HOME

Wildmoser-Affäre: Löwen-Dämmerung

Aus einem maroden Regionalliga-Verein formte der Großgastronom Karl-Heinz Wildmoser den modernen TSV 1860 München - immer im Gefolge Sohn Heinzi. Jetzt stecken beide inmitten eines handfesten Schmiergeldskandals.

Sie haben doch so vieles gemeinsam, der Kaiser Franz und der Löwe Karl-Heinz. Aus kleinen Verhältnissen kommen beide, sind Fuáballvereinspräsident geworden, haben das Bundesverdienstkreuz bekommen, Steuerprobleme gehabt, uneheliche Kinder gezeugt (aktueller Stand ist 2:3 für den Franz), sind Stützen von Münchens "Snobiety", Bauherren der Allianz-Arena an der A9 bei Fröttmaning in Riechweite der Kläranlage. Und Millionarios obendrein. Nur zur Lichtgestalt, wie der Dr. h.c. Beckenbauer, hat es der Karl-Heinz Wildmoser nie gebracht.

Tief gefallen ist er in der vergangenen Woche, der Karl-Heinz Wildmoser, und sehr hart gelandet. In einer Zelle der Münchner Strafanstalt Stadelheim, wo ihm Vollzugsbeamte einen Teppich mit dem Emblem seines Vereins, des TSV 1860 München ("Die Löwen"), vor die verriegelte Türe legten. Mit ihm zog sein 40-jähriger Sohn, der auch Karl-Heinz heiát, aber Heinzi genannt wird, in U-Haft, allerdings im 60 Kilometer entfernten Augsburg, damit man sich nicht absprechen kann.

Drei Tage später war der "König der Löwen" wieder ein halbwegs freier Mann. Die Staatsanwaltschaft hatte den Haftbefehl gegen die üblichen Auflagen aufgehoben. Karl-Heinz Wildmoser sagte später, der ganze Knast bestünde aus 60er Fans. Alle seien sehr nett zu ihm gewesen, fast wäre er gern noch geblieben.

Vielleicht kommt er ja demnächst für länger, falls die Staatsanwälte vor Gericht beweisen können, dass Vater und Sohn der österreichischen Firma "Alpine" Details aus der Ausschreibung für den Neubau des Stadions verraten und dafür 2,8 Millionen Schmiergeld kassiert haben. Das Geld ist gestückelt und auf verschlungenen Wegen auf die Konten der Wildmosers geflossen. Wildmoser jun. hat den Transfer bereits eingestanden, seinen Vater aber entlastet, was ein weiterer Zeuge bestätigte. Für die Justiz sind die Millionen Bestechungsgelder. Die Münchner Anwälte Steffen Ufer, sein Sohn Florian und Ulrich Ziegert, die Vater und Sohn Wildmoser vertreten, bezeichnen sie als "nicht unübliche" Vergütungen für Lobbyarbeit.

Münchens Oberbürgermeister Christian Ude sieht das nicht so differenziert. Er sei "entsetzt darüber, welche gravierenden und fundierten Vorwürfe" die Staatsanwaltschaft gegen die Wildmosers vorgelegt habe, erklärte er direkt nach der Polizeiaktion. Wildmoser müsse "unabhängig von der strafrechtlichen Entwicklung" von seinem Posten als Präsident der Löwen zurücktreten. Einen Nachfolger hatte der OB auch schon, den just als bayerischer Kultusminister entlassenen Schöngeist Hans Zehetmair von der CSU.

Kurz vorher hatte Ude noch Gabel an Gabel mit seinem Duzfreund Karl-Heinz für den Ruf der Münchner Weißwurst gekämpft, vor allem dagegen, dass die auch in Wuppertal und Hamburg in chinesische Schweinsdärme gestopft werden dürfen und am Ende besser schmecken als die Originale aus München - die mit dem typischen Anflug von Übelkeit nachher.

Ude war vom ersten Augenblick an in die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft mit eingebunden. Für seine Forderung, Wildmoser abzusetzen, haben die Löwen nur eine Erklärung. Ihr Präsident, der seinen Verein als eine Art Familienbetrieb und Erbhof zugleich führt, passt nicht mehr in die Münchner Fußballlandschaft, egal ob schuldig oder nicht.

