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Golf: "Halte die Jungs bei guter Laune!"

Im September steigt der 37. Ryder Cup, das legendäre Duell USA gegen Europa. Bernhard Langer siegte dort als Spieler wie als Kapitän. Wie? Mit List, Gespür und viel Teamgeist.

Von Bernhard Langer

Menschen, die sich im Golf nicht auskennen, versuche ich den Ryder Cup immer so zu erklären: Er ist wie das Endspiel einer Fußball-WM oder das Finale im Tennis-Davis-Cup - der Wettstreit zweier erstklassiger Teams. Und in unserem Fall kommt die einzigartige Rivalität zwischen altem und neuem Kontinent hinzu. USA gegen Europa - von der emotionalen Seite her gibt es kein interessanteres Golfereignis.

Üblicherweise wird in unserer äußerst fairen Sportart jeder gute Schlag von Seiten der Zuschauer mit Applaus bedacht, bei missratenen Aktionen geht allenfalls ein Raunen durch die Reihen. Beim Ryder Cup aber applaudieren die eigenen Fans schadenfroh, wenn ein Spieler der gegnerischen Mannschaft seinen Ball ins Wasser schlägt. Und nicht zuletzt macht den Ryder Cup speziell, dass wir Profis dort nicht für Geld antreten, sondern der Ehre wegen. In welcher Berufssportart gibt es das bei einem hochklassigen Event sonst noch?

Ich erinnere mich gut an meinen ersten Ryder Cup vor 27 Jahren in Walton Heath, England. Zwar war ich ein Rookie, führte damals jedoch die europäische Geldrangliste an und hatte schon gezeigt, dass ich Verantwortung zu übernehmen wusste, wenn auch nur für mein eigenes Spiel. Die Teilnahme 1981 war eine große Ehre und wahnsinnig nervenaufreibend für mich. Was für eine unfassbare Atmosphäre! Die englischen Zuschauer waren in Massen gekommen und feuerten uns frenetisch an, während die US-Fans fortwährend gegen uns schrien. Seit 1957 hatten die Europäer nicht mehr gegen die USA gewonnen, und so gingen wir auch 1981 in die Matches in der Hoffnung, nur nicht zu hoch zu verlieren - doch genau das passierte. Wir hatten keine Chance, und wir hatten es vorher schon gewusst. Aber diese Einstellung sollte sich grundlegend ändern.

Major-Siege und Selbstbewusstsein

Zwar verloren wir 1983 in Palm Beach, Florida, noch ganz knapp im letzten Match. Aber da spürten wir, dass wir sie beim nächsten Mal endlich packen würden. Zwei Jahre später, im englischen The Belfry, war es so weit. Jetzt hatten wir Major-Siege und Selbstbewusstsein vorzuweisen: 1984 hatte Seve Ballesteros die British Open gewonnen, ich im Jahr des Ryder Cups zum ersten Mal das US Masters. Wir hatten, wie man so sagt, ein Momentum, unsere Fans peitschten uns unermüdlich nach vorn, und so triumphierten wir schließlich mit 16,5 zu 11,5 Punkten. Der erste Sieg nach 28 Jahren, es war ein unbeschreibliches Gefühl!

Neben vielen Höhen habe ich bei meinen zehn Ryder Cups als Spieler auch manche Tiefe kennengelernt. Am härtesten war sicher 1991 auf Kiawah Island, USA, als ich meinen Par-Putt im letzten Match am Sonntag gegen Hale Irwin über die rechte Lochkante hinausschob und die Amerikaner dadurch gewannen. Seve Ballesteros hat danach im Lockerroom geheult. Und ich habe niemandem von den beiden Spikemarken in meiner Puttlinie erzählt, die dem Ball die falsche Richtung gegeben hatten. Es sollte nicht nach einer billigen Ausrede klingen.

Als ich 2004 Europas Kapitän in Oakland Hills bei Detroit war, erinnerte ich mich an die vier Kapitäne, unter denen ich als Aktiver angetreten war, ich pickte mir die jeweils besten Ansätze heraus. Und natürlich brachte ich meine eigenen Ideen ein. Außerdem suchte ich im Vorfeld des Ryder Cups auch Rat bei anderen Experten. Zum Beispiel rief ich Franz Beckenbauer an und fragte ihn, welchen Ratschlag er als erfahrener und erfolgreicher Teamchef mir geben könne. "Bleib einfach locker und halt die Jungs bei guter Laune", hat mir Franz zur Antwort gegeben.

