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Unentschieden gegen die Schweiz: Schiedsrichter oder das Team? - Brasilien sucht nach Gründen für den Stolper-Start

Das hatte sich Brasilien wohl anders vorgestellt. Zum WM-Auftakt muss sich der Rekord-Weltmeister mit einem Remis gegen die Schweiz begnügen. Trainer Tite sucht die Schuld trotz des umstrittenen Ausgleichs bei seinen Spielern.

Neymar und Brasiliens Nationaltrainer Tite

Neymar und Nationaltrainer Tite können mit dem WM-Auftakt Brasiliens nicht zufrieden sein.

Der Schuldige war für Brasiliens Spieler und Fans schnell ausgemacht: Schiedsrichter Cesar Ramos aus Mexiko. Erst pfiff er ein Foul an Miranda nicht beim 1:1-Ausgleich der Schweizer. Dann pfiff er ein elfmeterreifes Foul im anderen Strafraum an Gabriel Jesus nicht. Brasiliens Kommentator Galvao Bueno flippte so aus, dass er selber zum Inhalt der Berichterstattung wurde.

Nach dem Spiel stürzten sich die brasilianischen Reporter auf den schubsenden Torschützen der Schweiz, Steven Zuber. Der sagte, es sei ein normales Duell im Strafraum gewesen. Auch sein Trainer, Vladimir Petkovic, bestätigte das nach Sichtung der Bilder. Im brasilianischen Fernsehen lief in Endlosschleife die gegenteilige Beweisführung. Was nützt der Videobeweis, wenn er nicht genutzt wird?

Es war schwer zu akzeptieren: Brasilien, Topfavorit auf den Titel, ist so schlecht in eine WM gestartet wie seit 1978 nicht. Dabei hatte es so gut begonnen. Den ersten Jubel gab es vor dem Spiel. Mexiko hatte Weltmeister Deutschland geschlagen. Das erfreute die Fans vor dem Stadion in Rostow und die brasilianischen Reporter im Pressezentrum: Der Weltmeister am Boden. Schadenfreude setzte ein.

Neymar blieb ohne Wirkung

Die weiteren Schuldigen sahen die Medien in den Schweizer Spielern. Sie hatten Brasiliens Stürmerstar Neymar zehnmal gefoult. So oft wurde in einem WM-Spiel seit 20 Jahren kein Spieler gefoult. Neymar beschwerte sich häufig, wälzte sich mit schmerzverzerrtem Gesicht am Boden, humpelte hier und da und blieb insgesamt ohne Wirkung. Immer wieder dribbelte er sich fest. 

Am Bemerkenswertesten war noch Neymars neue Spaghetti-Frisur. Sie leuchtete im Flutlicht hellgelb. Er war immer zu erkennen. Das Stadion strahlte auch ansonsten in Gelb und Grün. Das lag nicht nur an den tausenden angereisten Fans aus Südamerika. Auch unter russischen Fans ist die Seleçao beliebt. Viele trugen das brasilianische Trikot und auf den Wangen die Farben Russlands.

Irgendwann fanden Medien und Fans dann doch die wahren Schuldigen: die Mannschaft selber. Gut ins Spiel gestartet, vergaß sie, Fußball zu spielen, wie auch ihr Trainer Tite später einräumte. Sie agierten so, als wollten sie den Gegner einschläfern und schliefen dabei zusehends selber ein, bis die Schweiz zum 1:1 ausglich. Erst danach fingen sie wieder an, Fußball zu spielen. Und vergaben so viele Chancen so wie vorher die mit Häme beschütteten Deutschen. 

Brasilien-Trainer Tite mahnt: Nicht dem Schiedsrichter die Schuld geben

"Wir sollten nicht den Schiedsrichter angreifen", sagte Tite. "Das erscheint dann so, als wollten wir ihm die Schuld geben. Wir sollten uns lieber mit uns selbst beschäftigen, warum wir kein ausgeglichenes Team hatten."

Tite, nüchtern und sachlich, erklärte es so: "Wir haben irgendwann wieder das Niveau Brasiliens erreicht. Aber da waren wir schon unter Druck. Wir haben zu hastig agiert. Wenn du das machst, gelingen die dir Abschlüsse nicht. Es waren 20 Schüsse, aber viele gingen vorbei. Wir müssen präziser sein, kälter. Meine Erwartung war es zu gewinnen. Natürlich bin ich nicht glücklich."

So viel besser war der Start dann doch nicht als jener der Deutschen. Jetzt steht Brasilien am Freitag – wie der Weltmeister – gegen Costa Rica schon unter Druck.

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