Franziska van Almsick "Der Osten hat mich geprägt"


In Rom bei der WM sind die Schwimm-Wettbewerbe in vollem Gange. Franziska van Almsick ist als TV-Expertin wieder mit von der Partie. Im stern.de-Interview spricht die frühere Weltklasse-Schwimmerin über Mutterglück, den neuen Job bei der Sporthilfe und warum das Sportsystem der DDR auch Vorteile hatte.

Frau van Almsick, fünf Jahre ist es her, dass Sie bei den Olympischen Spielen von Athen zum letzten Mal ein Rennen geschwommen sind. Wie oft springt eine frühere Weltklasseathletin wie Sie noch ins Becken?

Puh, um ehrlich zu sein, schwimme ich heute kaum noch. Ich glaube nicht, dass ich in einem öffentlichen Bad in Ruhe meine Bahnen ziehen könnte. Ich gehe deshalb lieber ins Fitness-Studio und jogge. Man will ja fit bleiben.

Sie leben mit ihrem zweijährigen Sohn Don Hugo mittlerweile in Heidelberg. Seit einigen Monaten sind Sie Stellvertreterin der deutschen Sporthilfe, die residiert in Frankfurt. Ihr privates Büro liegt in Hockenheim. Sie scheinen die Hektik zu brauchen.

Mich zu Hause auf meinen Hintern setzen will ich nicht. Ich brauche einfach eine Aufgabe.

Nehmen Sie Ihr Kind auch mal mit ins Büro?

Selten. Die Schreibtische räumen wir dann doch lieber selbst ab... Aber wie es ist, Mutter zu sein, habe ich mir früher leichter vorgestellt. Das ist ein ganz schöner Spagat, ein echter Mörderjob.

Anstrengender als früher Ihr Beruf als Schwimm-Profi?

Damals war die körperliche Anstrengung natürlich größer, dafür drehte sich alles um mich. Als Mutter merkt man schnell, dass man das letzte Glied der Kette ist. Es geht immer in erster Linie ums Kind.

Wünschen Sie sich manchmal Ihr altes Leben zurück?

Um Gottes Willen, nein! Ich gebe niemanden aus meiner Familie mehr her. Mein Leben heute ist wesentlich aufregender als mein altes. Ich bin glücklich.

Glücklicher als in Ihrer aktiven Zeit, oder fehlt Ihnen der Rausch der Siege?

Berauscht von meinem Glück, das bin ich im Moment. Es ist ein Glück, das mit dem Glück von früher nicht zu vergleichen ist. Es geht nicht mehr um Siege, es geht nicht mehr um Erfolg. Das ist alles in den Hintergrund gerückt. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin sehr dankbar für meine sportliche Karriere. Ich bin wahnsinnig viel gereist und habe viel erlebt. Das schafft eine gewisse innere Ruhe. Heute muss ich dem Erfolg nicht mehr hinterherrennen. Ich bin viel ausgeglichener. Ich muss nicht mehr die Beste sein. Das gibt mir eine innere Zufriedenheit, die ich bisher nicht kannte. Ich fühle mich nicht mehr so gehetzt.

Viele Weltklasseathleten fallen nach der Karriere in ein tiefes Loch. Es fehlt der Kick, es fehlt die Aufmerksamkeit. Boris Becker sucht noch immer seinen Weg, Lance Armstrong kehrt gerade mit 37 Jahren in den Sport zurück. Steffi Graf geht dagegen wie Sie in ihrer Mutterrolle auf. Frauen scheinen durch ein Kind den Übergang in ein neues Leben problemloser vollziehen zu können.

Ich glaube schon, dass wir als Frauen da Vorteile haben. Seit der Geburt meines Sohnes sind viele Erfolge und viele Medaillen nichtig geworden.

Wirklich nichtig oder nicht mehr so wichtig?

Nichtig. Es gibt nichts, was in der Vergangenheit die Geburt meines Sohnes toppen kann. Er ist mein ganzer Stolz. Das ist eine Riesenaufgabe für mich. Wir fangen gerade an "Bitte" und "Danke" zu sagen, und er verlangt unheimlich viel von mir und gibt mir viel zurück. Ich würde alles, was ich in der Vergangenheit erreicht habe, eintauschen für meinen Sohn.

Sie kommentieren bei Großereignissen für die ARD, engagieren sich jetzt bei der Sporthilfe - haben Sie ihre neue Rolle in der Öffentlichkeit schon gefunden?

Ich bin sicher noch in der Findungsphase. Ich hatte ja erst mal ein Jahr Auszeit genommen, nachdem mein Sohn geboren war.

Was reizt Sie an Ihrem Amt bei der Sporthilfe?

Zunächst einmal den Athleten zu helfen. Dass die Sporthilfe in Frankfurt sitzt, ist bei meiner privaten Situation natürlich wichtig, denn bei Vorstands- und Aufsichtsratssitzungen muss man vor Ort sein.

Was ist denn Ihre Aufgabe?