"Team Spirit"

Eine meiner zentralen Ideen war es, die Zuschauer in Oakland Hills auf unsere Seite zu ziehen. Ich wollte ihnen zeigen, was für nahbare Jungs wir sind, und erreichen, dass die heimischen Fans uns als Gegner aus ihren Köpfen streichen. Deswegen gaben wir schon während unserer Trainingsrunden Autogramme, posierten für Fotos und veranstalteten Späße mit den Zuschauern. Die US-Medien berichteten prompt, wie freundlich die Europäer sind, und tatsächlich schrien die Amerikaner im Verlauf des Turniers weniger gegen uns als üblich. Darüber hinaus tat es meinen Spielern gut zu spüren, dass der Cup auch Spaß machen kann, dass sie nicht nur unter diesem enormen Druck stehen, gut zu spielen. Ich habe ihnen immer gesagt: Wir sind hier die Underdogs. Wenn wir gut spielen - klasse! Wenn nicht - es erwarten eh alle, dass wir verlieren. Aber ich sagte ihnen auch: Ihr seid gut drauf, ihr könnt das hier packen!

Oft ist nach unseren Rekordsiegen mit 18,5 zu 9,5 Punkten in Oakland Hills und vor zwei Jahren in Dublin unter meinem Nachfolger Ian Woosnam von einem Erfolg des "team spirit" gesprochen worden. Meine Meinung dazu: Das wurde vor allem von der US-Presse hochgeredet, die einen Grund für die Niederlagen ihrer Mannschaft finden musste; offenbar durfte der nicht in der Tatsache liegen, dass die Amerikaner einfach schlechter gespielt hatten. Und als die amerikanischen Journalisten die Europäer sahen, wie sie Spaß hatten und locker gewannen, verfielen sie der Idee, das Erfolgsrezept sei der Mannschaftsgeist. Aber das galt und gilt nur eingeschränkt, denn auf der Tour sind auch die zwölf europäischen Spieler ja allesamt Konkurrenten um den Turniersieg, pflegen also durchaus eine gesunde Rivalität. Was stimmt: Bei uns gibt es keine Primadonnen. Demgegenüber weiß ich zumindest von einem Spieler im US-Team, dessen Namen ich allerdings für mich behalten werde, dass er den Ryder Cup überhaupt nicht mag - und wenn es möglich wäre, wäre er auch gar nicht mit dabei! So was ist natürlich ein Hindernis, ja, eine Belastung.

Nicht wenige Leute behaupten, Tiger Woods sei aufgrund seines Superstar-Status das Problem der US-Teams der vergangenen Jahre gewesen. Das glaube ich überhaupt nicht. Tiger hat immer alles gegeben, sich voll eingesetzt und war ins Team integriert. Womit sich der eine oder andere Mitspieler offenbar schwertut, ist, mit Tiger zu spielen. Aber das ist nicht die Schuld von Woods, sondern derjenigen, die das nicht können - was etwa 2004 in Oakland Hills gut zu beobachten war. Bereits vorher war mir zu Ohren gekommen, dass da eine besondere Paarung von US-Kapitän Hal Sutton aufgeboten werden sollte. Da wusste ich natürlich sofort, dass er die damaligen Nummern eins und zwei seines Teams, Tiger Woods und Phil Mickelson, zusammenspielen lassen würde. Und als ich diese Paarung dann auf Papier vor mir liegen sah, dachte ich mir: Das kann nur in die Hose gehen. Denn Woods und Mickelson sind nun mal nicht die idealen Partner. Und bei einem Ryder Cup kann ich als Kapitän nicht zwei Spieler zusammenbringen, die sich nicht mögen. Diese Fehleinschätzung von Hal Sutton war unser Vorteil. Ich habe Ähnliches vermieden, indem ich zwei Wochen vor den Matches in Oakland Hills jedem meiner Spieler ein Kärtchen überreicht und ihn gebeten habe, er solle mir darauf jeweils vier Namen jener Kollegen notieren, mit denen er am liebsten spielen würde, und zwei Namen, mit denen er nicht in einem der Vierer antreten möchte. So wusste ich von jedem meiner zwölf Spieler, wer mit wem gern und wer mit wem lieber nicht zusammen spielt. Das Resultat haben nur meine beiden Vizekapitäne und ich zu sehen bekommen.

"Alles, was sich die Wochen und Monate zuvor (...) anstaut, muss raus im Moment des Triumphes"

Die Crux als Kapitän ist, dass man mit zwei Wildcards recht wenig Einfluss auf die Konstellation seiner Mannschaft hat. Die ist halt so, wie sie ist, zehn Spieler qualifizieren sich automatisch über ein Ranglistensystem. Aber es ist unheimlich wichtig, wie man seine Paarungen zusammenstellt. Es ist die wichtigste Entscheidung des Kapitäns, seine alleinige Entscheidung - wer mit wem spielt und wann wer spielt. Ansonsten kann man als 13. Mann nur versuchen, beste Rahmenbedingungen herzustellen, was nicht einfach ist, weil ja auch noch Ehefrauen, Caddies, Physiotherapeuten und eine ganze Menge Anhang mit dabei sind.

