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Pokal-Sensation Holstein Kiel besiegt den großen FC Bayern – so hat ein Fan den Abend erlebt

Fin Bartels von Holstein Kiel verwandelt den entscheidenen Elfmeter gegen Bayern-Keeper Manuel Neuer
Fin Bartels von Holstein Kiel verwandelt den entscheidenen Elfmeter gegen Bayern-Keeper Manuel Neuer
Zweitligist Holstein Kiel hat die Sensation geschafft und Champions-League-Sieger Bayern München aus dem Pokal geworfen. Hinter dem Kieler Sieg steckt mehr als nur Glück. Eine Liebeserklärung an meinen Heimatverein.

Ist das gestern wirklich passiert? Also wirklich, wirklich? Als mein Wecker am Morgen nach Kiels Pokalsensation klingelt, reibe ich mir nicht nur die Augen, ich suche vor allem Wasser für meinen Hals. Meine Stimmbänder schmerzen noch von den vielen Jubel-Schreien am Vorabend. Ich hole mein Smartphone aus dem Flugmodus und habe die Gewissheit: Das war kein Traum. Mein Heimatverein hat tatsächlich den großen FC Bayern München besiegt. Ein Zweitligist, dessen Kader laut Transfermarkt.de rund 17,5 Millionen Euro wert ist. Zum Vergleich: Alleine der Marktwert von Serge Gnabry, der die Münchner mit einem Abseitstor in der 14. Minute in Führung brachte, beläuft sich auf 90 Millionen Euro. 

Dass meine Stimme quasi nicht mehr vorhanden ist, hat viele Gründe: Stolze acht Mal hat die Kieler Sportvereinigung gestern gegen die Münchner eingenetzt. Ich wiederhole: Acht Tore gegen die aktuell unumstrittene Nummer eins auf der Welt. Geschenkt, dass sechs Tore davon im Elfmeterschießen gefallen sind. Tor ist Tor. Und da steht bei den Münchnern bekanntlich immer noch der amtierende Welttorhüter Manuel Neuer zwischen den Pfosten.

Ich sitze auf meiner Bettkante und starre auf mein Smartphone: Wieder und wieder gucke ich ungläubig das Elfmeterschießen – und mit jedem Mal wächst mein Stolz. Spieler wie Ahmet Arslan, der letzte Saison noch in der vierten Liga gekickt hat, schieben gegen Manuel Neuer ein, als hätten sie in ihrem Leben nie etwas anderes getan. Mir ist schon klar, dass an so einem Fußballabend auch jede Menge Glück dazugehört, doch dieser Kieler Erfolg ist mehr als nur ein Zufallsprodukt. Hoch im Norden hat sich in den letzten Jahren viel getan.

Kiels "Geheimrezept": Ruhe und Gelassenheit

In Kiel ist nicht nur das Wetter kühl, sondern auch die Gemüter. Wer den Aufstieg der Nordlichter in den letzten Jahren beobachtet hat, weiß das. Ruhe und Gelassenheit gepaart mit einer ordentlichen Prise Bodenständigkeit zeichnen den Verein aus, der erst 2017 in die Zweite Bundesliga aufstieg und nur von Wolfsburg in der Relegation am Durchmarsch ins Oberhaus gestoppt werden konnte. Holstein Kiel ist bekannt dafür, in junge Spieler zu investieren. Das Nachwuchsleistungszentrum des Vereins ist auf dem Niveau vieler Bundesliga-Topclubs. Und das zahlt sich aus. Kiels Scouting-Abteilung sucht nach Spielern mit Entwicklungspotential und investiert in deren Weiterentwicklung. Teure (Fehl-)Einkäufe wie man sie von Ligakonkurrent HSV kennt, Fehlanzeige.

Zur Kieler Philosophie gehört es auch, sich niemals aus der Ruhe bringen zu lassen. Kaum einer verkörpert das so gut wie der gerade einmal 32-jährige Trainer Ole Werner. Ein echtes Holstein-Eigengewächs. Selbst vor dem Pokalspiel gegen Champions-League-Sieger München wirkt Werner so kühl und trocken, als würde man gleich ein kleines Testspiel absolvieren. Werners Angang lässt sich so zusammenfassen: "Wir konzentrieren uns auf unser Spiel. Wir wissen, was wir können. Das wird schon." Mit dieser Abgebrühtheit kämpft Kiel sich von Spiel zu Spiel – mit zählbarem Erfolg. Vor Weihnachten grüßen die Kieler als "Wintermeister" von Platz eins des Bundesliga-Unterhauses. Das System maximaler Gelassenheit scheint aufzugehen. 

