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Olympische Eröffnungsfeier: Perfekte Bilder, wenig Emotionen

Gigantisch ist sie gewesen, inspirierend weniger: Die Olympischen Spiele haben mit der Eröffnungsfeier offiziell begonnen. Die mit viel Aufwand produzierte Show lieferte zwar perfekte Bilder, aber nur selten ehrliche Emotionen. Nur beim Einmarsch der Athleten brach sich ehrliche Freude Bahn.

Von Mathias Schneider, Peking

Am Vormittag war von gesteigerter Aufregung noch nicht viel zu spüren. Dirk Nowitzki spurtete um zehn Uhr konzentriert wie eh und je über das blank gewienerte Parkett des Tsinghua Universitiy Gymnasium. Hier ein Korbleger, dort ein Dreipunktwurf, dazwischen harsche Parolen des Nationaltrainers Dirk Bauermann.

Der Schweiß rann über das kurz geschorene Haupt. Das vorletzte Training seiner Basketballnationalmannschaft absorbierte Nowitzkis gesamte Aufmerksamkeit. Er kann sich ja wie kaum ein zweiter Sportler auf seine Ziele konzentrieren, und weil ihn diese Gabe zusammen mit seinem universalen Basketballspiel zu einem der besten Athleten seines Sports gemacht hat, wähnte das Nationale Olympische Komitee die Fahne beim Einmarsch in seinen riesigen Pranken gut aufgehoben.

Die Anspannung wird noch wesentlich gestiegen sein in den Stunden nach der Trainingssession. Eröffnungsfeiern bei Olympischen Spielen ziehen sich gemeinhin ziemlich in die Länge, und wenn man dann noch als 199. von 205 teilnehmenden Nationen zum Einlauf gebeten wird, bleibt mehr Zeit als einem lieb ist, um die Tragweite des Ereignisses zu überblicken.

Beifallssturm für den Gastgeber

Nowitzki hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass das Amt des Fahnenschwenkers für ihn ein lohnendes Ziel ist. Strahlend führte er denn auch seine Mannschaft um 23.02 Uhr Ortszeit in das Nationalstadion namens Vogelnest. Die 92 000 Menschen klatschten erfreut. Kurz darauf schwoll der Beifall noch einmal an, als der Gastgeber sich auf seine Runde machte, Männer und Frauen sauber getrennt. Für einen Moment sprang der Funke über, das einzige Mal an diesem Abend und China-Sprechchöre ließen erahnen, zu welchem Patriotismus der Chinese durchaus fähig ist. Kurz darauf erklärte der Staatschef Hu Jintao die Spiele für eröffnet.

China, oder besser seine Machthaber, haben während der dreieinhalb Stunden kein Superlativ gescheut, um im Auge der Welt zu zeigen, warum sie sich als stolze Kraft Asiens im Konzert der Weltmächte angekommen sehen. Dass George Bush und Wladimir Putin - trotz eines ausbrechenden Krieges seines Volkes - ihre Aufwartung im Stadion machten, dürften die Granden der Partei mit einiger Genugtuung registriert haben.

Eine akkurat durchkomponierte Show ist es gewesen, die den Betrachter auf eine von Lichteffekten und traditionellen Kostümen und Instrumenten flankierte Zeitreise durch die lange Historie des Landes führte. Bereits das Feuerwerk zur Ouvertüre ließ keinen Zweifel daran, dass diese Inszenierung in ihrer Perfektion sowie ihrem Gigantismus alles zuvor Dagewesene in den Schatten zu stellen suchte. 2008 Fou-Trommler eröffneten den Abend mit einem ohrenbetäubenden Wirbel, es folgten Licht durchflutete Pergamentrollen zur Erinnerung an die Erfinder des Papiers.

Der Formalismus ließ die Show nie los

Allein der Formalismus ließ die Show nie los. Bisweilen schien es, als sollte bewiesen werden, wie symmetrisch und konform ein ganzes Volk zu agieren imstande ist. Der Mensch als perfekt funktionierendes Werkzeug, aufgehend im Ganzen. In allen Variationen marschierten die treuen Diener im Gleichschritt wie eine riesige bunte Armee durch das Stadion, mal rot mal grün angestrahlt. Im Hintergrund umspielte leichtes klassisches Einerlei das Ohr.

Als Staatschef Hu Jintao und IOC-Präsident Jacques Rogge sich zu Beginn des Festes dann auch noch wie Volkstribunen unter den Ovationen der Zuschauer erhoben und die Hand zum Gruß erhoben - Rogge war sichtlich unwohl dabei - stand endgültig fest, dass das Organisationskomitee BOCOG auch bei der Auswahl des Publikums nichts dem Zufall überlassen hat.

