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Nationalmannschaft: Eingepflanztes Sieger-Gen

Was Bundestrainer Jogi Löw im Moment auch anpackt - es gelingt. Mit jedem weiteren Sieg mausert sich seine Mannschaft zum Topfavoriten auf den EM-Titel 2008. Gegen Rumänien demonstrierte die deutsche Nationalmannschaft eindrucksvoll ihre Stärken: Unberechenbarkeit, Willensstärke und Teamgeist.

Von Klaus Bellstedt, Köln

Ach, wenn doch bloß schon September 2008 wäre. Wir wären längst neuer Europameister, hätten im Finale wahrscheinlich Italien weggebürstet und müssten uns über die Pleitenserie der deutschen Kurzstreckenläufer bei den Olympischen Spielen in Peking gar nicht mehr ärgern. Fußball-Europameister, das ist was zählt. Wenn die Nationalmannschaft tatsächlich so weiter spielt wie im Spätsommer 2007, wenn sie also ihre Form bis ins neue Jahr kompensiert, dann kann sie sich die ihr zugeschriebene und bequemere Geheimfavoritenrolle für den kontinentalen Titelkampf in Österreich und der Schweiz getrost abschminken. Dann reist Deutschland als Topfavorit über die Alpen.

Der 3:1-Sieg gegen Rumänien war der fünfte Sieg in Folge für die Mannschaft von Trainer Jogi Löw. Zuletzt bezwang man England mit einer Klasse-Leistung im eigenen Wohnzimmer. Wales wurde ebenfalls auswärts beherrscht, wenn auch ohne Glanz. Es passt derzeit alles zusammen bei den deutschen Elite-Kickern. Diese eine Rumpel-Halbzeit gegen unangenehm zu spielende Rumänen vor einem euphorisierten Kölner Publikum änderte daran nur wenig. Nach 30 Minuten pfiffen die Fans sogar in der stimmungsvollsten Arena der Republik. Drei, vier Stück hätte die bunt zusammen gewürfelte Bubi-Truppe mit Jungspunden wie Marcell Jansen, Piotr Trochowski, Patrick Helmes oder auch Lukas Podolski in der Startformation bis dahin tatsächlich schon kassieren können. Gegen die läuferisch wie technisch zunächst überlegenen Osteuropäer roch es spätestens nach dem frühen Rückstand stark nach der zweiten Niederlage unter Trainer Jogi Löw.

Bei der Ehre gepackt

Die weitere Geschichte dieses Spätsommerabends ist schnell erzählt - einerseits. Schneider traf noch vor der Pause zum, Sie wissen schon, psychologisch so wichtigen, aber völlig unverdienten 1:1. Ungeachtet des Spielstandes setzte Löw nach Wiederbeginn seine Experimente fort und machte das Team mit den Einwechslungen von Arne Friedrich, Simon Rolfes, Gonzalo Castro und David Odonkor nach und nach praktisch zu einer C-Elf. Was folgte - und das war das eigentlich Bemerkenswerte - war eine nicht für möglich gehaltene Auferstehung der deutschen Nationalmannschaft, die man nicht hoch genug loben kann.

"In der Pause haben wir überlegt, wie wir die Mannschaft wachrütteln können", sagte Jogi Löw hinterher. Ohne freilich zu verraten, was genau er seinen Jungs mit auf den Weg gegeben hatte. Der Trainer hat sie bei ihrer Ehre gepackt, er hat den kurzzeitig verloren gegangenen Teamgeist beschworen und sie an ihre Willensstärke erinnert. Eine hundertprozentige Leistungssteigerung und zwei Tore der beiden WM-Helden David Odonkor und Lukas Podolski zum 3:1-Endstand lassen diese Hypothese jedenfalls zu.

Ein Gen schlägt Wurzeln

Der phasenweise begeisternde 45-Minuten-Auftritt von Köln gegen Rumänien hat Mut gemacht für die kommenden, schwereren Aufgaben in der EM-Qualifikation gegen Irland und Tschechien. Aber was vielleicht noch wichtiger erscheint, gerade auch im Hinblick auf die Europameisterschaft im kommenden Jahr: Mit jedem weiteren Sieg verbreitern sich die Schultern der Nationalspieler. Die Statements der Akteure nach der Partie deuteten darauf hin. "Wir sind eine Einheit, egal wer da auf dem Platz steht. Man muss uns erstmal schlagen", diktierte Arne Friedrich den Journalisten in die Blöcke. Der Kapitän von Hertha BSC Berlin erinnerte in diesem Zusammenhang noch einmal an die WM. Dieses Erlebnis habe in der Mannschaft "einiges bewegt". Bastian Schweinsteiger führte ein weiteres Erfolgsrezept der Mannschaft an: "Jeder einzelne im Kader ist wichtig. Die Ausgeglichenheit ist unsere Stärke."

"Kurz nach dem Spiel hab ich meinen Spielern noch gesagt, dass sie wie Gewinner auftreten sollen", sagte Jogi Löw noch. Womit eindeutig bewiesen wäre, dass der Coach permanent daran arbeitet, seiner Mannschaft das Sieger-Gen einzupflanzen. Und das gelingt von Mal zu Mal besser. Das Gen schlägt allmählich Wurzeln, auch weil die Voraussetzungen dafür nicht besser sein könnten: "Die Jungs sind charakterstark, sie wollen immer lernen", so der Schlusssatz des Bundestrainers. Wohl dem, der solche Spieler in seinem Kader hat. Am Ende wird er mit ihnen vielleicht Europameister. Möglich ist das, sogar gut möglich.

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