Die Sporthilfe ein bisschen mit weiblicher Intuition aufzumischen. Da sitzen ja fast nur Männer. Außerdem kenne mich im Sport aus. Unserem Chef Werner Klatten kann ich viele Sorgen und Nöte der Athleten näher bringen. Es ist ja nicht so einfach, sich in ein Sportlerleben hineinzuversetzen. Werner Klattten kümmert sich dagegen vor allem um die wirtschaftliche Seite, er sucht Sponsoren und Gönner. Wir begreifen uns als Team. Das Ziel ist: den Leuten draußen zu erklären, worum es eigentlich geht. Wenn jeder Deutsche nur einen Euro spendet oder stiftet, dann wäre vielen, vielen Sportlern geholfen. Und ich glaube, dass viele Leute nicht wissen, was wir alles noch leisten könnten.

Was meinen Sie genau?

Ich will unseren Athleten mehr Perspektiven geben. Es geht nicht nur um mehr Fördergelder. Einem Hochleistungssportler ist nicht damit geholfen, dass man sagt, na gut, du kriegst bisher 600 Euro im Monat, ab jetzt bekommst du 800 Euro. Leistungssportler, die wirklich am Limit trainieren, brauchen eine Perspektive für die Zeit nach der Karriere. Jedem Leistungssportler ist bewusst, dass irgendwann Schluss ist. Dann muss ein normales Leben folgen. Ich denke, das ist bei der Förderung in der Vergangenheit bislang vernachlässigt worden.

Das heißt, die Sporthilfe muss mehr geben als nur Geld?

Es geht darum, gemeinsam mit den Laufbahnberatern an den Olympiastützpunkten Ausbildungsplätze zu organisieren oder mit Hochschulen zu sprechen, damit ein Olympiateilnehmer mal eine Klausur verschieben kann. Ein Beispiel: Ich habe jahrelang mit Torsten Spanneberg in Berlin trainiert, der war top in der Staffel, wichtig für das Team, hat es aber im Einzel nie ganz geschafft. Einmal musste der aus dem Trainingslager abreisen, um eine Klausur zu schreiben. Als er wieder kam, hat ihm der Kopf gequalmt, und er war vier Tage mausetot. Manche Athleten brauchen wegen des Leistungssports 15, 20 Semester für ihr Studium. Die sind hinterher oft schwer vermittelbar. Da müssen wir von der Sporthilfe mit potenziellen Arbeitgebern sprechen. Und es gibt andererseits unheimlich viele Athleten, die ihr Potenzial im Sport nicht ausreizen, weil sie mit der Zeit nach der Karriere beschäftigt sind. Manche hören sogar ganz auf, um sich um ihre Zukunft zu kümmern, noch bevor sie ihren Zenit erreicht haben. Das darf nicht sein.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum sich Franziska van Almsick richtig quälen konnte, was die Vorteile des DDR-Sportsystems waren und weshalb der deutsche Schwimmsport im internationalen Vergleich hinterherhinkt.

Ihnen ist bewusst, dass Sie zum Anwalt des kleinen Sportlers nur bedingt taugen? Sie haben schon als Kind auf die Karte Schwimmen gesetzt und gleich ein Vermögen verdient. Da brauchte es keine Vorbereitung auf ein Leben danach.

Das stimmt, ich hatte unglaubliches Glück. Das heißt aber nicht, dass ich nach zehn, 15 Jahren in Trainingsgruppen den Alltag der Kollegen nicht kenne. Klar, ich hatte zu meinen Hoch-Zeiten einige Werbeverträge. Ich war einfach zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort: Nach dem Mauerfall suchte das wiedervereinte Deutschland einen gemeinsamen Star. Ich war gerade da. Heute stecken wir in einer Wirtschaftskrise, da ist es mit Werbeverträgen sehr schwierig geworden.

Wie müssen wir uns das vorstellen: Rufen bedürftige Sportler bei Ihnen an, und Sie nutzen dann die Kraft Ihres Namens?

Das könnten sie tun, aber ich glaube, das trauen sie sich noch gar nicht. Außerdem haben wir für solche Fälle eine gut funktionierende Förderabteilung mit acht hauptamtlichen Mitarbeitern, die ihre Aufgaben hervorragend wahrnehmen.

Bei der Sporthilfe sind 3.800 Sportler registriert. Ihr Büro könnte schnell zum Call-Center werden.

Na ja, es sollten schon Ausnahmesituationen sein - nicht gerade eine verspätete Überweisung. Ich werde mich eher um die grundsätzlichen Strategien kümmern.

Sie sprechen ja schon so wolkig wie eine Politikerin.

Tut mir leid, es ist halt noch nichts spruchreif. Die Stiftung Deutsche Sporthilfe ist ein Team, und wenn es soweit ist, kommunzieren wir unsere Strategien dann auch gemeinsam.

Bislang geht die Sporthilfe ja mit der Gießkanne durchs Land. Wer gewisse Kriterien erfüllt, bekommt ein paar Hundert Euro. Müsste man nicht viel stärker die absoluten Toptalente fördern, um im Vergleich mit Nationen wie China mitzuhalten, wo der Nachwuchs selbst in Randsportarten wie Vollprofis trainiert?

