Basketball Schlaflos in Bamberg


Er ist ein Getriebener, der auch nachts nur an Taktik denkt. Meister-Trainer Dirk Bauermann ist das neue Gesicht des Basketballs in Deutschland.

Seine Augen, schmal wie Schlitze, erzählen von einer kurzen Nacht, und für eine sorgfältige Rasur am Morgen ist auch keine Zeit gewesen, das verrät die kleine Stoppelinsel unterm Kinn. Alles, was Dirk Bauermann noch geblieben ist an Kraft, legt er in seine Stimme. "Defense!", brüllt er durch die Halle. "Play strong defense!"

Die Basketballer von GHP Bamberg sprinten los. Obwohl das nur Training ist, rammen sich die Spieler Ellenbogen in die Rippen, Schmerzensschreie hallen bis hoch auf die Tribüne. Nur noch wenige Tage bis zum Start der neuen Bundesliga-saison. Der Kampf um die Stammplätze im Team des Titelverteidigers ist voll entbrannt. Doch Trainer Dirk Bauermann scheint seine Mannschaft schon im Kopf zu haben. Er stützt sich auf eine Werbebande, nimmt einen Schluck aus seiner Cola-light-Flasche und schließt für wenige Sekunden die Augen. Ein seltener Moment der Ruhe.

Seit vier Monaten hat Bauermann, 47, keinen einzigen freien Tag gehabt. Er ist gefragt, er ist das neue Gesicht des Basketballs in Deutschland. Einen größeren Star hat die Liga nicht, Dirk Nowitzki spielt ja in den USA. Im Juni wurde Bauermann mit Bamberg Meister, und wenige Stunden nach dem Finale begann er schon mit der Vorbereitung auf die EM. Bundestrainer ist er nämlich auch noch.

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er Videos, malte Passwege auf sein Klemmbrett und schrieb Trainingspläne. Während der EM in Serbien und Montenegro im September schlief er nur vier Stunden pro Nacht - und war nicht mal müde. "Ich habe meinen Körper gar nicht mehr gespürt", sagt er. "Es ging nur um die Frage: Wie gewinnen wir das nächste Spiel?"

Bauermann fand die richtige Antwort. Er ließ eine knochenharte Verteidigung spielen und jeden Ball in die magischen Hände von Dirk Nowitzki legen, dem Superstar aus der NBA. Erst im Finale trafen die Deutschen auf eine Mannschaft, die noch bissiger war als sie. Griechenland holte den Titel, Deutschland wurde Zweiter, es war der größte Erfolg des Nationalteams seit mehr als zehn Jahren. Und einen großen Anteil daran hatte Dirk Bauermann. "Er ist eine absolute Respektsperson", sagt Nowitzki, "ihm können wir blind vertrauen, er ist immer perfekt vorbereitet."

Vorbereiten, planen, bloß nichts dem Zufall überlassen, das ist die Welt des Dirk Bauermann. Am liebsten würde er sich selbst um alles kümmern, auch außerhalb des Feldes. Bauermann glaubt, dass es kein Glück im Leben gibt. Er glaubt an Arbeit. "Nur wer maximal investiert, erhält eine Rendite", sagt er. Ein kalter Satz wie aus einem Management-Buch, doch er ist tief in Bauermann verwurzelt, er gründet sich auf Kindheitserfahrungen. Nach dem Krieg baute sein Vater Heinz-Wilhelm in Krefeld eine Firma für Sanitär- und Heizungstechnik auf.

In den Ferien half Sohn Dirk seinem Vater in der Werkstatt. Er sah ihn rund um die Uhr schuften, er sah, wie der kleine Laden wuchs und wuchs, bis zu einem Unternehmen mit 90 Angestellten. "Mein Vater war ein Kämpfer", sagt Bauermann. "Er ist noch heute mein Vorbild."

In Bamberg hatten sie zu Beginn so ihre Schwierigkeiten mit dem Kämpfer Dirk Bauermann. Manager Wolfgang Heyder verdreht die Augen, als er an die Winterwochen des Jahres 2002 zurückdenkt. "Es konnte ihm nicht schnell genug gehen", sagt er. "Dauernd stand er bei mir auf der Matte und hat etwas gefordert. Alles sollte über Nacht superprofessionell werden."

