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WM-Torschützenkönig Thomas Müller: Das coole Phänomen

1970 Gerd, 2010 Thomas - nach 40 Jahren trägt der Torschützenkönig einer Fußball-WM wieder den Namen Müller. Thomas Müller begeisterte nicht nur mit seinen fünf Toren und drei Vorlagen, sondern auch durch seine Art, Fußball zu spielen: unbekümmert und unberechenbar.

Von Klaus Bellstedt, Centurion

Es war nach der Ehrung zum "Man of the Match" der Partie der Deutschen gegen England (4:1), als sich Thomas Müller in seiner ganz eigenen Art verabschiedete, um endlich unter die Dusche zu eilen. "Gott sei Dank. Das Mikrofon verbiegt sich schon, so wie ich nach Schweiß stinke", ließ er die Reporter stehen. Inzwischen ist der mit 20 Jahren jüngste Nationalspieler für die Deutschen zum "Mann des Turniers" geworden. Er wurde von der Fifa-Jury nicht nur zum besten Jungspieler der WM gewählt, sondern sicherte sich mit seinen fünf Toren und drei Assists auch die Torjägerkrone (vor drei Konkurrenten mit derselben Anzahl an Toren, aber weniger Vorlagen). Das haben vor ihm nur Teamkamerad Miroslav Klose (2006/5 Tore) und sein legendärer Namensvetter Gerd Müller (1970/10 Tore) geschafft. "Das freut mich besonders, 40 Jahre nach Gerd Müller den Goldenen Schuh gewonnen zu haben", sagte der neue Müller. Während des Rückflugs hatte er noch zittern müssen, denn Wesley Snijder und David Villa hätten ihn mit einem Treffer im Finale noch abfangen können.

"Es ist natürlich ein wahnsinniges Glücksgefühl, wenn man die Tore macht, die das Team erlösen und den Druck wegnehmen", sagte Müller auf die Frage, was er nach seinen Toren gefühlt habe auf dem Platz. Aus diesen Worten ist erkennbar: Selbst in den Momenten des persönlichen Glücks vergisst er das Wohl der Mannschaft nicht. Als belastend scheint er diese Verantwortung aber nicht zu empfinden, denn Müller beschreibt diese Szenen so, wie er Fußball spielt: eifrig, elanvoll - und unbekümmert.

Der neue "Bomber der Nation"

Der Müller, der ist ein Spieler, der macht Tore. Immer", hat sein Amateurcoach Hermann Gerland einst geschwärmt, "auch wenn er schlecht spielt." Die Kurz-Beschreibung vom erfolgreichsten Talentschleifer im deutschen Fußball über seinen einstigen Lieblingsschüler trifft den Nagel auf den Kopf. Wie schon bei der Niederlage gegen Serbien und in Teilen beim 1:0-Erfolg im Achtelfinale gegen Ghana fand der junge Mann aus Pähl am Ammersee auch gegen England anfangs nicht die rechte Bindung zum Spiel - um später genau dort aufzutauchen, wo sich urplötzlich Torchancen auftaten. Später im Turnier zeigte Müller aber auch, dass er vom Start weg gefährlich sein kann: Gegen Argentinien und Uruguay schoss er die frühen Führungstore für die deutsche Elf.

Ob gleich zu Beginn oder später im Spiel: Müller hat sensationelle Vollstreckerqualitäten, die verdächtig an seinen Namensvetter Gerd Müller erinnern. "Wie kaltschnäuzig er seine Chancen verwertet als 20-Jähriger, das ist schon imponierend", lobte Trainer Jogi Löw im Anschluss an das gewonnene WM-Achtelfinale seinen Jüngsten. So gesehen scheint der Gewinn der Torjägerkrone beim Weltturnier folgerichtig - erstklassige Stürmer wie Spaniens David Villa, Englands Wayne Rooney, Argentiniens Gonzalo Higuain oder auch Miro Klose ließ er so hinter sich.

Kometenhafter Aufstieg

Fünf Treffer und drei Torvorlagen hat Thomas Müller bei dieser WM geschafft. Der kometenhafte Aufstieg des Thomas Müller ist dem Spieler des Turniers in der deutschen Mannschaft selbst ein bisschen unheimlich. "Manchmal geht es mir zu schnell", räumte er schon nach seinem ersten WM-Auftritt gegen Australien ein, als der gelernte Stürmer zum deutschen 4:0-Erfolg ein Tor mit beisteuerte, "aber ich spiel' deswegen ja nicht mit Absicht schlecht." Cooler geht es kaum. Das ist Müller pur, der im Fernsehen nicht vergaß, seine Großeltern zu grüßen.

Thomas Müller hatte schon beim FC Bayern eine erstklassige Saison gespielt, seine erste im Bundesligateam. Mit dieser Empfehlung trat er die Reise der Nationalmannschaft zur WM nach Südafrika an - aber eben auch ohne jegliche Routine bei großen Aufgaben. Er war erst zum Beginn der vergangenen Saison als Drittligaspieler in die Stammelf des FC Bayern gerückt und hatte Weltklasseleute wie Luca Toni oder Miroslav Klose überraschend verdrängt.

Müller wurde 1989 in Weilheim (Oberbayern) geboren und spielte zunächst beim TSV Pähl, bevor er im Jahre 2000 in die D-Jugend des FC Bayern wechselte. Profi ist der Bayer erst seit 2008 und griff in seiner Kindheit auch mal zum Eishockeyschläger. Umso bemerkenswerter, dass es der 20-Jährige bei seiner ersten WM bereits geschafft hat, sich zum prestigeträchtigen Titel des besten Jungprofis des Turniers zu "müllern".

Auch mit der Mannschaft strebte Müller, der als größtes Hobby die Reiterei angibt und gemeinsam mit seiner Frau Lisa zwei Pferde in Vaterstetten bei München hält, nach dem Höchsten. "Jetzt ist alles möglich", frohlockte er nach den grandiosen Siegen gegen England und Argentinien. "Aber das habe ich schon vor dem Turnier gesagt", grinste er. Dass es dann doch nicht klappte mit dem vierten WM-Titel für Deutschland lag auch daran, dass Müller im Halbfinale gesperrt war und nicht dabei helfen konnte, über Spanien ins Endspiel einzuziehen. Vielleicht wäre der Gewinn des Titels auch das Guten zuviel für den WM-Novizen gewesen. "Er ist ein Phänomen", lobte Joachim Löw den 20-Jährigen dennoch. Diesen Spitznamen trug einst der Brasilianer Ronaldo. Der führt die ewige WM-Torschützenliste an. Und Weltmeister war er auch. Ziele, die sich Thomas Müller nun noch stecken kann.

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