Ganz locker, ganz ruhig – Kiel-Trainer Ole Werner
Ganz locker, ganz ruhig – Kiel-Trainer Ole Werner
© DPA

Holstein Kiel zieht sein System durch – unbeirrt von Rückschlägen

Diese Ruhe ist auch im Spiel gegen die Bayern zu sehen. Selbst nach dem frühen Gegentreffer lässt sich die KSV nicht beirren. In der 37. Minute verwertet der gebürtige Kieler Fin Bartels einen Zuckerpass von Abwehrspieler Jannik Dehm und schiebt vorbei an Neuer zum verdienten Ausgleich ein. Bei mir kochen die Emotionen über. Gleich zwei Nachbarn schreiben mir bei Whatsapp: Einer fragt besorgt, ob "da oben alles in Ordnung" sei. Eine andere schreibt nur: "Da muss irgendwo gerade ein Tor gefallen sein." Die Kieler Mannschaft geht mit einem 1:1 in die Pause. Kein Geringerer als Nationalspieler Leroy Sané zirkelt nur kurz nach Wiederanpfiff einen unhaltbaren Freistoß ins Kieler Gehäuse. Doch auch jetzt zeigt der Club aus dem hohen Norden die richtige Reaktion: Ruhig weiterspielen. Die eigene Spielidee – so gut es gegen den besten Club der Welt eben geht – auf den Platz bringen.

In der 95. Minute passiert das, woran in Fußballdeutschland wohl nicht mehr viele geglaubt haben: Kiels Kapitän Hauke Wahl macht den Ausgleich. Gut für Kiel, schlecht für meine Stimme. Fassungslos springe ich auf und schreie mir wieder die Kehle aus dem Hals. Spätestens jetzt weiß nicht nur die Mannschaft auf dem Platz: Da geht noch was. Auch meine Nachbarn wissen, das könnte noch ein langer und lauter Abend werden. 

Meine Nachbarn müssen ein letztes Mal leiden

Kiel ackert und kämpft sich durch die Verlängerung. Würde ich eine Smartwatch mit Pulsmesser tragen, spätestens zu diesem Zeitpunkt hätte sie Alarm geschlagen und mich vor einem Herzstillstand gewarnt. Wie gerne wäre ich jetzt im Stadion dabei, stünde ich im Fanblock des Holstein Stadions. Nun verfolge ich das Spiel coronabedingt also im Livestream. Es geht ins Elfmeterschießen. Fünf Bayern-Schützen treten an und treffen. Das Besondere? Auch fünf Kieler Schützen treten an und treffen. Der ARD-Kommentator kann die Gelassenheit der Kieler Spieler kaum fassen: "Unglaublich, mit welcher Ruhe und mit welcher Gelassenheit die Kieler dieser Dinger hier reinsemmeln." Ruhe und Gelassenheit mag auf dem Platz herrschen. In meinem Hamburger Wohnzimmer ist die Anspannung grenzenlos.

Und dann geschieht das Unglaubliche, die Sensation. Kiel-Torwart Ioannis Gelios, der später zum "Man Of The Match" ernannt wird, pariert gegen Bayern-Spieler Marc Roca. Fin Bartels, der seine Fußballkarriere einst bei Holstein Kiel begann, legt sich die Pille im eisigen Kieler Schneeregen zurecht, tritt an und überwindet souverän den Welttorhüter. "JAAAAAAAAA!" – meine Nachbarn müssen noch ein letztes Mal leiden. Kiel hat es geschafft! Ja, mit etwas Glück, aber auch mit viel Ruhe und Gelassenheit. Und dann brechen selbst im so kühlen und ruhigen Kiel alle Dämme. Der Nordclub macht die Sensation perfekt und ich habe keine Stimme mehr. Liebe Kieler Sportvereinigung, danke für diesen Fußballabend!


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