Heyder, ein bedächtiger Mensch, der sich Zeit nimmt für Entscheidungen, und Bauermann haben sich dann ziemlich schnell angenähert. Erst bauten sie gemeinsam das Team um, und dann, Schritt für Schritt, den Klub. Der Erfolg kam schnell: Gleich in der ersten Saison wurden die Bamberger mit ihrem giftigen Defensivspiel Zweiter. Und jetzt sind sie Meister, zum ersten Mal in der 49 Jahre alten Vereinsgeschichte.

Für Bauermann ist es bereits der achte Titel, in den Neunzigern hatte er mit Bayer Leverkusen sieben in Serie geholt. Doch erst seit seinem Triumph mit dem Provinzklub Bamberg, den er bis in die Europaliga geführt hat, bekommt er Respekt für seine Arbeit. Früher, zu Leverkusener Zeiten, hatten Trainerkollegen gelästert, Bauermann müsse seinem Team nur Luft zufächeln - solch eine sündhaft teure Star-Truppe würde auch ohne Coach alles abräumen.

Bauermann kennt diese Sprüche, er erzählt sie heute wie Witze, sie schmerzen ihn nicht mehr. Nicht nur, weil er allen Kritikern seine Klasse bewiesen hat. Bauermann hat sich entwickelt, er ist gelassener geworden, souveräner; über Fehler zu reden, bedeutet ihm nicht mehr ein Eingeständnis von Schwäche.

"In Leverkusen habe ich zum Schluss wie ein waidwundes Tier um mich gebissen", sagt er. "Ich wollte Anerkennung um jeden Preis und bin immer extremer geworden." Vor allem auf der Bank. Bauermann, stets in einen schwarzen Anzug gekleidet und das Haar nach hinten gegelt, brüllte Schiedsrichter an, beschimpfte den Gegner und zerlegte nach Niederlagen Türen und Schränke in der Umkleidekabine. Manchmal war sein Frust so groß, dass er am Tag nach dem Spiel Herpes bekam.

Die Wutausbrüche, die Allüren, das Gockelhafte - all das nahm erst ab, als Bauermann die totale Ohnmacht spürte. Das war vor vier Jahren, in Griechenland, bei Dafni Athen. An diesen Herbsttag, als ihn der Klubchef in sein Büro bat, kann Bauermann sich noch genau erinnern. "Es stank nach Alkohol, eine Flasche Whisky stand auf dem Tisch, dahinter der Präsident. Es wollte einen Spieler entlassen. Als ich protestierte, zückte er einen Revolver und schrie: ,Ich bestimme hier, verstanden?" Ich war geschockt und bin mit erhobenen Händen rausgegangen." Wenige Tage später, nach nur sieben Wochen im Amt, wurde er entlassen.

Er sei dankbar für diese Erfahrung, sagt Bauermann heute, und er klingt dabei nicht wie ein Trainer, der verzweifelt versucht, eine Niederlage in einen Sieg umzudeuten. Er meint es ehrlich. "Ich nehme mich nicht mehr so wichtig. Basketball steht jetzt im Mittelpunkt."

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Bauermann wieder Angebote aus dem Ausland bekommt. Er hat alles, um ein Spitzenteam wie den FC Barcelona, Panathinaikos Athen oder Benetton Treviso zu führen. Er besitzt ein feines Gespür für seine Spieler, er kann sie zu einem echten Team formen, sie auf ein Ziel einschwören. Und er ist ein brillanter Taktiker. Er fällt blitzschnell Entscheidungen, er hat eine eigene, klare Idee von Basketball.

Eine Mannschaft trainieren, das kann Dirk Bauermann. Jetzt muss er noch lernen, zu genießen, was er sich erarbeitet hat. Das kann er nicht gut: loslassen, feiern, sich treiben lassen; meistens grübelt Bauermann schon wieder übers nächste Spiel. Siege und Niederlagen, alles spült er mit Cola light herunter, an manchen Tagen trinkt er drei bis vier Liter. Nach dem Gewinn der EM-Silbermedaille in Belgrad hat Bauermann es ausnahmsweise mit Rotwein versucht. "Schmeckte gut", sagt er. "Könnte ein Anfang gewesen sein."

Christian Ewers print

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