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Vor WM-Qualifikation gegen Österreich: Abschied vom netten Herrn Löw

Lässig, charmant und entspannt: Jahrelang war das das Bild von Joachim Löw in der Öffentlichkeit. Aber das war einmal. Das EM-Aus hat den Bundestrainer verändert.

Von Klaus Bellstedt, Wien

Es ist heiß in Wien. Und schwül. 27 Grad Celsius zeigt das Thermometer außen am Ernst-Happel-Stadion. Am Dienstag trägt die deutsche Nationalmannschaft hier ihr zweites WM-Qualifikationsspiel aus. Es geht gegen Österreich. Aber jetzt hat Joachim Löw erstmal mit der Orientierung innerhalb der Arena zu kämpfen. "Kennt sich hier denn keiner aus", meckert der Bundestrainer vor sich hin. Fernsehmenschen zerren an ihm. Der DFB-Medientross weiß auch nicht so recht, in welche Richtung es gehen soll. Löw wirkt genervt, gestresst, gehetzt. Nach einem mittleren Irrlauf findet er schließlich doch noch den kleinen Pressesaal, der überfüllt ist und in dem die Luft steht. Der 52-Jährige nimmt oben auf dem Podium Platz, und es wirkt fast wie inszeniert: Im selben Moment geht das Licht im Raum aus. Die österreichischen Journalisten lachen. "Wenn das mal kein schlechtes Omen ist", sagt einer. Der deutsche Trainer kann ihn nicht hören. Seine Miene ist ernst.

Rückblick: Etwas mehr als drei Monate ist es jetzt her, dass Joachim Löw ein letztes Mal vor dem Start der EM den Reportern einen Einblick in sein Seelenleben schenkte. "Je näher das Turnier rückt, desto ruhiger werde ich. Und auch meine Gedanken werden klarer", so Löw damals. Frisch, ausgeruht und entspannt präsentierte sich Deutschlands wichtigster Fußballlehrer im Mannschaftsquartier in der Nähe von Danzig. Das Bild des cool-charmanten Bundestrainers hielt sich auch während des Turniers. Bis zum überraschenden Halbfinal-Aus gegen Italien. Diese verlorene Partie hat etwas gemacht mit Joachim Löw. Sie hat ihn härter werden lassen. Die Lässigkeit ist ihm irgendwo auf der Strecke zwischen Kiew, Frankfurt, Hannover und Wien abhandengekommen. Woran das liegt? Schwer zu beurteilen.

Keine neue Aufbruchsstimmung

Sicher, die teilweise überharte Kritik nach dem Ausscheiden hat Löw getroffen. Er wurde in seinem Stolz verletzt. Beim sensiblen Fußballlehrer gingen daraufhin die Klappen runter. Er schien beleidigt und holte vor dem ersten Auftritt der Nationalmannschaft in der neuen Saison, zwei Tage vor dem Testspiel gegen Argentinien in Frankfurt, zu einer Art Rundumschlag aus. Erst ruhig und bestimmt, dann laut und mit scharfem Unterton: Es war die ungewohnte Tonalität, in die Löw seine Generalabrechnung mit den Kritikern verpackt hatte. So hatten ihn selbst diejenigen, die ihn und das DFB-Team seit Jahren begleiten, noch nicht gesehen. Seitdem herrscht Eiszeit. Den netten Herr Löw gibt es derzeit nur noch in der Werbung.

Die Ergebnisse haben dem Bundestrainer bei seiner Frustbewältigung auch nicht richtig helfen können. Gegen Argentinien hieß es am Ende 1:3. "Mist gegen Messi" schrieb der Boulevard. Und Torwart-Legende Oliver Kahn schimpfte im TV vor einem Millionenpublikum im Beisein von Löw auf die Spieler. Es folgte zum Auftakt der WM-Qualifikation ein eher langweiliger 3:0-Erfolg gegen die Halbprofis von den Färöer-Inseln. In den Köpfen blieb die mangelhafte Chancenauswertung hängen. "Ich kenne die Mechanismen und merke auch, dass zwischen der öffentlichen und der veröffentlichen Meinung schon eine Diskrepanz herrscht", sagt Löw in einem am Montag veröffentlichten Interview mit dem Wiener "Kurier". Wenn es den Gesamtauftritt der deutschen Mannschaft bei der EM betrifft, mag das zutreffen. Aktuell aber gibt es wenig Unterschiede in der Wahrnehmung. Nach dem 3:0 gab es jedenfalls keine Begeisterungsstürme im Stadion. Vielmehr dominiert der Gedanke, dass es das DFB-Team selbst ! gegen die Färöer nicht geschafft hat, für eine Aufbruchsstimmung zu sorgen. Einerseits fällt das natürlich auf die Spieler und deren Einstellung zurück, andererseits aber auch auf ihren Trainer.

Tiefstapelei im Vorfeld

Und nun also Österreich. Kommt jetzt die Wende zum Guten? Eher nicht. Zumindest wenn man Löws Worten Glauben schenken mag. Wer dem Bundestrainer auf der Abschlusspressekonferenz zuhört, kann leicht auf den Gedanken kommen, dass es am Dienstagabend nicht gegen Österreich geht, sondern zu einem Duell mit Frankreich, Italien oder England kommt. Löw spricht von einem "völlig zurecht selbstbewussten Gegner". Er erwarte ein Spiel auf "Augenhöhe", weil ... "in Wien hatten wir immer unsere Probleme." Das stimmt schon, hört sich aber dennoch verdächtig nach Tiefstapelei an. Vielleicht ist das ja Löws Plan für die Zukunft: Nach außen die Erwartungen wieder mehr herunterdrücken, die Mannschaft von innen heraus aber stärken.

Ein einziges Mal an diesem Mittag huscht ein Lachen über das Gesicht des Bundestrainers. Als sich ihm mit viel Wiener Charme eine Fernsehjournalistin vorstellt. Sie will wissen, ob es so etwas wie Angst bei den Deutschen vor dem morgigen Gegner gäbe. Löw zeigt oben auf dem Podium zum Scherz seine beiden zitternden Hände. Für einen Moment ist die Lockerheit wieder da. Aber sie hält nicht lange an. Es ist die letzte Frage des Tages, die sein Gesicht einfrieren lässt – weil sie wieder zurückzielt. Auf die EM. Und die Folgen. "Gibt es immer noch eine Krisenstimmung im deutschen Team", will ein Reporter aus Österreich wissen. Sofort verfinstert sich Löws Miene. Er wirkt sehr ernst, fast niedergeschlagen. "Die Fallhöhe war uns bewusst und die Enttäuschung enorm groß", sagt er. "Emotional waren wir alle in einem Loch und es hat gedauert, das zu verarbeiten." Manchmal scheint es so, als habe Joachim Löw den Verarbeitungsprozess noch immer nicht abgeschlossen.

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