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Mehmet Scholl: Vom Patienten zum WM-Kandidaten

Nach zahlreichen Verletzungspausen hat Mehmet Scholl sich zum Phänomen gemausert. Statt in den Ruhestand zu gehen, ist der Mittelfeldmann vom FC Bayern jetzt Anwärter für die Nationalelf bei der WM 2006.

Schon im Frühjahr, als Mehmet Scholl sein Können in der Rückrunde immer häufiger wieder aufblitzen ließ, deutete Bundestrainer Jürgen Klinsmann an, dass der unkonventionelle Star nicht in Vergessenheit geraten ist. Scholls glänzende Kurz-Auftritte zum Saisonbeginn in DFB-Pokal und Bundesliga mit drei Toren dürften diese Einschätzung nicht geändert haben. Ein baldiges Comeback im DFB-Dress nach mehr als dreieinhalb Jahren wird es aber dennoch kaum geben. Zuletzt hatte Scholl im Februar 2002 beim 7:1 gegen Israel das Nationaltrikot getragen, anschließend aber überraschend auf die WM in Japan und Südkorea verzichtet, um seinen Körper regenerieren zu können.

Edeljoker auf Eis

Bayern-Manager Uli Hoeneß sieht ihn im "98. Frühling", und Vereinstrainer Felix Magath würde sich als Nationalcoach nach ihm "die Finger lecken". Klinsmann-Assistent Joachim Löw sagte zwar: "Wir wissen um Scholls Qualitäten". Aber für die Länderspiele in der Slowakei und gegen Südafrika in Bremen war eine Berufung Scholls ebenso wenig ein Thema wie für den Fitnesstest mit dem erweitertem Kader im Oktober. "Alle 20 Feldspieler müssen in der Lage sein, alle paar Tage ein Spiel über 90 Minuten zu bestreiten" beschrieb Löw die Anforderung an die WM-Teilnehmer.

Und genau da liegt Scholls Problem. Auch beim FC Bayern sind für den vom extrovertierten Teenie-Idol zum schweigsamen Kult-Kicker gewandelten Profi nur Kurzeinsätze drin. "Ich muss achtsam mit meinem Körper umgehen. Ich weiß, was ich ihm zutrauen kann", sagte der wegen unzähligen Muskelproblemen immer wieder auf Eis gelegte Scholl. Zuletzt hatte ihn im Juli ein Faserriss in der Wade wichtige Wochen in der Vorbereitung gekostet. "Ich sehe ihn im Moment in der Rolle des Edeljokers, mehr geht sicher nicht", sagte Magath.

Der Traum von der WM-Teilnahme

Und dennoch ist ein Comeback Scholls bei der WM nicht ganz ausgeschlossen. Sollte kurz vor dem Turnier ein personeller Engpass im Mittelfeld entstehen, würde Klinsmann sicher an seinen alten Weggefährten vom Europameisterschaftssieg 1996 in England denken. Für den bislang 36-fachen Nationalspieler würde sich somit auch ein Traum erfüllen, denn eine WM-Teilnahme blieb ihm in seiner an Vereinstiteln so reichen Karriere bislang verwehrt.

Aus der Münchner Fußball-Glitzerwelt abseits des Platzes hält sich Scholl seit einigen Jahren bewusst heraus, an ein Ende der Laufbahn denkt er vorerst aber noch nicht. "Es sind einfach diese Erlebnisse wie heute, die mich daran hindern hinzuwerfen und mich dazu bringen, immer wieder weiterzumachen. Solange dieses Erlebnis immer wieder kommt, sehe ich keinen Grund aufzuhören", sagte er nach seinem Zehn-Minuten-Einsatz gegen Hertha BSC (3:0) am Wochenende. Auch die Fans haben von "Scholli" noch längst nicht genug: Bei dessen Einwechslung und nach seinem Kopfballtor feierten sie ihn mit frenetischen Sprechchören.

Arne Richter/DPA / DPA

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