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Sporting Lissabon vs. Bayern München: Viele Baustellen, keine Lösung

Champions League in Lissabon (ab 20.45 Uhr im stern.de-Liveticker) Bundesliga in Bremen, DFB-Pokal gegen Leverkusen - auf Bayern-Trainer Jürgen Klinsmann wartet die Woche der Wahrheit. Die Bosse appellieren, die Spieler kritisieren, alle hoffen sie auf die Erlösung. Die Bayern kämpfen gegen die Krise.

Von Jens Fischer

Eines kann man Jürgen Klinsmann in diesen schweren Tagen nicht vorwerfen: Die Mixtur aus schwäbischer "Jetzt-erst-recht-Sturheit" und kalifornischem "Hau-drauf-Optimismus" stimmt. Wenn er da am Flughafen München in der Wartehalle steht, fleißig Autogramme schreibt und mit seinen Bayern-Stars auf den Flieger nach Lissabon wartet, dann hat er sein unerschütterliches Grinsen aufgesetzt. Das braucht er, das schützt, das hilft ihm dabei, diese ständige Nörgelei der Medien und den stetig wachsenden Erfolgsdruck besser zu ertragen.

Innen drin schaut es beim Bayern-Trainer sicherlich anders aus. Dieses verdammte 1:2 zu Hause gegen Köln – das nagt an ihm. Er weiß: Spätestens jetzt steht sein Job auf dem Spiel. Die nächsten drei Partien – erst Champions League in Lissabon, dann Bundesliga in Bremen, darauf DFB-Pokal in Düsseldorf gegen Leverkusen – werden maßgeblich dafür sein, ob er weiter machen darf beim deutschen Rekordmeister Bayern München. Zuerst also nach Lissabon, zum vermeintlich leichtesten Gegner, den die Bayern im Achtelfinale der Königsklasse erwischen konnten. Philipp Lahm mahnt schon mal: "Hier unterschätzt keiner mehr irgendjemanden."

Flammende Appelle

Der Hochmut sollte den Bayern vergangen sein. Kein Kampfeswille, kein Einsatz, lustlos und fehlerhaft spulten die Münchner Millionarios ihr Programm gegen die Kölner herunter. Bei einer derartigen Leistung in Lissabon droht die nächste Blamage – und Klinsmanns erste letzte Chance seinen Arbeitsplatz zu retten, wäre schon vergeben. Bei der Pressekonferenz im noblen Ritz-Hotel von Lissabon appellierte Klinsmann an seine Spieler: "Wir müssen eine Reaktion zeigen. Es muss mehr kommen als gegen Köln - und da sind wir zuversichtlich." Immer wieder diese Zuversicht – es wird Zeit für Taten bei den Bayern.

Aber die Probleme der Münchner auf dem Platz sind zahlreich. Die Abwehr wackelt, Martin Demichelis wird in Lissabon wohl draußen sitzen, und das Mittefeld lahmt an allen Ecken und Enden. Der "Mann für alles", Franck Ribéry, wirkt verzweifelt auf Grund der ständigen Doppel- und Dreifachbewachung durch seine Gegner, Mark van Bommel spielt wie ein Geist und Zé Roberto befindet sich im Leistungsloch.

Schweinsteiger in der Kritik

Das Schlimmste aber passiert auf der rechten Seite – nämlich nichts. Mit Bastian Schweinsteiger verlieren die Bayern-Bosse allmählich die Geduld, kein Wunder, dass nach Medienberichten Aleksander Hleb (Barcelona) jetzt doch nach München kommen soll. In Lissabon wird sich wohl Hamit Altintop versuchen. Im Angriff ist klar: Luca Toni muss auflaufen, auch wenn er nach eigenem Ermessen "nicht komplett fit ist". Zu viel steht auf dem Spiel.

Und zwar nicht nur der sportliche Erfolg, sondern eine komplette Vereinsstrategie. Bei einem Ausscheiden aus der Champions League und weiteren nationalen Niederlagen wäre das "System Klinsmann" vom offensiven, attraktiven Fußball gescheitert. Das wissen Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß, die um ihre Visionen bangen müssen. Noch versuchen beide, vor den entscheidenden Wochen Hektik zu vermeiden. "Wir führen keine Diskussion um den Trainer. Er hat unsere Unterstützung und unser Vertrauen", meint Rummenigge, spricht aber anderseits davon, Klinsmann ein "Sommerzeugnis" ausstellen zu wollen. Hoeneß will ab sofort nichts mehr "beschönigen".

Auf die sanfte Tour

Ruhe bewahren, keine Interviews, keine voreiligen Krisen-Statements – eine Taktik, die man kennt aus der Bayern-Chefetage. Ein Zeichen dafür, dass es eng wird. Zumal auch im Verhältnis zwischen Spieler und Trainer nicht mehr alles stimmt. Wortführer wie Lahm oder Miroslav Klose üben bereits öffentlich Kritik an der offensiven Taktik. "Da jetzt Dampf zu machen und nach vorne zu rennen, wäre falsch", meint Klose im Hinblick auf Lissabon. Auch Klinsmanns Sturheit in den Fällen "Landon Donovan" und "Lukas Podolski" versteht nicht jeder.

Viele Baustellen, aber keine Lösung. Da sprechen die Bayern-Stars davon, in der Champions League endlich die notwendige Motivation zu finden. Aussagen, die nur sehr schwer einzuordnen sind. Ist die Bundesliga den Bayern nicht wichtig genug, um zu kämpfen und zu rennen? Sind die vom Erfolg Verwöhnten einfach viel zu satt? Fragen, die sich Klinsmann, Hoeneß und Rummenigge stellen müssen.

Lissabon stark im Spiel nach vorne

Noch aber regiert die Hoffnung, rigide Maßnahmen und öffentliche Bloßstellungen sind nicht Bayern-Art. Noch können die Bayern alle Wettbewerbe – Champions League, Bundesliga und DFB-Pokal – gewinnen. Nur ist das im Moment schwer vorstellbar, schon die Partie am Mittwochabend im Lissabonner José-Alvalade-Stadion wird schwer genug.

Denn Sporting ist nur auf den ersten Blick ein Team der Namenlosen. Die Portugiesen verfügen über hervorragende Individualisten in der Offensive (Vukcevic, Liedson, Derlei) und werden von 52.000 heißblütigen Fans über 90 Minuten nach vorne gepeitscht. Die Defensive Sportings weist Schwächen auf, aber ob die Bayern diese ausnutzen können, bleibt fraglich.

Zumal das Selbstvertrauen angekratzt ist, keine Spur vom einstigen "Mir-san-mir"-Gefühl. "Wunschergebnis wäre, nicht zu verlieren", antwortete Rummenigge auf die Frage nach seinen Zielen in Lissabon. Bescheidenheit ist Trumpf in München. Mehr denn je.

Die voraussichtlichen Aufstellungen:

Sporting Lissabon:

Tiago - Abel, Carriço, Anderson Polga, Grimi - Izmailov, Rochemback, Moutinho, Vukcevic - Liedson, Derlei

FC Bayern München:

Rensing - Oddo, Lucio, van Buyten, Lahm - Altintop, van Bommel, Zé Roberto, Ribéry - Klose, Toni

Schiedsrichter:

Layec (Frankreich)

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