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WM-Bilanz: Weltmeister der Gastfreundschaft

Vier Wochen im kollektiven Partyrausch sind vorbei. Sportler, Fans und Politiker sind sich einig: Die Fußball-WM 2006 war ein voller Erfolg - selbst im Ausland ist das Ansehen Deutschlands gestiegen. "Wir sind alle Gewinner, Verlierer gibt es nicht", sagt "Mister WM" Franz Beckenbauer.

Zumindest im Feiern sind die Deutschen Weltmeister geworden. Zum Finale einer 31-tägigen friedlich-fröhlichen Party, die das Land zu einem einzigen Festspielplatz verwandelt hat, berauschte sich das Land am Wochenende am Happy End von Jürgen Klinsmann und seiner Nationalmannschaft. Der 3:1-Sieg am Samstag in Stuttgart gegen Portugal belohnte einen nahezu perfekten Auftritt mit einem dritten Platz, der fast so viel Wert ist wie ein Titelgewinn. So gut gelaunt und voller Emotionen wie bei der 18. Fußball-Weltmeisterschaft hat sich Deutschland seit der Vereinigung 1990 nicht mehr gegeben. Vergleichbares ist nur bei Olympia 1972 in München gelungen, als die "heiteren Spiele" bis zum Terroranschlag auf das Israel-Team tatsächlich heiter waren.

So zählt der Gastgeber zu den größten Gewinnern einer auch vom Ausland hoch gelobten Veranstaltung. Sie wurde geprägt von Jürgen Klinsmann, Franz Beckenbauer und den Fans. Als Makel bleibt lediglich zurück, dass die Qualität der 64 Spiele im Kontrast stand zum Stimmungshoch. Es dominierten der Verteidigungs-Fußball und das taktische Kalkül mit ihren erstickenden Wirkungen. Das Team des Erneuerers Jürgen Klinsmann zog auf seinem Weg zurück in die Weltklasse auch deshalb so viel Begeisterung auf sich, weil es sich mit seinem Fußball der Attacke von den meisten Mannschaften unterschied.

"Fußball einig Vaterland"

"Deutschland hat das Motto "Die Welt zu Gast bei Freunden" mit Leben erfüllt", sagt Kanzlerin Angela Merkel. "Wir haben in wunderbarer Weise erlebt, dass Fröhlichkeit und Sicherheit nicht Gegensätze sind, sondern sich bedingen", sagt Innenminister Wolfgang Schäuble. Außenminister Frank-Walter Steinmeier spricht von einem "großen Fest der Völkerfreundschaft" mit nachhaltiger Wirkung für das Bild Deutschlands im Ausland. "Die meisten der zwei Millionen WM-Besucher fahren mit guten Erinnerungen nach Hause." Die neue Unbeschwertheit der Deutschen im Umgang mit den nationalen Symbolen wird als "weiterer Schritt zur Normalität" bewertet.

Möglich wurde dieses "Fußball einig Vaterland" durch das Zusammenspiel von Politik und Sport, es fand durch die Umarmung von Kanzlerin Merkel mit Franz Beckenbauer nach dem Elfmeter-Sieg im Viertelfinale gegen Argentinien sein symbolträchtiges Bild. Ohne Beckenbauer, den Fußball-Außenminister und Vorstand des deutschen Organisationskomitees, wäre die WM gegen den Willen von Fifa-Chef Joseph Blatter vor sechs Jahren kaum nach Deutschland vergeben worden. Der hat längst Abbitte geleistet und rühmt die Weltmeisterschaft "als beste aller Zeiten. Noch nie ist ein Event so emotional und global dargestellt worden". Blatter hat gut reden: Mit dem Hochglanzprodukt WM 2006 lässt sich künftig noch bessere Geschäfte machen. Allein die etwa 1,85 Milliarden Euro Einnahmen machen seine Organisation zu einem Großprofiteur dieser WM.

