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Champions-League-Finale: Kampf der Handball-Giganten

THW Kiel versus BM Ciudad Real: Die beiden besten Teams der beiden besten Handball-Ligen der Welt machen die Champions League unter sich aus. Es ist auch ein Duell zweier Philosophien: Einkaufswut trifft auf langfristige Planung.

Von Helge Buttkereit

Endlich, endlich, endlich. Auf dieses Handball-Duell haben sie in Kiel schon so lange gewartet. "Nicht nur ich, sondern viele andere haben sich ein Aufeinandertreffen von Kiel und Ciudad gewünscht", sagt zum Beispiel THW-Manager Uwe Schwenker. Endlich geht es gegen BM Ciudad Real, die vielleicht beste, auf jeden Fall aber reichste Handball-Mannschaft der Welt. Das Champions-League-Finale Kiel gegen Ciudad Real (die Spanier haben am Sonntag, 19 Uhr, zunächst Heimrecht, nach Kiel geht's eine Woche später) ist das Duell zweier Giganten. Kiel holte vergangenes Jahr das Triple aus Meisterschaft, Pokal und Champions League und ist gerade drauf und dran, dieses Kunststück zu wiederholen. Nach Pokalsieg und fast sicherer Meisterschaft muss der THW nur noch Ciudad Real aus dem Weg räumen. Dabei kann von "nur" keine Rede sein. Ciudad Real hat gerade den Meistertitel in der spanischen Liga Asobal, der nach der Bundesliga zweitbesten der Welt gewonnen, und auch schon Europapokale und Landespokale im Trophäenschrank.

Der Grund für die Erfolge: Ciudad Real hat Geld. Viel Geld. Mäzen Domingo Diaz de Mera bezahlt die geschätzten 13 Millionen Euro Etat aus der Portokasse. Uwe Schwenker: "Ciudad ist wirtschaftlich und sportlich die absolute Nummer eins im Handball." Nun ja. Ein wenig Tiefstapelei ist das schon. Schließlich hat auch Kiel genug Geld beisammen (Etat: etwa 6,5 Millionen Euro), erstklassige Spieler und war vergangene Saison sportlich besser. Das wurmt Diaz de Mera ("Die Champions League ist das Größte"), der sein Vermögen mit Baufirmen und Fernsehkanälen verdient hat und als zweitreichster Mann Spaniens gilt. Seit 1993 widmet er sich seinem Hobby: BM Ciudad Real. Ab 2001 begann er dann, so gut wie alles zu kaufen, was Rang und Namen hat. Damit kam der Erfolg. Wobei: Beim Einkaufen passierten zu Beginn Pannen. So hatte das Management 2001 vergessen, einen Posten auf die Einkaufsliste zu setzen.

Ciudad kauft nur die Besten der Besten

"Ciudad Real war damals der einzige Club, dem ein Torwart fehlte, und ich der einzige Torwart ohne Vertrag", erzählt Henning Wiechers, 18-facher Nationalspieler und einziger Deutsche, der bislang in der spanischen Provinz gespielt hat. 2001 hatte er keinen Verein, Ciudad Real keinen Keeper und so stand er auf einmal für die Spanier zwischen den Pfosten. Wiechers erlebte ein Jahr in der Region La Mancha, 200 Kilometer südlich von Madrid. "Dort ist nichts als rote Erde, Olivenbäume und die Handballmannschaft", erzählt er im Gespräch mit stern.de. Länger als ein Jahr blieb er nicht im 70.000-Einwohner-Kaff. "Die haben dann José Hombrados gekauft und brauchten mich nicht mehr", so Wiechers. Diaz de Mera kauft nur Top-Könner und wenn er noch einen besseren finde, werde der andere abgestoßen, fasst Wiechers die Philosophie der Spanier zusammen.

Der THW Kiel plant langfristiger. Grundlage des Erfolgsrezepts ist die Kontinuität und das kongeniale Duo aus Meistertrainer Zvonimir "Noka" Serdarusic und Manager Schwenker, die seit über 15 Jahren die Geschicke des deutschen Rekordmeisters bestimmen. Gerade erst wurde bekannt, dass sich die "Zebras" am Transfer des estnischen Supertalents Mait Patrail in die Schweiz beteiligen, damit er sich dort weiterwentwickelt und nicht auf der THW-Bank versauert. Denn Trainer Serdarusic setzt meist auf seine eingespielte und verschworene erste Sieben, wechselt höchstens ein bis zwei Spieler aus. Denn auch in Kiel spielt auf jeder Position ein Ausnahmekönner. Superstar Nikola Karabatic verbringt oft 60 Minuten auf dem Parkett, bei über 50 Saisonspielen plus Nationalmannschaft eine immense Belastung. Kein Wunder, dass der französische Nationalspieler, der laut Serdarusic stets 150 Prozent gibt, derzeit erschöpft ist. Diaz de Mera und sein Team wird es zumindest nicht ärgern.

Kiels Superstar stand auf Ciudads Einkaufsliste

Ein Handballer wie Karabatic kann Spiele fast im Alleingang entscheiden. In der Bundesliga zeigt er es immer wieder. Deshalb stand er auf Diaz de Meras Einkaufsliste. Karabatic wäre Presseberichten zufolge wohl der bestbezahlte Handballer der Welt geworden, hätte noch etwas mehr verdient als Torwart-Hüne Arpad Šterbik (330.000 Euro netto im Jahr plus Auto und Haus). Aber Karabatic gab Diaz de Mera einen Korb und bleibt vorerst im familiären Kieler Umfeld. "Ich liebe mein THW-Trikot" und "ich würde für diese Mannschaft sterben", war von ihm zu vernehmen, als er seinen Vertrag verlängerte - natürlich ebenfalls mit fürstlichem Salär. Ciudad Reals Trainer Talant Dujshebaev (spielte einst bei Nettelstedt und Minden in der Bundesliga) hat auch ohne Karabatic auf der Königsposition im halblinken Rückraum keine Probleme mit der Qualität. Oft muss er sich fragen, wen er auf die Tribüne schickt..

Von der Einkaufswut der Spanier profitierte Ende 2007 ausgerechnet der THW Kiel mit seinem feinen, aber kleinen und damit anfälligen Kader. Ales Pajovic war der zehnte Ausländer, der bei der Ausländer-Beschränkung in der spanischen Liga Asobal immer auf die Tribüne musste. Kiel lieh ihn aus und Pajovic glänzte in den 15 Spielen im Zebra-Trikot vor allem in der Abwehr. Als Siarhei Rutenka, er soll den härtesten Hammerwurf der Welt haben, endlich eingebürgert war, ging Pajovic nach Spanien zurück. Seine kurzzeitige Mannschaftskameraden aus Kiel werden gegen ihn und seine Kollegen alles geben. Trotz der Müdigkeit und den Verletzungen. Uwe Schwenker sieht dabei die Chancen ausgeglichen: "Vielleicht ist es ein kleiner Vorteil, dass wir das Rückspiel zuhause haben, aber wir müssen die Grundlage in Ciudad Real schaffen." Endlich dürfen die Kieler dort auch einmal spielen.

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