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WM-Qualifikation: Die Nationalelf - zu Gast bei Verzweifelten

Im zweiten Spiel der WM-Qualifikation schenken Löws Männer der Stadt Hamburg einen Abend der Leichtigkeit, wie man ihn hier oben im Moment eher selten erlebt. Nebenbei erbringt die Nationalelf den Beweis, dass sie ihrer Gruppe schon nach dem zweiten Spieltag entwachsen ist. 

Deutsche Fußballnationalmannschaft gewinnt 3:0 gegen Tschechien

Mehr als ein leichter Abendspaziergang war das 3:0 gegen Tschechien nicht für die deutsche Fußball-Nationalelf

Irgendwann, tief in der zweiten Halbzeit, das 3:0 dieser deutschen Nationalmannschaft gegen Tschechien war längst nicht mehr in Gefahr, da wogte sie doch tatsächlich durch dieses Volksparkstadion. Beinahe unwirklich wirkte das, wie Menschen in den entlegensten Ecken dieses wunderbaren, doch von so viel schlechtem Fußball gepeinigten Stadions die Arme nach oben rissen. Sie lachten. Sie brüllten. Sie formten eine Woge der Ausgelassenheit. Eine Welle als Zeichen der Dankbarkeit.

Himmel, man kennt das in der Stadt dieses so grässlich vor sich hinsiechenden Hamburger SV ja gar nicht mehr: Fußball – als Spiel, das leicht serviert werden will. Beinahe konnte man den Eindruck gewinnen, als habe der DFB seine erste Auswahl als Marketingvehikel gen Hamburg gesandt, auf dass sich die Jugend der Region nicht an Männern wie Lassogga oder Holtby bei der Karriereplanung ein Beispiel nehme. Aber das ist natürlich Quatsch.

Hamburg war mal wieder dran.

Die Sinne fürs Tagesgeschäft geschärft

Man hatte diesen grundsoliden Auftritt der Deutschen ja irgendwie kommen sehen. Wo Löws Weltmeister vor genau zwei Jahren einen massiven Spannungsabfall nach dem WM-Sieg im Maracana verzeichneten und mehr pflichtschuldig durch die EM-Quali stolperten, scheint ausgerechnet das 0:2 gegen Frankreich im Halbfinale der EM die Sinne auch fürs Tagesgeschäft neu geschärft zu haben. Entledigten sich die Deutschen beim 3:0 gegen Norwegen bereits bemerkenswert souverän ihrer Pflicht, so wirkten nun die armen Tschechen, immerhin auch noch vor drei Monaten bei der EM dabei, wie  ein ambitionierter Underdog, bemüht, aber auch hoffnungslos unterlegen.

Gewaltige Ressourcen

Es sind solche Spiele, die einen Eindruck vermitteln, über welch große Ressourcen diese Elf verfügt, wenn ihre wichtigsten Kräfte nicht unpässlich sind. Tschechien, 33. der Welt, musste sich nach allen Regeln der modernen Fußball-Kunst ausgehebelt fühlen. Ruhig legten sich die Deutschen ihren Gegner zurecht. Vor allem die beiden Innenverteidiger Jerome Boateng und Mats Hummels stürzten mit langen Diagonalbällen die hoch stehenden Kollegen auf der Gegenseite von einer Verlegenheit in die andere.

Über die Stürmer der Gäste herrschten sie wie zwei autoritäre Oberstufenbetreuer. "Von hinten raus waren wir heute sehr gut, die Tschechen habe uns konsequent angelaufen, mit unserer Diagonalbällen konnten wir die Abwehr aber immer wieder aufreißen“, erklärte der Bundestrainer, dunkelblauer Anzug, schwarze Schuhe, nach der Partie zufrieden. Nicht, dass er etwas Anderes erwartet hätte.

Und doch ist es eine Kollektivleistung gewesen, denn vor Boateng taten Kroos und Khedira unauffällig aber seriös ihren Dienst. In der Spitze bewegten sich dagegen der zweifache Torschütze Müller ebenso schnell und behände in die Lücken wie Spielmacher Mesut Özil. Die hoch stehenden Außenverteidiger Hector und der multipel kompatible Kimmich sorgten auf den Flügeln permanent für Anspielstationen.

Gündogans austrainierter Körper

Vorbei die Zeiten, als das Spiel der Deutschen vor allem in den Qualifikationsspielen saturiert und behäbig daherkam und kaum Pässe den Weg in die Spitze fanden. Nun lief der Ball  schneller. Draxler oder Götze erreichten nicht Özils Niveau, doch sie bewegten sich immerhin ständig und bildeten so fortwährend veritable Anspielstationen. Der eingewechselte Gündogan, dessen neuerdings bei Manchester City austrainierter Körper den Dortmundern wie ein provokanter Nachruf erscheinen muss, kurbelte später das Spiel merklich an.

Testlauf unter Wettkampfbedingungen

Am Dienstag endet der Doppelbesuch im Norden mit der Partie gegen Nordirland. Die tapferen Nordinsulaner werden Löws Elf wohl kaum aufhalten können. Genauso wenig wie San Marino. Wie Aserbaidschan. Bei allem Genuss über die reinen Ballstafetten beschlich einem am Samstag das Gefühl, dass dieses Deutschland sich dieser Tage nicht mit Gegnern auf Augenhöhe misst. Diese WM-Qualifikation hat für Löw den Charakter eines Testlaufs unter Wettkampfbedingungen. Die B-Note, sie muss deshalb stimmen. In Hamburg prasselte nach der Partie dankbarer Beifall auf Neuer und Co nieder. Ab sofort übernimmt im Volkspark wieder der Hamburger SV das Zepter.

Es wird kühl. 

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