Tatsächlich hätte die deutsche Bundesliga keinen Vormann mehr, der vor wichtigen Sitzungen die Anwesenden schon mal über seine Libido im Allgemeinen, speziell aber in der vergangenen Nacht aufklärt. Es gäbe auch keinen, der über sich sagen lassen muss, er hätte es versäumt, einen jungen Kicker namens Michael Ballack zu begutachten, weil der Weg zu dem zu unbequem wäre. Und einen Schattenmann, der nach vorn eilt und die zu Ende gerauchte Zigarette des Chefs übernimmt und entsorgt, gibt es außer bei 1860 München auch nicht mehr im Oberhaus des deutschen Fußballs. Von den Autogrammkarten des Löwenpräsidenten einmal ganz abgesehen, auf denen zu lesen ist: "Diese Karte gerantiert, dass Sie mir persönlich begegnet sind, mich warmherzig, höflich, intelligent und witzig fanden."

Barocke bayerische Selbstherrlichkeit

Karl-Heinz Wildmoser ist zunächst einmal Immobilienhändler mit dem Schwerpunkt neue Bundesländer sowie bayerischer Großgastronom, und so sieht er auch aus. Wuchtig, mächtig, ein Mann im dreistelligen Kilobereich, nicht sehr gesund, an hohem Blutdruck, kaputtem Magen sowie einer Milchallergie leidend. Er hat Metzger gelernt, als Schankkellner gejobbt und dabei seine Frau Theres kennen gelernt, mit der er heute noch verheiratet ist. Zu seinem Imperium gehören der "Donisl" in München, einst, in den 70er Jahren, eine berüchtigte Räuberhöhle, in der Gäste mit Ko-Tropfen betäubt, ausgeraubt und auf die Straße geworfen wurden, eine Entenbraterei auf der Wies'n und der Gasthof "Hinterbrühl", wo am großen Tisch vor dem "Zirbelstüberl" das Unternehmen TSV 1860 gelenkt wird.

1989 kam Karl-Heinz Wildmoser sen. zu dem Verein, zunächst als Vize. Drei Jahre danach war er der Chef. Den Junior brachte er gleich mit. "Des Hundi" nannten ihn die Spieler, weil er immer drei Schritte hinter dem Vater herlief, wie ein Vorstadtdackel hinterm Frauchen. Aber das Hundi, gelernter Gastronom wie der Papa, verschaffte sich schnell Respekt, wurde Geschäftsführer der Lizenzspielerabteilung bei den Löwen und in der Allianz Arena München Stadion GmbH, die das neue Stadion errichtet.

Als die Wildmosers den Verein übernahmen, spielte der in der Regionalliga, hatte gerade mal 5000 Mitglieder und war so arm, dass es sogar an Luft in den Bällen fehlte. Unter Wildmoser sen. und mit Werner Lorant, dem Trainer, erlebten die Löwen einen beispiellosen Aufstieg. Sie etablierten sich in der Bundesliga, gesundeten finanziell, haben etwa 23000 Mitglieder, eine moderne Geschäftsstelle mit Trainingsgelände und "Stüberl", in dem der Chef und der Trainer oft beieinander saßen, um lange Gespräche zu führen, die angeblich nur aus fünf Worten bestanden: "Ohne mich wärst du nichts."

Den Lorant hat das 2001 nicht davor bewahrt, gefeuert zu werden, so wie viele Angestellte zuvor und danach, die Wildmoser nicht mehr ins Konzept passten. Geschäftsführer kamen und gingen Knall auf Fall, Vizepräsidenten wie Erich Meidert verabschiedeten sich mit den Worten: "Ich bin froh, dass ich dieses Horrorkabinett hinter mir habe." Mittelfeldspieler Manfred (Manni) Schwabl geriet 1997 auf die "To-fire-Liste", nachdem er es gewagt hatte, eine kurzfristig angesetzte Vereinsfeier seines Chefs nicht zu besuchen, weil er schon woanders zugesagt hatte. Rausschmeißen konnte der König der Löwen den Profi allerdings nicht, weil die Fans für Manni auf die Barrikaden gingen. Aber als Schwabls Spind und seine Trikotnummer 8 plötzlich vergeben waren und seine Sachen mit seiner neuen Nummer 35 auf einem Stuhl lagen, verstand Manni und ging fast freiwillig.

