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P. Köster: Kabinenpredigt: Gereizte Stimmung und öffentliche Konflikte: Deshalb geht es bei RB Leipzig abwärts

Die große Euphorie um den Brauseklub RB Leipzig hat sich verflüchtigt. Stellt sich die Frage: Wohin will der Klub eigentlich? 

RB Leipzig-Trainer und Manager Ralf Rangnick kneift die Lippen zusammen

Für RB Leipzig läuft es gerade nicht so, wie Ralf Rangnick sich das vorstellt

DPA

Wer in den vergangenen Jahren in der Bundesligatabelle nach RB Leipzig suchte, wurde in der Regel in der oberen Hälfte fündig. Von den, hüstel, sehr elastischen Sympathiewerten einmal abgesehen, war Ralf Rangnicks Ensemble sportlich eine der wenigen innovativen Truppen der Liga, der rasante Attackierfußball war attraktiv und erfolgreich zugleich.

Ein Satz, der jedoch inzwischen im Imperfekt formuliert werden muss, denn im September 2018 ist die Euphorie des Aufstiegsjahres, als die Leipziger in atemberaubender Geschwindigkeit zum ersten Bayern-Verfolger avancierten, weitgehend verflogen. Nach dem eher erkämpften als erspielten 1:1 in Frankfurt haben die Leipziger gerade mal fünf Punkte. Das reicht derzeit nur fürs untere Mittelfeld – viel zu wenig für die Leipziger Ansprüche.

Keine Kassenmagneten bei RB Leipzig

Die geschwundene Euphorie am derzeit um 3000 Zuschauer gesunkenen Zuschauerschnitt gegenüber dem Vorjahr festzumachen, wäre sicher unredlich. Mit Hannover 96 und Fortuna Düsseldorf waren bisher keine Kassenmagneten zu Gast.

Und doch drückt derzeit vieles auf die Stimmung. Etwa, dass der Klub, anstatt in der glitzendernem Champions League zu kicken, sich seit dem Sommer durch unspektakuläre Europa-League-Spiele würgen muss und nun sogar frühzeitig vor dem Rauswurf ausgerechnet durch die Franchise-Kollegen von Red Bull Salzburg steht. Aber auch die Erkenntnis, dass sich die Mär verflüchtigt hat, dass allein schon die spieltaktische Genialität des Ralf Rangnick für dauerhaften Erfolg in der Bundesliga sorgt. Dieser Mythos hatte einen breiten medialen Widerhall gefunden, stellvertretend für viele schlagzeilte das Handelsblatt noch an Weihnachten 2017 über Rangnick, er sei "Meister seiner Klasse" und staunte: "Mit Geld allein ist dieses Wunder nicht erklärbar".

Dabei verlief schon die letzte Saison der Leipziger nicht nach Wunsch. Die Querelen beim langgezogenen Abschied von Coach Ralph Hasenhüttl waren ja auch dem Umstand geschuldet, dass schneller, als von den RB-Funktionären vermutet, die Gesetze des Profigeschäfts auch in Leipzig griffen. Zahlreiche Klubs entwickelten im Ligaalltag erfolgreiche Abwehrmaßnahmen gegen den Leipziger Überfallfußball und deckten zugleich dessen Schwächen auf. Zugleich erwiesen sich die Kicker als durchaus empfänglich für die Verlockungen des Profibetriebs jenseits der RB-Welt. Und so konnten vor allem jene, deren Leistungen im letzten Jahr aus dem Leipziger Ensemble herausstachen wie etwa Naby Keita, es kaum erwarten, der Heldenstadt den Rücken zu kehren.

Ralf Rangnick und die öffentlichen Scharmützel

Ein gutes Indiz für die gereizte Stimmung ist die Vielzahl an kleinen Konflikten und Scharmützeln, die insbesondere Ralf Rangnick schon seit längerer Zeit bevorzugt öffentlich austrägt. Sei es die Nachwuchsförderung ("Wir müssen konstatieren, dass wir die schlechteste U19 seit sechs Jahren haben, seit ich da bin"), seien es einzelne Spieler, die auf Pressekonferenzen für Fehler angegangen wurden ("Diego Demme muss da mitgehen. Das geht nicht!"), seien es die Disziplinlosigkeiten einiger Kicker vor dem Europa-League-Kick gegen Salzburg, die Rangnick durch nebulöse Andeutungen noch befeuerte ("Sie wissen ja nicht, was wirklich vorgefallen ist").

Den Teamgeist und die Unbeschwertheit hat das nur sehr bedingt gefördert. Und so festigt sich der Eindruck, dass die Leipziger ein klassisches Übergangsjahr zu bewältigen haben, bevor im nächsten Sommer Shooting Star Julian Nagelsmann das Traineramt übernimmt. Spätestens 2019 muss der Klub dann aber die große Frage beantworten, wohin er eigentlich will und ob er sich mit dem gegenwärtigen Status Quo zufrieden geben will. Fakt ist: Bleibt es beim gegenwärtigen Engagement des Brausekonzerns, wird RB Leipzig stets ein Kandidat fürs vordere Drittel der Liga sein. Für den internationalen Wettbewerb und auch für den Wettstreit mit dem FC Bayern reicht das Engagement nicht, dort sind die Leipziger allenfalls einer von vielen Ausbildungsvereinen. Egal, ob der Coach Rangnick oder Nagelsmann heißt.

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