Beeindruckend war die identische Choreographie von Tausenden Menschen in unterschiedlichsten Kostümen zu jeder Zeit. Sie ist offensichtlich das Produkt renommierter Arrangeure gewesen, aufgeführt im Stadion der Schweizer Stararchitekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron. Nur die Besten waren gut genug. China hat der Welt bewiesen, dass es im Konzert der Wirtschaftsmächte jedes Tempo mitgehen kann. Keine Bühne zu groß, keine Botschaft zu klein. Doch es fehlte das Herz, der Mut zur Natürlichkeit, der Bruch mit der Masse. Erst als die Athleten endlich einmarschierten, legte sich ein fröhliches Stimmengewirr über das Stadion, brach der Ernst auf und die Ausgelassenheit und Vorfreude trat im bunten Durcheinander der Kulturen hervor.

Der Abend konnte die Schatten der letzten Monate nicht vertreiben

Was blieb, war ein erster Eindruck, wie diese Olympischen Spiele begangen werden sollen - choreographiert in nationaler Eintracht. Die Schatten der letzten Monate konnte der Abend indes nicht vertreiben.

Niemals seit den beiden Boykottspielen 1980 in Moskau und 1984 in Los Angeles tat sich die Weltgemeinschaft im Vorfeld der Spiele ähnlich schwer mit einem sportlichen Großereignis. Der Tibetkonflikt legte bloß, welch Wagnis das Internationale Olympische Komitee (IOC) bei seiner Vergabe im Jahr 2001 in das Reich der Mitte eingegangen war. Bereits der Fackellauf endete im Chaos und beschädigte die olympische Idee nachhaltig. Nur unter Aufbietung von Gewalt gelang das Feuer nach Fernost. Menschenrechte, Pressezensur sowie die Umweltverschmutzung bestimmten fortan die öffentliche Diskussion. Das Erdbeben am 12. Mai, bei dem in der Provinz Sichuan 70.000 Menschen ihr Leben ließen, bildete den traurigen Höhepunkt im Vorfeld.

Was bleibt, ist die Ungewissheit

Das Feuerwerk zum Abschluss der Feier durchbrach denn auch nur für einen Moment die dichte Dunstglocke aus Nebel und Smog. Als wollte der arg malträtierte Himmel noch einmal an die Probleme des Alltags erinnern, hatte er sich für ein gedecktes Gewand entschieden. Was blieb, war die ungeheure Hitze und viel Ungewissheit.

Öffnet sich China im Angesicht der Welt in den nächsten Tagen weiter, oder schnurrt der Staatsapparat in seinem Bedürfnis nach Kontrolle am Ende zusammen wie ein Muskel, der sich verkrampft? Ein Wettlauf zwischen China und den USA um die Nummer eins im Medaillenspiegel droht überdies, den olympischen Gedanken ad absurdum zu führen - Olympia als Bühne für den Kampf der Systeme. Erstickt die hässliche Fratze des Dopings am Ende jede Freude an einem unbeschwerten Wettstreit im Keim?

Es hängen viele Fragezeichen über den kommenden zwei Wochen. Es gilt zu klären, ob das Prinzip der Überwindung des Nationalismus von Baron de Coubertin vom Internationalen Olympischen Komitee durch die Vergabe nach China auf dem Scheiterhaufen des Kommerzes geopfert wurde. Oder ob Rogges Gefolgsleute dem bevölkerungsreichsten Land der Erde ungeachtet seiner Probleme das geschenkt haben, was seine Menschen längst verdienen - einmal im Mittelpunkt der Weltöffentlichkeit zu stehen.

Dirk Nowitzki hat all dies gestern nicht beschäftigt. Er liebt den Sport. Er sagt: "Ich bin in sportlicher Funktion hier. Die Olympischen Spiele stehen für die friedliche Zusammenkunft der Völker." Die Fahne in seinen Händen hielt er ganz still. Er lächelte beseelt, ein bisschen aufgeregt und sah aus wie ein großer Junge, wie er da mit seinen 2,13 Metern daherkam, so frei von Hintergedanken. Als die Kameras ihn einfing, jubelte ihm das gesamte Stadion zu. Leichtigkeit machte sich plötzlich breit. Alles schien plötzlich so einfach. Alles schien plötzlich so klar. Aber wie lange noch?

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