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Wiechmanns WM-Kolumne: Hat irgendwer den Blatter gesehen?

Es ist Fußball-Weltmeisterschaft - und der Präsident des Weltverbandes, Sepp Blatter, taucht nirgendwo auf. Es muss etwas passiert sein. Etwas Großes.

Von Jan Christoph Wiechmann

Der Mann ist nicht zu sehen. Man sucht die Ehrentribünen der Stadien ab, aber er ist nicht dabei. Man erwartet ihn auf öffentlichen Empfängen, aber er erscheint einfach nicht. Er tritt auch nicht im Fernsehen auf, was er sonst gern mal tut. Bei der Eröffnungsfeier in São Paulo hält er die Rede nicht. Auf der Großbildleinwand wird er nicht eingeblendet.

Es ist Fußball-Weltmeisterschaft - und der Präsident des Weltverbandes ist wie verschwunden. Es ist ein bisschen so, als würde Ban Ki-moon nicht zur Sitzungswoche der Vereinten Nationen erscheinen. Oder Präsident Barack Obama nicht zu seiner eigenen Rede "State of the Union". Es muss etwas passiert sein. Etwas Großes.

Als Sepp Blatter es wagte, beim Eröffnungsspiel aufzutauchen, wurde er von den Zuschauern in seiner Nähe ausgebuht. Tausende sangen ein Schmählied, dessen Worte nicht unbedingt druckreif sind: „Ei Fifa, vai tomar no culo.“ Blatter ist so etwas wie eine persona non grata in Brasilien. Keiner will sich mit ihm blicken lassen. Keiner will in seiner Nähe sein.

Eine persönliche Katastrophe

Für den jovialen Schweizer muss das eine persönliche Katastrophe sein. Er ist der alte Herr, der das Bad in der Menge so liebt. Der gerne Kinderköpfe streichelt. Der gerne mit jungen Frauen tanzt. Er ist jener Mann, der in dem Film United Passions gerade als Held auftaucht. Es ist ein Spielfilm mit Gerard Depardieu über die großen Männer der Fifa. Die ifa hat 20 Millionen Dollar für einen Spielfilm über die Fifa ausgegeben. Sepp Blatter sagt darin den monumentalen Satz: "Alles was ich bis zu diesem Punkt gemacht habe, war zum Guten des Fußballs." Das Ganze erinnert ein wenig an die grotesken Propagandaaktionen Nordkoreas.

Viel zu berichten gibt es ansonsten nicht über ihn. Brasilianische Medien wollen herausgefunden haben, dass er in São Paulo eine persönliche Köchin hatte und wie ein Monarch durch die Stadt gefahren wurde, begleitet von sieben Polizeiwagen. Unter der Überschrift "Der König in seinem goldenen Käfig" schreibt die Tageszeitung Globo, dass das Zusammenleben mit seinen Nachbarn in Rio de Janeiro nicht das harmonischste ist. Blatter habe sich von Brasiliens Fußballstar Ronaldo ein Luxus-Apartment im Stadtteil Leblon gemietet. Wenn er den Aufzug benutzt, versperren seine Sicherheitsleute allen anderen Bewohnern den Zugang. Wenn sich die Tür des Aufzugs öffnet, so berichtet eine Nachbarin, warnen die Bodyguards sie: "Nicht jetzt." Es gebe bereits formale Beschwerden gegen den Präsidenten wegen Machtmissbrauchs.

So hat sich der große Sepp Blatter seine Rolle bei der Fußball-WM bestimmt nicht vorgestellt: Man hört nur von ihm, wenn sich Nachbarn beschweren.

Politiker so unbeliebt wie die Fifa

Es gibt andere, die sich bei dieser bisher so erfolgreichen WM in den Stadien nicht blicken lassen. Dazu gehören die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff und alle anderen Präsidentschaftskandidaten für die Wahl im Oktober. Sie befürchten - wie Blatter - Pfeifkonzerte und Schmählieder. Politiker sind in Brasilien genau so unbeliebt wie die Fifa. Es sagt eine Menge aus über die Politik. Aber vielleicht noch mehr über die Fifa.

Es gibt gute Gründe dafür, finden die Brasilianer. Erst habe sich der Weltfußballverband wie eine Kolonialmacht verhalten und alles genau vorgeschrieben, vom furchtbaren Essen in den Stadien bis zum unnützen Bau von zehntausenden Parkplätzen. Und als es so aussah, als könnte alles schief laufen, beschuldigte die Fifa ausschließlich Brasilien. In Verhaltensmaßregeln offenbarte der Verband zudem seine klischeehafte Sicht auf die Gastgeber: "Pünktlichkeit ist in Brasilien nicht gerade eine Wissenschaft", heißt es da, "Brasilianer bevorzugen ein kultiviertes Chaos" und "Geduldig Schlangestehen liegt nicht in ihrer DNA".

"Ich bin ein glücklicher Mensch"

Jetzt hat sich Blatter doch mal geäußert. Über eines seiner Lieblingsthemen: Frauen. Er sagte, dass Fernanda Lima die schönste Frau Brasiliens ist. Und über seinen Seelenzustand sagte er: "Ich bin ein glücklicher Mensch und ich bin glücklich mit der WM." Blatter ist seit 16 Jahren Fifa-Präsident, er ist jetzt 78. Zeit zum Aufhören, finden alle, aber Sepp Blatter findet, das reicht noch nicht. Er wird wohl noch mal antreten.

Von Jan Christoph Wiechmann

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