Doping-Diskussion Ausstieg ist der falsche Weg


Aus englischer Perspektive wirkt die momentane Doping-Hysterie im Radsport überzogen. In einem Gast-Essay bei stern.de fordert der Guardian-Sportreporter William Fotheringham mehr Detektivarbeit bei der Dopingjagd. Peking 2008 blickt er mit Skepsis entgegen.

Es gibt Momente im Sport, da gerät alles durcheinander, da werden sogar die Grundwerte erschüttert. Hinterher scheint nichts mehr so zu sein wie vorher. Manchmal entsteht ein solches Erdbeben aus einem einzigen Ereignis. Es ist so tragisch oder hat derartig weitreichende Auswirkungen, dass sich noch Generationen daran erinnern werden.

Im Radsport war ein solches Ereignis der Tod von Tom Simpson bei der Tour de France 1967, ebenso wie der Ausschluss von Festina von der Tour de France 1998. Beim Fußball war für Engländer wie mich der Gewinn der Weltmeisterschaft 1966 auf eine andere Weise weltbewegend: "The beautiful game" ist seit 1966 nicht mehr dasselbe in England, ebenso wie Radfahren in Frankreich seit Festina nicht mehr dasselbe ist.

Und jetzt, im Sommer 2007, steht die Radsportwelt wieder Kopf. Alexander Winokurow - gedopt. Michael Rasmussen, der Mann im Gelben Trikot - ausgeschlossen vom Rennen. Alberto Contador - der neue Spitzenreiter, ein mutmaßlicher Kunde des Dopingarztes Fuentes. Ach ja, und dann noch Patrik Sinkewitz. Erinnert sich noch jemand? Das war der T-Mobile-Fahrer, dessen überhöhter Testosteron-Wert in der vergangenen Woche den Rückzug von ARD und ZDF auslöste.

Die Empörung der Geldgeber ist scheinheilig

Aus englischer Sicht mutet zumindest die Kette der Ereignisse nach dem Fall Sinkewitz skurril an und grenzt an Hysterie. Die Flucht von Fernsehsendern und Sponsoren aus dem Radsport, zeigt einen Herdeninstinkt, den nur Lemminge verstehen können. Natürlich hat der positive Test von Sinkewitz einen negativen Einfluss auf den Radsport, aber ist das so schlimm wie das, was zuvor geschehen war? Die Dopingbeichte von Tour-Sieger Bjarne Riis und das Leugnen von Jan Ullrich sind das eigentliche Desaster.

Die überzogenen Reaktionen in Deutschland werden bald vergessen sein. Der Radsport wird seine Strafe erst noch bekommen. Für Winokurow, Rasmussen und Contador wird die Branche in ganz Europa büßen. Die Tour 2007, die die chaotischste seit dem Festina-Skandal vor neun Jahren war, dient jetzt vielen Sponsoren als willkommenes Alibi für ihren Abschied. Ich halte die Empörung des Geldgeber für inszeniert und scheinheilig. Bleiben wir in Deutschland: ARD, ZDF, Adidas, Audi, Gerolsteiner, Milram und T-Mobile können nicht jahrelang mit geschlossenen Augen Millionen in den Radsport investiert haben. Es ist ja nicht so, dass Doping etwas ist, das jetzt plötzlich zum Vorschein kommt. Man kann sagen, dass der Radsport seit Festina seine schmutzige Wäsche in der Öffentlichkeit wäscht. Seitdem weiß jeder, dass der Radsport eine große Sauerei ist. Jemand, der den Sponsoren den Radsport als sauberen Sport verkauft hat, war entweder ein Fantast oder ein Lügner. Fragen hätten vorher gestellt werden müssen.

Dass die Sponsoren jetzt weglaufen, macht aus meiner Sicht keinen Sinn. Weglaufen bestraft die Falschen. Es entzieht Radfahrern, die sauber unterwegs sind, die lebensnotwendige Unterstützung. Und es gibt diese Persönlichkeiten im Radsport. Der Sport gehört ihnen. Mehr als den Sponsoren oder den Fernsehanstalten. Warum sollte man sie fallen lassen?

"Man muss Detektivarbeit leisten"

In England gibt es keine Radsport-Blase, so wie es diese in den 90ern in Deutschland gab, als Ullrich, Zabel & Co. in den Himmel gejubelt wurden. Bis zum 13. Juli 1967 war der Radsport in England mit Simpson an der Spitze eine langsam erblühende Sportart. Seit unser lieber Tommy Simpson in einem Dunst von Cognac und Amphetaminen starb, ist Radsport ein Stiefkind. Im Vergleich zu anderen Nationen haben wir nur wenige Profis, wenige große Sponsoren und kein erwähnenswertes Team. Was jetzt auch sein Gutes zu haben scheint, denn wenn Dutzende junger Briten ihre Karriere in dieser Sportart in den 1990er Jahren begonnen hätten, wären wir jetzt wahrscheinlich auch in einer ähnlichen Krise wie die Deutschen. Es wäre arrogant, zu behaupten, nur Großbritannien habe Lösungen parat, aber unsere Maßnahmen sind zumindest konsequent. Radikales Denken, rigorose Tests und die Konzentration auf die Betreuung der Athleten könnten einige Antworten sein. "Es bedarf nicht nur Doping-Kontrollen, man muss auch Detektivarbeit leisten", sagt David Millar, heute der einzige Fahrer des Feldes, der ein umfassendes Doping-Geständnis abgelegt hat und dann zum Radsport zurückgekehrt ist. Millar wurde nach seiner Beichte nicht verbannt, sondern erhielt vom Verband Unterstützung bei seiner Rückkehr - unter der Bedingung, dass er jungen Radfahrern erklärt, wie sehr das Doping ihm geschadet hat.