Fürs Wohlgefühl der Spieler sind oft Kleinigkeiten entscheidend. 2004 in Oakland Hills war es etwa wichtig, dass der Spanier Miguel Angel Jiménez seinen Rioja und seine Zigarrenmarke hatte. Auch habe ich im Vorfeld die Farbgebung unserer Spielkleidung festgelegt: aggressiv und positiv sollte sie sein. In den täglichen Meetings bin ich mit den Spielern alle wichtigen Aspekte durchgegangen, etwa, mit welcher Strategie sie bestimmte Löcher spielen sollten. Die Stimmung in unserem Teamroom war die ganze Woche über exzellent, sowohl während der Matches als auch beim Betrachten der extra zusammengestellten DVDs mit den Karriere-Highlights meiner Jungs: jeweils fünf bis zehn fantastische Schläge. Diesen Film haben wir uns jeden Abend vorgespielt, und damit für die entscheidenden positiven Gefühle gesorgt.

Nach unserem Sieg in Oakland Hills gingen Fotos um die Welt, die mich im Kreis meiner Spieler und der Fans sehr gelöst zeigten. Tatsächlich bin ich ja eher der kontrollierte Typ. Bei Niederlagen bin ich nicht übermäßig enttäuscht, bei Siegen nicht völlig ausgelassen - aber beim Ryder Cup ist das anders. Alles, was sich die Wochen und Monate zuvor und über die Turniertage anstaut, muss raus im Moment des Triumphes. Da fühlt jeder das Gleiche, jeder zieht mit, und man springt da vor Freude nicht allein herum, sondern mit der ganzen Mannschaft, was die Sache für einen zurückhaltenderen Charakter leichter macht.

2008 ist ja nun wieder ein Auswärtsspiel. Wenn man als europäischer Kapitän den Ryder Cup in den USA gewinnen will, muss man zunächst verstehen, dass die Amerikaner sehr stolz auf ihr Land sind. Die Amerikaner lieben ihren Sport, aber wenn man als Ausländer in den USA gute Leistung zeigt, wird das in der Regel anerkannt. So wie etwa bei Nick Faldo, der im September in Louisville, Kentucky, Europas Team als Kapitän vorsteht. Er hat in den vergangenen Jahren sehr gute Arbeit als Golfexperte im US-Fernsehen gemacht. Faldo genießt inzwischen einen Ruf in den USA, der sehr viel besser als jener ist, den er als Spieler hatte. Da galt er als kühler Typ, an den man nicht herankam. Faldo war damals total fokussiert auf Golf, sprach wenig, und er vermittelte den Eindruck, dass er mit niemandem außer sich selbst etwas zu tun haben wollte.

Aber es gab eben auch immer schon diese andere Seite des Nick Faldo, diesen typisch britischen Humor. So sehen ihn die US-Fans viel lieber, und ich glaube auch, dass ihm das in Louisville zugutekommen wird. Faldos großer Vorteil ist seine jahrzehntelange Erfahrung. Er weiß genau, was man als Kapitän richtig und falsch machen kann.

Ryder Cup

Probleme könnte Nick im Umgang mit den einzelnen Spielern haben, er muss wirklich jedem seiner Akteure das Gefühl vermitteln, dass er ihn fürs Team braucht. Er muss mit jedem gut zurechtkommen, jeder muss wissen, woran er bei Nick Faldo ist - denn es spielen am Freitag und Samstag in den insgesamt vier Vierern jeweils nur acht Akteure, und vier sitzen draußen. Und die vier, die draußen sitzen, sind in der Regel natürlich nicht so glücklich darüber. Mit denen muss er reden, ihnen begründen, weshalb sie nicht zum Einsatz kommen und sie bei guter Laune halten.

So, wie ich das mit Colin Montgomerie 2004 gemacht habe. Als ich sah, dass "Monty" am zweiten Tag nicht gut drauf war, habe ich ihn erst mal aus dem Team genommen. Natürlich habe ich ihm nicht gesagt, wie schlecht er gespielt hatte und dass er am besten gleich mal auf die Driving Range gehen solle - nein. Ich sagte zu ihm: "Du wirkst mir nicht fit. Es ist besser, du ruhst dich heute aus, denn ich will, dass du morgen dein Match gewinnst." Monty machte am nächsten Tag den entscheidenden Putt zum Sieg.

In diesem Jahr hat Martin Kaymer die Chance, als zweiter deutscher Spieler den Sprung in Europas Ryder-Cup- Team zu schaffen. Ich habe mit Martin zuletzt beim US Masters eine Runde gespielt. Als Person und als Charakter finde ich ihn für seine 23 Jahre sehr beeindruckend. Er kann den Weg eines sehr Großen gehen, wenn er technisch noch ein paar Kleinigkeiten verfeinert. In der Sphäre, in der Kaymer jetzt schon spielt, kommt es vor allem aufs Mentale an. Mein Eindruck ist, dass Martin seinen Erfolg sehr gut weggesteckt hat, er wirkt auf mich besonnen und geduldig. Das sind beste Voraussetzungen, um bei normalen Turnieren erfolgreich zu sein. Und eines Tages vielleicht auch bei den Festtagen des Golfs, im Ryder Cup.

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