"Die Fans als die großen Sieger"

"Wir sind alle Gewinner, Verlierer gibt es nicht", sagt Beckenbauer und sieht "die Fans als die großen Sieger". Ohne Jürgen Klinsmann, den Anstifter des neuen deutschen Fußball-Glücks, wäre die Party wohl nur halb so schön geworden. "Das Deutschland der neuen Ideen - die Idee ist Klinsmann", beschreibt der argentinische Fußball-Weltmeister von 1986 und Schriftsteller Jorge Valdano die Wirkungsweise des 41-Jahre alten Bäckersohns. Zunächst bekämpft und auch von Beckenbauer mit herber Kritik begleitet, ist der zum Weltbürger gereifte Schwabe als unersetzlicher Reformer akzeptiert. Seine besonderen Eigenschaften sind Wagemut, Unbeirrbarkeit auch bei heftigstem Widerstand, Offensive. Die Beantwortung der Frage, ob er sein Projekt weiter anleiten will, gehört zum Spannendsten des WM- Nachspiels.

Mit dem Public Viewing, einem Begriff mit Anwärterschaft auf das Wort des Jahres, hat sich bei der WM 2006 neben dem Fußball ein neuer Volkssport etabliert. Gedacht waren die Fanmeilen in den 12 WM- Städten als Parallel-Arenen für Enttäuschte, die im Wettbewerb der 30 Millionen Kartennachfrager keines der drei Millionen Tickets abbekommen hatten. Entwickelt haben sich daraus multikulturelle Zonen der Begegnung und des gemeinsamen Feierns, die aus allen Nähten platzten. Zusammen mit dem Finale werden sich bei diesem Alternativ- Event Fußball nahezu 20 Millionen getummelt haben, mit fast neun Millionen allein in der Party-Hauptstadt Berlin.

Differenzierte sportliche Bilanz

Die WM als Schaufenster, in dem das Bild Deutschlands an Strahlkraft gewonnen hat. Die bisher größte Sicherheitsoperation des Landes, der es gelang, ein Gleichgewicht zu halten zwischen der Notwendigkeit des Schutzes und den Bedürfnissen nach freier Bewegung und freundlichem Umgang. Eine WM-Organisation, die der allgemeinen Einschätzung des Auslandes, die Deutschen seien Weltmeister der Organisation, ziemlich nahe kam. Eine trotz großer Kartenproblematik ausverkaufte WM. Laut Bundesagentur für Arbeit 50.000 neue Jobs durch die WM, 25.000 davon dauerhaft. Zwei Millionen ausländische Besucher und damit doppelt so viele wie erwartet als Belebung für das Tourismusgeschäft. Eine Infrastruktur, die nahezu allen Herausforderungen gerecht wurde. Ein Kulturprogramm mit der bemerkenswerten Besucherzahl von 2,5 Millionen. Der enorme Aufwand für dieses absehbar größte Ereignis in Deutschland hat reichlich Zinsen erbracht.

Sehr viel differenzierter fällt die sportliche Bilanz dieser Weltausstellung des Fußballs aus, bei der sich das Klinsmann-Deutschland hinter den Finalisten Italien und Frankreich wieder in die Spitze gespielt hat - mit rosigen Perspektiven der noch im Aufbau befindlichen jungen Mannschaft. Brasilien als gescheiterter Titelverteidiger bleibt als große Enttäuschung zurück und wurde in keiner Weise der allgemeinen Einschätzung seines Trainers Carlos Alberto Parreira gerecht: "Die Geschichte erinnert sich nur an die Sieger, nicht an die Schönspieler." Nicht einmal schön gespielt haben die Stars um den Weltfußballer des Jahres Ronaldinho.

Nach Einschätzung der Fifa-Experten sind die Leistungsunterschiede zwischen den Mannschaften bei der WM noch geringer geworden. Dies ist auch Ausdruck der immer stärkeren Globalisierung des Fußballs, mit Europa als Hauptausbildungszentrum in Sachen taktischer Disziplin, Strategie und Fitness. Trotzdem sind die nationalen Spielkulturen als Identitätsmerkmale erhalten geblieben und damit unterschiedliche Stile und Fähigkeiten. So ist es eine berechtigte Hoffnung, dass die junge deutsche Mannschaft mit ihrem großen Potenzial den Gipfel bei der WM 2010 in Südafrika erstürmen kann.

Günter Deister/DPA / DPA

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