Aus dem TSV 1860 München war längst der "TSV Wildmoser und Sohn" geworden, und aus dem formierte sich ein Verein, den enttäuschte Fans als "FC Bayern light" verhöhnen. Die Bayern, die in jedem 60er einen falschen Fuffziger wähnen und die spielerische Qualität der Löwen als "TSV Blutgrätsche" abtun, das sind für jeden Löwen "die da drüben". Ein arroganter Haufen von Söldnern, in einem Verein, der früher von seinen Mitgliedern Abitur verlangte und dessen Fans "zu 70 Prozent aus Siebenbürgen kommen", Flüchtlinge sind, die "doch sowieso nicht arbeiten", wie Wildmoser sen. befand, als ihm Beckenbauer noch nicht so ein Vorbild war wie in den vergangenen Jahren.

Er ist ein bisschen zahnlos geworden, im Laufe der Jahre, der Löwenkönig. Seit er im Jahre 1995 das heimelige Löwenstadion an der Grünwalder Straße aufgab, um wie die Bayern im Olympiastadion zu kicken, ist das Löwenrudel gespalten. Noch immer gibt es Hardcorefans, die es vorziehen, Spiele des TSV 1860 mit einem Transistorradio am Ohr auf dem alten Fußballplatz zu verfolgen. Und überhaupt: Der Schmusekurs mit denen da drüben hat eh nichts gebracht. Die Derbys werden alle Jahre wieder verloren. Das scheint so sicher wie Wahlsiege der CSU. Die Sponsoren stürzen sich auf die Bayern, was übrig bleibt, krallt sich Franz Beckenbauer. Mit den sonstigen Aktivitäten des Rekordmeisters kann sein Verein auch nicht mithalten. Während die Bayern ihre außerehelichen Bemühungen im Beisein der Weltpresse zelebrieren, brachte es der TSV lediglich auf eine Feld-, Wald- und Wiesenaffäre zwischen dem ehemaligen Geschäftsführer Edgar Geenen und Angela Häßler, der Frau des Ex-Weltmeisters Thomas Häßler, nun auch Ex-Löwe.

Auch die Immobiliengeschäfte im Osten gingen schlecht, eigentlich gingen sie nie gut. Mit einem Bierzelt und Blasmusik waren Karl-Heinz sen. und Karl-Heinz jun. nach der Wende im Osten eingefallen und hatten sich, sagen Insider, so um die 700 Objekte zusammengekauft: Schlösser, Villen, Häuser, Wohnungen und Plattenbauten. Leider erwiesen die sich als unverkäuflich und nicht vermietbar, obgleich nach Spielen der Löwen schon mal Flugblätter mit angeblichen Schnäppchen verteilt wurden. Und dass der Werner Lorant seinem Chef fünf Wohnungen abkaufte, das machte den Kohl auch nicht fett. Zurzeit sollen in Wildmosers östlichen Latifundien nur noch drei Mitarbeiter beschäftigt sein, mit Karl-Heinz jun. an der Spitze, der seit 1996 angeblich allein für die Immobilien zuständig ist.

Wenn das stimmt,

könnte es die Rettung von Karl-Heinz sen. sein. Denn der Sohn, zugleich auch Geschäftsführer der Gesellschaft für den Neubau des Stadions, traf, so sagt er wenigstens, einen Schulfreund, der Verbindungen zu dem österreichischen Bauunternehmen Alpine in Salzburg hatte, die einen Entwurf für den Neubau des Münchner Stadions geliefert hatte. Bei beiden Vereinen, die sich darauf geeinigt hatten, höchstens je 140 Millionen Euro für den Neubau auszugeben, war dieser Entwurf einstimmiger Favorit.

Es kam zu ein paar konspirativen Treffen. Dabei, so die Staatsanwaltschaft, hat Karl-Heinz jun. der Alpine die Schmerzgrenze von 280 Millionen Euro verraten und dafür kassiert. Der Junior bestreitet das. Er will die Firma lediglich bei der Präsentation des Projekts beraten haben. Dass dafür 2,8 Millionen Mark bezahlt werden, ist, so ein Ermittler, "nicht mal Österreichern zuzutrauen".

Für Wildmoser sen. ist das ein "dummer Fehler des Buben", für den der auch geradestehen werde. Er will auch um sein Amt beim TSV 1860 kämpfen, wirkt dabei unendlich traurig, fast schon gebrochen. Einen Anführer der Löwen stellt man sich anders vor. Jedenfalls nicht als müden Mann, der sich unlängst das Buch gekauft hat: "Wassergymnastik - aber richtig".

print

Wissenscommunity