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Thomas Helmer: "Wer nicht mitzieht, bekommt das hart zu spüren"

Gladbach, Bayern, HSV - drei Clubs haben sich in der vergangenen Woche von ihrem Trainer getrennt. Im stern.de-Interview analysiert der 68-fache Nationalspieler Thomas Helmer die Situation der Krisenvereine.

Ist ein Trainerwechsel am 19. Spieltag problematisch?

Optimal ist ein Start für einen neuen Trainer zu diesem Zeitpunkt - direkt nach der Winterpause - natürlich nicht. Er hat die Mannschaft in der Vorbereitung weder kennenlernen noch einstellen können. Jetzt viel zu ändern, gerade in einer englischen Woche, ist unglaublich schwer. Aber man kann die Situation auch anders sehen: Jetzt hat ein neuer Mann natürlich nichts zu verlieren.

Also sind Sie eher skeptisch, was die Erfolgsaussichten der neuen Trainer angeht?

Nein, ganz und gar nicht. Erfahrungsgemäß ist es so, dass sich bei einem Trainerwechsel zunächst einmal alle Spieler zusammenreißen, denn nur die wenigsten können sich ihrer Position sicher sein. Jeder Spieler muss sich neu beweisen, Hierarchien verändern sich. Daher sorgt die Neubesetzung des Trainerstuhls zumeist auch für einen merklichen Aufschwung. Gerade im Fall von Gladbach denke ich, dass der neue Trainer gute Aussichten auf Erfolg hat. Er kennt das Team bereits und der Erfolg vom vergangenen Wochenende ist ein hervorragender Start für ihn.

Wie wird sich der Wechsel bei den Bayern auswirken? Die Saison verläuft bislang - auf nationaler Ebene jedenfalls - vergleichsweise enttäuschend?

Ja, es läuft nicht rund. Mit Ballack ist sicherlich ein extrem wichtiger Bestandteil der Mannschaft weggebrochen. Nicht mit Hinblick auf sein Auftreten und seine Stellung innerhalb der Mannschaft war er herausragend. Auch von seiner Torgefährlichkeit hat das Team sehr häufig profitieren können.

Aber an Ballacks Weggang alleine kann es doch nicht liegen?

Ich habe das Spiel gegen Hannover gesehen. Da hat die Mannschaft wirklich schwach gespielt. Zudem wirkt es schon so, als würde intern atmosphärisch nicht alles stimmen. Man darf aber nicht vergessen, dass Schalke und Werder einfach eine fantastische Saison spielen. Und im Grunde sind wir ja alle auch ganz froh darüber. Die Saison ist spannend wie selten zuvor.

Für Außenstehende wurde überraschend schnell entscheiden, sich nach dem schwachen Rückrundenauftakt von Magath zu trennen. Stand dieser Schritt Ihrer Meinung nach intern bereits vor Beginn der zweiten Halbserie fest? Ein Indiz dafür: Hitzfeld hatte kurz zuvor ein Angebot von Borussia Dortmund abgelehnt.

Es gibt generell immer einen Plan B. Bei jedem Verein. Es wäre fahrlässig, wenn die Verantwortlichen für den "Worst Case" nicht im Voraus planen würden. Die Bayern werden also ebenso verfahren haben.

Allerdings sehe ich die Gesamtsituation der Bayern offen gesprochen nicht so dramatisch. Daher war kam die Entlassung zu diesem Zeitpunkt für mich sehr überraschend. Immerhin steht man im Achtelfinale der Champions League. Und mit Real Madrid hat man hier einen schlagbaren Gegner. Wenn die Bayern ins Viertelfinale kommen würden, dann wäre sicherlich alles drin. Der Zeitpunkt der Entlassung war für Magath schon sehr bedauerlich.

Jetzt ist Ottmar Hitzfeld neuer Trainer der Bayern - nur eine Kurskorrektur oder ein tief greifender Umbruch?

Was sich nun im Detail ändern wird, kann ich nicht beurteilen, da ich unter Felix Magath nie trainiert habe. Allerdings kenne ich Ottmar Hitzfeld aus meiner aktiven Zeit noch bestens. Dessen Stärke ist seine Autorität. Er hat jede Mannschaft vollkommen im Griff und wird sicherlich zunächst rigoros die atmosphärischen Probleme angehen. Hitzfeld wird hart durchgreifen - wenn einer nicht mitzieht, dann wird er das zu spüren bekommen.

Wie schätzen Sie die Meisterschafts-Chancen für die Bayern ein?

Fakt ist, dass die Bayern im Spiel gegen Nürnberg praktisch verdammt zum Sieg waren. Das hat nicht geklappt, wie wir alle wissen. Somit haben sich die Meisterschaftschancen nun auf ein Minimum reduziert - auch wenn Schalke und Bremen noch nach München müssen. Die beiden führenden Teams sind einfach zu sehr gefestigt, als dass München noch einmal aufschließen kann, denke ich.

Zum HSV: Thomas Doll wird vorgeworfen, dass er zu weich zu den Spielern war. Sein Kuschel-Kurs soll verhindert haben, aus dem diffusen HSV der letzten Monate eine Mannschaft zu formen. Hätte man sich früher von Thomas Doll trennen müssen?

Schwierig zu entscheiden. Fakt ist, dass Doll ein unglaublicher Sympathieträger für den HSV war. Zudem hat er die Hamburger schon einmal aus einer schwierigen Situation nach oben geführt. Doll hat wirklich alles versucht. Am Ende hat es einfach nicht mehr funktioniert, manchmal gibt es so was. Niemand kann ihm einen Vorwurf machen. Aber den Verantwortlichen blieb angesichts der aktuellen Situation keine andere Möglichkeit mehr.

Lag der schwache Auftritt des HSV also nur daran, dass Doll sein Team nicht mehr erreicht hat?

Nein, das wäre zu einfach. Ich denke, dass der HSV einfach kein Glück mit seinen Einkäufen hatte. Schon seit zwei Jahren hat man dort ein akutes Stürmerproblem. Die Misere wurde noch verstärkt, indem man den Vertrag mit Barbarez nicht verlängerte. Der war immer für ein Tor gut. Zudem ist van der Vaart während der vergangenen Monate sehr häufig ausgefallen - ein weiterer Schlüsselspieler, der im Abstiegskampf fehlt. Ich glaube, dass die Mannschaft nach den Abgängen von van Buyten und Boularouz qualitativ einfach nicht stark genug besetzt ist, um weiter oben mitzuspielen. Das wird nun ganz eng. Vor allem nach der ärgerlichen Niederlage gegen Berlin.

Jetzt hat Huub Stevens das Ruder beim HSV übernommen. Passt er Ihrer Meinung nach zum HSV?

Huub Stevens ist ein hervorragender Trainer. Das hat er bei Schalke eindrucksvoll bewiesen. Zudem kennt er die Bundesliga aus dem Effeff. Er kann es schaffen, zumal er einige Landsmänner im Team vorfindet. (lacht)

Interview: Udo Lewalter

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