Für mich wäre das ein diskutabler Ansatz. Vielleicht sollten wir unsere Topleute mehr pushen, sonst haben sie heute keine Chance mehr. Allerdings gilt auch: Wenn sich einer mal verletzt, muss er aufgefangen werden, klar. Aber wir müssen die unterstützen, die ganz nach oben wollen, die ein Quäntchen mehr machen als andere. Nur die schaffen es auch.

Wünschen Sie sich mitunter das alte DDR-Fördersystem zurück?

Nein, das System ist Geschichte, das würde nicht mehr in unsere Zeit passen. Aber in der DDR war es durchaus so, dass man sich um seine Schützlinge gekümmert hat, und dass man in der Lage war, Jobs zu besorgen. Bei uns fuhren die Lehrer damals mit ins Trainingslager. Da gab's richtige Schulräume, das habe ich selbst noch erlebt. Viele Probleme, die wir heute diskutieren, wurden damals durch das System abgefangen.

Liegt es aber wirklich nur an der mangelnden sozialen Absicherung, dass die Deutschen inzwischen zum Beispiel hinterherschwimmen?

Es gibt natürlich Länder, in denen kannst du unheimlich viel erreichen durch den Sport. In Australien sind Schwimmer Superstars, wie bei uns Fußballer. In Amerika gibt’s Massen von Menschen. In China gibt’s Massen von Menschen. Wenn da einer ausfällt, so schnell kann man gar nicht gucken, ist der Nächste schon da. Im Osten konnte man früher ein besseres Leben führen, wenn man ein erfolgreicher Sportler war. Ich weiß nicht, was ein chinesischer Olympiasieger heute vom Staat bekommt. Wenn aber so ein Kerl aus irgendeinem armen Dorf die Aussicht hat, sich durch den Sport womöglich eine Wohnung oder ein Auto leisten zu können, ist das natürlich ein Anreiz. Einen Deutschen können Sie damit nur schwer hinter dem Ofen hervorlocken.

Mit anderen Worten: Uns geht es zu gut.

Ich glaube schon, dass es heutzutage viele Jugendliche gibt, die sich nicht mehr quälen können. Um Hochleistungssport zu betreiben, braucht man unheimlich viel Leidenschaft. Und es tut halt auch weh, wenn man körperliche und mentale Grenzen überwinden will. Das wollen nicht mehr viele.

Warum konnten Sie sich so gut quälen?

Der Osten hat mich geprägt, dort habe ich viele positive Dinge gelernt. Ich war in der fünften Klasse einer Sportschule und war um sieben Uhr im Wasser, um zehn in der Schule. Um Viertel nach vier war der Unterricht zu Ende, dann bin ich noch mal ins Wasser gegangen. So war das mit zwölf, dreizehn, vierzehn Jahren, und dann kam Olympia 1992, Barcelona. Ich hab nie etwas anderes gemacht. Ich habe mit fünf Jahren angefangen zu schwimmen und bin mein ganzes Leben lang geschwommen. Ich habe nie nach rechts und links geguckt und war von Ehrgeiz besessen. Wenn ich erfahren hätte, dass es cool ist, mit Freunden mal ins Kino zu gehen oder Party zu machen, hätte ich vielleicht auch gesagt: Ach, aufs Training hab ich jetzt keinen Bock. Aber meine Freunde sind mit mir geschwommen. Da gab’s nie die Ablenkung, die es heute gibt.

Sie werden den Zeitgeist kaum ändern können.

Und deshalb müssen wir mal wieder ein bisschen realistischer werden in Deutschland. Wir müssen schauen, was wir für Voraussetzungen haben und wo wir stehen. Es ist nämlich gar nicht so schlecht, was wir leisten. Aber wir haben immer die größten Erwartungen. Wir wollen die Besten sein auf der ganzen Welt. Wenn man sich anguckt, wie groß wir sind als Land, dann finde ich das sehr mutig. Das Problem ist, dass wir nach der Wende mit den alten DDR-Athleten mega-erfolgreich waren. 1992 haben wir ja auch in der Leichtathletik abgeräumt. An solchen Zeiten orientiert man sich immer.

Und vergisst dabei gern, dass viele Erfolge auf gezieltem Doping in der DDR fußten - wie auch in der alten BRD fleißig gedopt wurde.

Vermutlich richtig.

Der Rückschluss muss dann doch sein, dass sich der deutsche Sport endlich eingesteht, mit Nationen wie China oder den USA nicht mehr mithalten zu können.

In Bezug auf China und die USA - ein klares Ja. So viel Arsch in der Hose sollte man haben, dass man das einmal klar anspricht: Wir können mit unseren beschränkten Mitteln nicht mitbieten. Es gibt vielleicht mal ein Jahrhunderttalent, das es dann schafft, aber in der Breite hat man einfach keine Garantie.

Das heißt: Wir alle müssen demütiger werden?

Ich würde es anders ausdrücken: Vielleicht müssen wir gemeinsam die Ziele und Erwartungen neu definieren.

Interview: Christian Ewers, Mathias Schneider

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