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P. Köster: Kabinenpredigt: Gute Schwalben, böse Schwalben! Über eine scheinheilige Diskussion

Sich über die Schauspielkünste von Herthas Mittelfeldspieler Mitchell Weiser aufzuregen, ist scheinheilig. Die theatralischen Auftritte sind Teil des Fußballs. Sagt stern-Stimme Philipp Köster.

Mitchell Weiser hebt nach einem Tritt an auf den Knöchel ab

Mitchell Weiser hebt nach einem Tritt an auf den Knöchel ab

Was war das für eine Empörung über den Berliner am Wochenende. Der hatte in der Nachspielzeit des Heimspiels gegen Borussia Dortmund vom Gegenspieler Dembélé einen ordentlichen Tritt aufs Gelenk bekommen, hatte sich allerdings danach derart theatralisch auf dem Boden gewälzt, als habe ihn der Vietcong aus dem Hinterhalt erwischt.

In den Stunden danach wurde dann weder über den fabulösen Heimsieg der diskutiert, noch über die Frage, warum Tuchels Dortmunder eigentlich nach jedem rauschhaften Auftritt in der Champions League in der Bundesliga auf dem Platz herumschleichen, als sei der Ligaalltag unter ihrer Würde. Stattdessen tobte eine moraltheologische Debatte darüber, ob Spieler, die es auf dem Rasen mit der Theatralik etwas übertreiben, nicht gleich unter die Dusche geschickt werden.

Dembélé vs. Weiser: Volltreffer am Knöchel

Da war es auch egal, dass die Fernsehbilder Weiser durchaus entlasteten, die zeigten nämlich, wie Dembélé Weiser mit voller Absicht auf den Knöchel stiefelte und eigentlich seinerseits vom Platz geschickt hätte werden müssen.

Es wurde aber auch relativ schnell klar, dass die turnusmäßige Aufregung über schauspielerischen Einlagen auf dem Platz reichlich scheinheilig daherkommt. Denn wir mokieren uns ja immer nur dann über plötzlich darnieder sinkende Stürmer, wenn uns hinsichtlich der eigenen Sympathien gerade in den Kram passt.

Der Sinkflug des Leipzigers Timo Werner gegen war für viele Anhänger nicht einfach nur eine Unsportlichkeit sondern gleich eine Art Gottesbeweis für die ganze Niederträchtigkeit des Leipziger Brausefußballs. Als der Schalker di Santo gegen Mönchengladbach sich lieber gemütlich hinlegte und auf einen Elfer spekulierte, anstatt vielleicht mal aufs Tor zu schießen, bekam di Santo den Frust aller Schalker über diese bisher so jämmerlich vergurkte Saison ab. Und sich über Mitchell Weisers engagiertes Method Acting zu empören, half den zehntausenden BVB-Anhängern trefflich, die maue Leistung des eigenen Teams zu ignorieren. Wären di Santo, Werner und Weiser beim Spiel Ingolstadt gegen Augsburg durch die Gegend geflogen, wäre das allenfalls ein Thema für bayrische Lokalzeitungen gewesen.

Schwalben haben auch immer eine humorige Note

So aber konnten die Anhänger mit Ruhepuls 270 und pochender Halsschlagader über die Unsportlichkeiten der Herren Werner, di Santo oder Weiser zetern. Immer noch besser als trübe über die Niederlage des eigenen Klubs zu sinnieren.

Und nebenbei: haben  ja immer auch eine sehr humorige, unterhaltsame Note. Wenn gestandene Spieler nach leichten Wischern durchs Gesicht oder harmlosen Trikotzupfern wie von der Axt gefällt zu Boden sinken und sich wild schreiend an den Kopf greifen, ist das ebenso erheiternd wie Kicker, die eben noch regungslos auf dem Boden liegen und auf den Abtransport in die Aussegnungshalle warten, plötzlich aber quicklebendig wieder aufspringen, weil der Schiedsrichter nicht gepfiffen hat.

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Auch in der Premier League fliegen die Stürmer durch die Strafräume

Wer da missgünstig auf das Mutterland des und des Fairplays verweist und standhaft behauptet, in der englischen Premier League seien Schwalben von Spielern wie Publikum gleichermaßen geächtet, der hat wohl schon länger kein Spiel mehr auf der Insel gesehen. In Wahrheit fliegen in der Premier League genau so viele Stürmer ohne Gegnereinwirkung durch den Strafraum, sinken Angreifer urplötzlich vor dem Tor darnieder und hoffen darauf, dass der Referee reflexhaft Elfmeter pfeift. Didier Drogba etwa war während seiner Karriere beim FC Chelsea quasi pausenlos damit beschäftigt, geeignete Abflugorte in Tornähe auszumachen.

Nein, derlei groteske Pantomimen sind Teil des Spiels, das sich ja so sehr über starke Bilder definiert – in England ebenso wie hierzulande. Also werden auch weiterhin Spieler durch die Luft fliegen und noch während der Flugphase anklagend zum Schiedsrichter blicken, ebenso wie Abwehrspieler unschuldig dreinblickend mit den Händen einen Ball formen, den sie angeblich gerade gespielt haben, obwohl sie in Wirklichkeit gerade dem Gegenspieler die Achillessehne gelocht haben.

Und spätestens in ein paar Jahren, wenn uns Videobeweise und Torkameras auch noch die Möglichkeit nehmen, uns über nicht gegebene Tore oder nicht gesehene Abseitsstellungen aufzuregen, werden wir froh sein, wenn wir uns überhaupt noch über etwas so richtig aufregen können. Deshalb: Well done, Mitchell Weiser!

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