weg. Er erinnert nun in seinem Auftritt an Dirk Nowitzki, dezent, aber bestimmt. Es ist kein Zufall, dass er den NBA-Star bewundert und ebenfalls so wirkt, als lasse er sich weder von Lob noch von Kritik verrückt machen. Eine wertvolle Qualität für einen Stürmer.

Als den VfB in der Hinrunde wegen schlechter Resultate kollektiv der Blues ereilte, traf Gomez weiter. Als sei er emotional autark. "Das Wichtigste ist, seine Tore zu machen", sagt er, "und ich habe immer meine Tore gemacht." Als sei das ein Gesetz. Unter der gefürchteten Stürmerkrankheit namens Torflaute, wie sie Miroslav Klose oder Kevin Kuranyi ab und an befällt, litt er in der Tat noch nicht.

Mancher hat ihn mit Kuranyi verglichen, weil der es auch aus der Jugend des VfB bis in die Nationalelf geschafft hat, weil die Statur ähnlich ist. Dabei könnten die beiden beiden nicht verschiedener sein. Kuranyi neigt zum Zaudern, auf und außerhalb des Platzes. Eher erinnert einen dieser Gomez an Michael Ballack, wie der ist er ein gelassener Typ mit feinen Antennen, dem sein Grundoptimismus auch von ein paar Verletzungen und Niederlagen nicht auszutreiben ist. Gomez vertraut sich - selbst wenn andere zweifeln. Der Sportdirektor Herbert Briem hätte ihn einmal fast zu Bayer Leverkusen abgegeben. Doch der damalige Trainer Giovanni Trapattoni legte sein Veto ein, Gomez blieb in Stuttgart. Heute zählt er zu den Führungsfiguren.

Lange wird ihn Stuttgart nicht mehr halten können

Aber wie lange noch? Mario Gomez wächst aus diesem Verein wie ein mächtiger saftiger Ast, der zu schwer wird für seinen Stamm. Sie wissen, dass sie ihn nicht mehr lange halten können. Sein Vertrag läuft noch bis 2012, wenn er vorher ginge, brächte er dem Klub eine Rekordeinnahme.

Gomez selbst geht es nicht nur ums große Geld, es geht ihm um Titel, Prestige, eine echte Karriere. Als Juventus Turin ihm vergangenen Sommer ein Angebot von vier Millionen Euro netto pro Jahr machte, hat er nicht einmal gezuckt. Es war nicht der perfekte Moment. "Aber eines weiß ich: Ich würde jetzt spielen bei Juve." Er fühlt sich bereit für den großen Sprung. Auf die Frage, ob er direkt ins Ausland wechseln wolle, antwortet er mit Ja. Sein Berater Uli Ferber sagt: "Der Mario steht bei jedem Topverein zumindest auf dem Zettel." Er wolle nicht erst im Herbst der Karriere gehen, sagt Gomez. "Das ist so ein deutsches Phänomen. Cesc Fàbregas ging mit 16 zu Arsenal, Cristiano Ronaldo mit 18 zu Manchester United."

Er wisse um den Druck, den er sich mit solchen Worten aufhalse: "Wenn ich schlecht spiele, heißt es: Was redet der denn!" Er will sich den Erwartungen aussetzen. "Es sind meine eigenen." Ein großer Klub soll es sein, früher hat er für den FC Barcelona geschwärmt. Bislang hat sich Mario Gomez noch alle seine Wünsche erfüllt.

Doch der Vater warnt.

Sein Junge soll sich nicht von den Verlockungen verbiegen lassen. "Ich selbst möchte bis heute nichts anderes als Maler sein." Neulich hat ein Reporter Pepe Gomez im Fernsehen als Bauunternehmer bezeichnet. Er schüttelt den Kopf. "Ich habe doch nur zwei Angestellte." Da ist das Prinzip wieder: Sich nie größer machen, als man ist. Marios Mutter schweigt, aber auf zustimmende Art. Die Frage, von wem der Sohn Temperament, von wem Ruhe und Ausgeglichenheit geerbt hat, stellt sich nicht mehr. Christa Gomez bildet den rationalen Pol der Familie, das schwäbische Element.

Nach Spanien zieht es beide Eltern. Zweimal im Jahr machen sie dort fünf Wochen Urlaub. Auch der Sohn will in den Süden. "Nach meiner Karriere möchte ich mal dort leben", sagt Mario Gomez, "in der Sonne am Meer. Das brauche ich."

Erwartet wird er bereits sehnsüchtig, vor allem in Albuñán, 441 Einwohner, am Rande der Sierra Nevada. Sein Großvater José, 77, lebt wieder dort. Er steht vor einem brachliegenden Feld am Rande des Dorfs und zeigt in die Ferne. Dort liegen die Minen, in denen er einst für einen Hungerlohn nach Eisenerz gegraben hat, bevor er mit Marios Vater Pepe und den drei anderen Kindern nach Deutschland aufbrach, um bei einer Baumschule in Unlingen neu anzufangen.

Eine Straße soll nach Gomez benannt werden

José Gomez nickt zufrieden. Er hat durchgesetzt, dass sein Enkel Mario mit einer Straße bedacht wird. Es soll der staubige Weg sein, deren einzige Anwohner er und seine Frau Torcuata sind. "Hier steht das Haus, in dem Marios Vater geboren wurde und in dem wir leben. Hier ist der richtige Platz für die Straße."

Encarnación Cruz sieht das anders. "Dieses 30 Meter lange Sträßlein?", sagt die Bürgermeisterin beim Spaziergang durch Albuñán. "Mario hat etwas Größeres verdient." Doch Cruz hat sich arrangiert. Sie wird die Mario-Gomez-Straße asphaltieren lassen. "Und dann geben wir eben noch dem Fußballplatz seinen Namen."

Als Kind ist Mario Gomez jeden Sommer hier gewesen, natürlich wird er die Straße selbst einweihen. Er hat Dutzende Verwandte in Albuñán - und inzwischen auch ein Stück schwäbischer Heimat. Denn auch Glori lebt hier, Gloria Pertiñez Sierra, 23, Andalusierin aus Unlingen und - da lacht sie - "das erschte Mädle, das der Mario geküsst hat". Sie war fünf Jahre, Mario vier, damals in Unlingen. Jemand hat ein Foto gemacht, zwei süße, dunkelhaarige Kinder. "Ich habe dem Mario immer gesagt: Wenn du mal berühmt bist, bringt mir das Foto viel Geld." Doch sie würde es niemals hergeben.

Sie stehe noch in engem Kontakt mit ihm und seiner Freundin Silvia, die ebenfalls aus Unlingen stammt. Stolz ist sie, man sieht es. Allerdings nicht darauf, dass Mario Gomez ein berühmter Fußballer wurde. "Wirklich toll ist", sagt Glori, "dass er der alte Mario geblieben ist."

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