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P. Köster: Kabinenpredigt FC Bayern - warum es für den Double-Sieger wohl nicht zum Triple reicht

Die Mannschaft des FC Bayern München hält den DFB-Pokal nach dem Sieg in die Luft
Nach Meisterschaft und DFB-Pokal will der FC Bayern München auch die Champions League gewinnen – und hat gute Aussichten zu scheitern, meint Philipp Köster. 
© Alexander Hassenstein / Getty Images
Das Double soll bald zum Triple werden – nach den nationalen Titeln greift der FC Bayern nun nach der Champions League. Und hat gute Aussichten zu scheitern, sagt stern-Stimme Philipp Köster.

Ein klares 4:2 im DFB-Pokalendspiel, keine einzige Niederlage im Jahr 2020, das elfte Double seit 2001 – der FC Bayern München erscheint im Sommer 2020 nahezu unschlagbar. Seit Hansi Flick die Mannschaft von Niko Kovac übernahm, hat er aus einer an sich selbst zweifelnden und auf dem Platz leicht ausrechenbaren Truppe ein wild entschlossenes Team geformt, das Gegner nicht mehr allein mit altbekanntem Guardiola´schem Ballbesitzfußball zermürbt, sondern den Gegner bei Gelegenheit auch mit hochstehendem Pressing jagt, ihn permanent unter Druck setzt und zu Fehlern zwingt. Was am Samstag dazu führte, dass sich die Leverkusener schon nach 25 Minuten entgeistert die Haare rauften, weil das Pokalfinale schon so gut wie entschieden war. Und als nach 93 Minuten das Spiel abgepfiffen wurde, machten die Bayernspieler fast den Eindruck, als wollten sie sich nicht allzu lange mit der Feierei aufhalten – weil noch größere Aufgaben warten. 

Der FC Bayern wirkt krisenfest und wild entschlossen

Diese größeren Aufgaben sind die ausstehenden Partien in der Champions League. Vier Spiele will der FC Bayern noch in der Königsklasse bestreiten, das noch ausstehende Rückspiel gegen den im Achtelfinal-Hinspiel mit 3:0 deklassierten FC Chelsea inklusive. Und dann soll zum zweiten Mal nach 2013 ein Triple her. "Aktuell sehe ich kein Limit", fasste Leon Goretzka die Münchner Euphorie ganz gut zusammen.

Und auf den ersten Blick sind die Aussichten tatsächlich blendend. Der FC Bayern wirkt krisenfest und wild entschlossen. Vor allem aber scheint der nach dem letzten Triple sträflich verschleppte Umbruch endlich weitgehend abgeschlossen, mit Alphonso Davies, Serge Gnabry, Benjamin Pavard und David Alaba hat sich eine junge bis mittelalte Achse gefunden, die sich mit unermüdlichen Routiniers wie Thomas Müller und Robert Lewandowski prächtig ergänzt. Kein Wunder also, dass dem mit Liverpool bereits ausgeschiedenen Jürgen Klopp auf die Frage nach den Favoriten für die Champions League sofort die Bayern einfielen – aber auch Manchester City. Womit wir bei den Gründen wären, warum den Bayern am Ende doch der Griff nach dem Triple misslingen könnte.

Auf die Bayern kommt eine komplexe Aufgabe zu

Da ist zunächst einmal die Hybris, die noch jedem vorab ausgerufenen Titelfavoriten zum Verhängnis wurde. Der FC Bayern hat das 2012 im legendär tragischen "Finale dahoam" höchstselbst erfahren müssen, als die Münchner verbissen auf den Titel hinarbeiteten und am Ende die Leichtigkeit fehlte. Nicht umsonst mahnte Karl-Heinz Rummenigge die Mannschaft im Rahmen der Pokalfeier: "Macht es unaufgeregt." Das ist leichter gesagt als getan angesichts der Tatsache, dass die Münchner anders als etwa die englische und spanische Konkurrenz nun eine Spielpause von mehr als einem Monat aushalten müssen, um dann innerhalb von zwei Wochen bis zu vier Spiele zu bestreiten. Da locker und dennoch konzentriert zu bleiben, ist schwer. In solchen Pausen geht der Rhythmus, der Flow schnell mal verloren. 

 

Wie überhaupt der Modus, erzwungen durch Corona, für alle Teams gewöhnungsbedürftig ist. Keine Hin- und Rückspiele, sondern jeweils nur ein Spiel in jeder Runde, im Abstand von drei Tagen, wahrscheinlich im leeren Stadion von Lissabon. Völlig unkalkulierbar, welche Teams ihre Formation, ihre Dynamik am schnellsten auf den Platz bekommen – das müssen nicht zwangsläufig die Favoriten sein.

Mindestens ebenso gefährlich für den FC Bayern ist, dass die nationale Unbesiegbarkeit derzeit umweglos auch auf internationales Terrain übertragen wird. Motto: Wer Leverkusen und Dortmund schlägt, ist auch in der Champions League nicht zu bezwingen. Doch ohne den BVB und Bayer abzuwerten, sind Juventus, Barcelona und Athletico Madrid ein völlig anderes Kaliber. Die devote Ergebenheit, mit der deutsche Klubs in Spielen gegen die Bayern darauf bedacht sind, bloß nicht zu viele Gegentreffer zu kassieren, wird den Münchner in der Champions League nicht begegnen. Und da ist außerdem noch und vor allem Manchester City. Wer kürzlich sah, wie Guardiolas Truppe den Meister Liverpool nach allen Regeln der Kunst auseinandernahm, weiß, welch komplexe Aufgabe da auf den FC Bayern zukommt.

Bayern München könnte am Ende nur mit zwei Titeln dastehen

Und da sind schließlich die Münchner Schwächen, die inmitten der bajuwarischen Double-Herrlichkeit ein wenig unter den Tisch fielen, die aber auch im Pokalendspiel wieder zutage traten. So dominant die Bayern nämlich im Zentrum agieren, so verletzlich sind sie, wenn der Gegner schnell und dynamisch über die Flügel attackiert. Die Beobachter der Champions-League-Konkurrenz werden genau registriert haben, dass die Bayern-Defensive bei solchen Vorstößen beinahe behäbig wirkte. Leverkusen hätte bei etwas mehr Konsequenz zwei Treffer mehr erzielen können. 

Der Traum vom erneuten Triple ist bislang also nicht viel mehr als eine vage Aussicht, mit zahlreichen Stolperfallen und Unwägbarkeiten, die dazu führen könnten, dass die Bayern am Ende mit leeren Händen dastehen – also nur als Meister und Pokalsieger.


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