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Willy Sagnol: Der gezähmte Widerspenstige

Willy Sagnol hat mit den Bayern 2001 die Champions League gewonnen. Wenn Oliver Kahn im Sommer aufhört, will der Franzose die Kapitänsbinde haben, so wie es ihm versprochen wurde, was nicht allen gefallen dürfte. Und: Zählt er überhaupt noch zur Führungsriege?

Von Mathias Schneider, Marbella

Da sitzt er nun und lächelt dieses sanfte Lächeln. Als sei nichts gewesen. Er spricht mit warmer Stimme, die eher Harmonie als Konfrontation verheißt. Sein mittlerweile flüssiges Deutsch ist von einem französischen Singsang durchdrungen. Willy Sagnol redet nicht besonders laut. Nein, so einer fällt nicht auf, schon gar nicht in der hektischen, bisweilen schrillen Welt des FC Bayern München.

So kann der Eindruck täuschen.

Kaum ein Profi hat diesen FC Bayern in den letzten Jahren in ähnlicher Weise auf Trab gehalten wie der Franzose Willy Sagnol, geboren am 18. März 1977 in St. Etienne. Allein der jüngste Zwist, zu dem Sagnol an diesem Dienstagmittag um zwölf Uhr im Hotel Westin La Quinta von Marbella noch einmal Stellung bezieht, dokumentiert trefflich, welch eigentümliches Verhältnis der rechte Verteidiger in den vergangenen acht Jahren zu seinem Arbeitgeber aufgebaut hat. Am ehesten trifft es glückliche Problembeziehung.

Sagnol drohte das Karriereende

Nach achtmonatiger Verletzung war Sagnol im Spiel gegen den VfL Wolfsburg am 24. November erstmals wieder im Kader gestanden. Eine schöne Geste für einen, dem schon das Karriereende drohte, mochte man meinen. Behutsam wollte ihn der Trainer Ottmar Hitzfeld wieder an den Profikader heranführen, zumal sein FC Bayern im Spätjahr zu holprig daherkam, um sich als Spielwiese für Rekonvaleszenten zu eignen.

Allein Sagnols Selbstverständnis verbittet Trainingsspiele in der Regionalligamannschaft, die ihm Hitzfeld zwei Mal verordnete. Also knurrte er mitten in die Erleichterung nach dem 2:1-Sieg gegen Wolfsburg hinein, er wolle den Klub so schnell wie möglich verlassen. Der Außenverteidiger sah sich nicht ausreichend geschätzt, wie so oft in seiner an Abschiedserklärungen reichen Vergangenheit. Er hat dann doch noch einmal mit Hitzfeld gesprochen vor den besinnlichen Tagen und schon waren sie wieder einmal zerstoben, all die Zweifel an der Richtigkeit seines Wohnorts. "Ja, ja, ich bin glücklich wie vor meiner Verletzung. Ich habe nie gesagt, dass der Trainer Schuld war", sagt Sagnol nun. Draußen wärmt die Sonne Andalusien, das Knie hält den anspruchsvollen Übungen im Trainingslager stand. Da relativiert sich vieles. Ein Missverständnis sei der kleine Disput gewesen, mehr nicht. "Der Trainer hat mir gesagt, das hatte nichts mit meiner Fußballfertigkeit zu tun, sondern mit der Fitness." Die Frage blieb, warum es überhaupt zum Streit gekommen war, denn Hitzfeld hatte niemals öffentlich an den Fertigkeiten des 53maligen Nationalspielers gezweifelt.

Seine sensible Natur macht den Umgang nicht leichter

Um die Aufgeregtheit zu verstehen, muss man wissen, dass Willy Sagnol exakt dem Klischee des stolzen Franzosen entspricht. Seine hoch sensible Natur macht den Umgang mit ihm nicht einfacher. Menschen wie Sagnol spüren mit seismographischer Präzision Verschiebungen in der Hierarchie. Man muss nur beobachten, wie sich der Nationalstürmer Miroslav Klose lässig in den Rattansessel der Hotellobby fläzt, Luka Toni mit dem siegesgewissen Lächeln eines Weltmeisters durch die Flure gleitet, um die Macht der neuen Herrscher zu spüren. Im Sommer stießen sie zum Verein. Sagnol konnte seine Position damals wegen seiner Verletzung nicht verteidigen. Er muss die Erosion seines Einflusses gespürt haben. Wohl auch deshalb verlor er bei seiner Rückkehr die Nerven. Es war auf den ersten Blick eine plumpe Provokation. In Wirklichkeit ging es aber darum, den eigenen Status im Verein auszuloten, der sich im Sommer von seinem Trainer Hitzfeld trennt und auch von Torwart Oliver Kahn.

Dabei hatten sie ihm noch 2006 den roten Teppich ausgelegt, als Juventus Turin heftig um ihn warb. Mit einem üppigen Gehalt trieben sie ihm das Fernweh aus. Vor allem fiel in der Not des Winters, da der Verein den Ausverkauf fürchtete, ein Versprechen, an das Sagnol nun, da alle Welt nur noch von Klinsmann, Klose, Ribery und Toni spricht, noch einmal drohend erinnert: "Beckenbauer, Hoeneß, Rummenigge und Hopfner haben gesagt, dass ich 2008 Kapitän sein werde, wenn ich meinen Vertrag verlängere." Er hat keinen aus der Führung vergessen, selbst den Finanzvorstand Hopfner nicht, gemeinhin nicht eben für sportliche Fragen zuständig. Er vergisst nicht, soll das heißen, Vertrag bis 2010 hin oder her. Wer aber miterlebt hat, mit welcher Kompromisslosigkeit Klinsmann gegen alte Seilschaften bei der Nationalmannschaft vorging, kann erahnen, in welch großer Gefahr Sagnols Kapitänsversprechen ist. Zumal seine regelmäßigen Ausbrüche in eigener Sache berechtigte Zweifel an seiner Verlässlichkeit schüren.

Der Club und Sagnol stehen sich lauernd gegenüber

So stehen sie sich lauernd gegenüber, der FC Bayern und sein Champions-League-Sieger des Jahres 2001 - Willy Sagnol. Man darf gespannt sein, was passiert, wenn der Kapitän im Sommer nicht Sagnol heißt. Sie werden sich dann wieder mit gebotener Gelassenheit mit ihrem Willy unterhalten, wie zuletzt 2004. Nach der Entlassung seines geliebten Trainers wollte Sagnol damals seinen Vertrag wutentbrannt auflösen. Die Entscheidung des Vorstandes sei "Bullshit". Der Name des Übungsleiters damals: Ottmar Hitzfeld.

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