"Ich würde sagen, dass ehemalige Doper die einzigen sind, die einen Radfahrer wirklich verstehen", sagt Dave Brailsford, Millars Mentor und Chef der britischen Radsportvereinigung. "Man muss sich auch die Verhaltensmuster der jungen Fahrer anschauen, die Art zu sprechen, mit wem sie sich umgeben, und man muss die anderen Fahrer anhören." Brailsford glaubt, dass man Doping auf direktem Weg verhindern könne, indem man jedem Profi-Team einen Doping-Beamten zur Seite stellt, der beobachtet, was passiert, und der der von Millar erwähnte Detektiv wäre. Seiner Meinung nach sei Doping nicht so leicht zu kaschieren.

Von anderer hochrangiger Stelle des britischen Sports habe ich letztes Jahr einen radikaleren Vorschlag gehört: eine Wahrheits- und Aussöhnungskommission wie in Südafrika nach der Apartheid. In diesem System würden die Fahrer einem Gremium offenbaren, was sie getan haben, was sie genommen haben und welche Rennen sie wie gewonnen haben. Die Identität der Fahrer bliebe geheim, die Beweise würden veröffentlicht, und man würde einen Schlussstrich ziehen.

Die schlimmsten Befürchtungen für Peking 2008

Doping im Sport wird nie aussterben, zumindest solange nicht, wie auch Ehebruch, Spesenbetrug und Geschwindigkeitsüberschreitungen nicht enden werden. Bei Sportereignissen werden weitere haarsträubende Arzneimittelskandale auffliegen. Es werden in Zukunft noch lautere Aufschreie über Einschüchterungen von Schiedsrichtern zu vernehmen sein. Es gibt keinen Grund, zu erwarten, dass sich der Trend nächstes Jahr bei den Olympischen Spielen in Peking umkehrt. Die Leichtathletik befindet sich mit einer Flut von Enthüllungen und positiven Tests in einem ähnlichen Dilemma wie der Radsport. Es mag sein, dass nächstes Jahr die Zweiräder nicht mehr im Rampenlicht stehen - so wie es kurzzeitig bei der Leichtathletik der Fall war, als während der Sommerspiele 2004 die Fälle Kenteris und Thanou den Sport schockierten. Der Sprinter Kostas Kenteris war auf einem Motorrad vor Dopingkontrolleuren geflüchtet.

Der Radsport wird weiterhin Doping-Schlagzeilen machen, weil es jedes Jahr die Tour de France gibt, das wichtigste Radrennen der Welt. In der Leichtathletik hingegen klafft eine Lücke in den vier Jahren zwischen den olympischen Spielen, und der Medienrummel verstummt. Eine Nische tut sich auf, in der sich weitgehend unbeobachtet dopen lässt. Für Peking 2008 habe ich die schlimmsten Befürchtungen. Ich erwarete zahlreiche Dopingfälle in der Leichtathletik, speziell in Disziplinen wie Gewichtheben und Schwimmen. Gastgeber China wird mit großem Ehrgeiz an den Start gehen. Es will der Welt etwas beweisen. Das Gemurmel über eine Leistungsexplosion bei den Chinesen ist jetzt schon groß; und wenn mich nicht alles täuscht, wird aus diesem Gerücht eine Tatsache werden.

"Sei so gut wie Du kannst"

Zweifel und Fragen wird es immer im Sport geben. Dies bedeutet jedoch nicht, dass ein dopingfreier Sport nicht möglich ist. Der pseudoliberale Gedanke, dass Sportler nehmen dürfen, was sie wollen, um gleiche Wettbewerbsbedingungen zu schaffen, ist absurd. Es gibt einen besseren Weg.

Mir bekannte, saubere Radsportler haben sich auf eine gemeinsame Haltung zum Thema Doping geeinigt. Sie ignorieren die Konkurrenz und konzentrieren sich stattdessen auf sich selbst. Sie tun alles, um ihre eigene Leistung legal zu optimieren. Wenn sie verlieren, machen sie sich keine Vorwürfe. Die Betrüger können gelegentlich geschlagen werden, ohne dass dies zu einem Zwang wird. "Sei so gut wie Du kannst" lautet das Mantra. Letztendlich ist es nur Sport. Das ist zwar das Motto der Amateure, aber dort, wo der Radsport zum Profisport geworden ist, wo er Tommy Simpson das Leben genommen hat und derzeit den deutschen Radsport erledigt, ist dies die einzige Antwort.

William Fotheringham

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