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Handball: Das DHB-Team im Interview

Die EM in Serbien ist das erste Turnier, bei dem Heiner Brand nicht mehr Bundestrainer ist. Wir haben uns mit der deutschen Mannschaft unterhalten und über die Veränderungen gesprochen, die Martin Heuberger als neuer Coach mitgebracht hat. Dabei geht es um Piraterie, Life Kinetic und den großen Traum von London.

Vor der Europameisterschaft in Serbien sprechen die Akteure der deutschen Handball Nationalmannschaft im Interview über ihre Ziele, den neuen Bundestrainer MArtin Heuberger, die Vorbereitung und die Gruppengegner Tschechien, Schweden und Mazedonien.

Für Sie alle ist es das erste Turnier unter einem neuen Bundestrainer. Was für Veränderungen hat es unter Martin Heuberger gegeben?

Pascal Hens: Die Vorbereitung war bisher gut. Der Bundestrainer hat viel gemacht und wir haben gut gearbeitet. Gerade die ersten Tage haben wir viel Gas gegeben. Es gab viel Kraft- und Athletiktraining und ich bin nun froh, dass diese Tage vorbei sind und wir ein wenig mehr Ruhe haben.

Dominik Klein: Natürlich hat der Trainer neue Dinge mitgebracht, die wir in jedem Training gespürt haben. Gerade bei Geschichten wie Life Kinetic oder Krafttraining gehen wir meist mit einem guten Gefühl aus dem Training. Und Frank Carstens bringt auch immer sehr gutes Aufwärmprogramm mit.

Life Kinetic?

Oliver Rogisch: Diese Live Kinetic Geschichte ist teilweise mit Augenklappe. Da stehen dann 15 Piraten nebeneinander. Man deckt eben ein Auge ab und macht dann Koordinationsübungen. Am Anfang sehr ungewohnt und lustig. Aber wenn man dran glaubt und es die Erfolge bringt, dann sieht man auch, wie es einen nach vorne bringt. Am Anfang haben wir alle ein bisschen geschmunzelt. Der Trainer hat auch sicherlich ein bisschen zu kämpfen gehabt, da wir viel gelacht haben. Aber am Ende haben wir gesehen, wie es etwas gebracht hat.

Es war auch von taktischen Neuerungen die Rede. Gibt es da spezielle Sachen, die neu einstudiert wurden?

Holger Glandorf: Es gib natürlich ein paar andere Spielzüge und manche Spielzüge wurden verbessert, aber gezielt was rauszugreifen ist schwierig. Wir haben auch am Spiel in Über- und Unterzahl gearbeitet und es wurde viel probiert. Aber wir müssen das richtige Timing finden.

Pascal Hens: Lasst Euch mal überraschen.

Silvio Heinevetter: (lacht) Ich bin Torwart und habe keine Ahnung von Taktik.

Herr Heinevetter, Sie gehen als Nummer eins in das Turnier. Wie wichtig ist es für Sie, die Rückendeckung zu haben?

Silvio Heinevetter: Im Endeffekt muss man immer seine Leistung bringen und da zählt es auch nicht, wer auf der Bank sitzt. Aber es ist immer gut, wenn man ein bisschen Rückendeckung und das Gefühl kriegt, mal einen Fehler machen zu dürfen und das kann vielen Spielern einen Schub geben.

Taktik hin oder her. Haben Sie eine Abwehrformation, die Sie bevorzugen?

Silvio Heinevetter: 5:1 und 6:0 hat beides seine Vorteile. Aber ich glaube, wie sind in einer 6:0 gut aufgestellt. Die 5:1 wird keine Abwehr sein, mit der man über 60 Minuten spielen kann – ist aber auch abhängig vom Gegner. Wir versuchen 6:0 zu spielen, aber aus taktischen Gründen können wir auch mal umstellen.

Sie haben nun Erfahrungen in der Champions League gesammelt und beim Handball kennt man sich. Wissen Sie im Vorfeld schon, wo die wirklich gefährlichen Schützen bevorzugt hinwerfen und können sich darauf einstellen?

Silvio Heinevetter: So einfach ist es nicht. Wir schauen uns natürlich Videos an und haben auch Wurfbilder von einzelnen Spielen. Aber das ist immer situationsabhängig und man kann das nur als kleine Hilfe nehmen. Aber im Spiel wird das dann intuitiv umgesetzt und wir versuchen, es zu 30 oder 40 Prozent im Hinterkopf zu haben. Den Rest muss man im Spiel lösen.

Die letzte WM ist enttäuschend verlaufen, am Ende stand ein elfter Platz zu Buche. Ist der Druck vor der EM dadurch gestiegen?

Lars Kaufmann: Der Druck ist ein wenig abgefallen, denn die Erwartungen waren bei den letzten beiden Turnieren sehr hoch. Jetzt mit den Leistungen in der letzten Zeit ist das ein wenig abgeflacht. Aber wir sollten auf uns selbst schauen und keinen Druck von außen zulassen.

Oli Roggisch: Wenn es ein Druck ist, dann ist es ein positiver Druck. Peking war eine Sensation für mich. Davon träumt man als Kind und das versuche ich den Jungs auch zu vermitteln. Das ist eine unglaubliche Chance und davon kann man seinen Enkelkindern erzählen. Da kriege ich jetzt noch eine Gänsehaut.

Silvio Heinevetter: Was war, das war. Und das können wir nicht ändern und so will auch keiner mehr groß drüber sprechen. Man muss seine Lehren daraus ziehen. In der Qualifikation hatten wir auch viel Druck und mussten gegen Island und Österreich auch gewinnen, aber damit sind wir gut zurechtgekommen.

Zumindest einen Umbruch hat es nicht gegeben?

Pascal Hens: Was soll man groß umbrechen? Wir sind keine besonders alte Mannschaft und deswegen war auch nicht mit dem Umbruch zu rechnen. Natürlich waren die letzten Jahre im Hinblick auf die Ergebnisse nicht so, wie wir uns das vorgestellt haben. Aber wir haben bei einzelnen Spielen auch gezeigt, was in uns steckt. Und das müssen wir einfach regelmäßig abrufen.

Mit welchem Ziel gehen Sie denn in das Turnier?

Oli Roggisch: Dass wir ein besseres Turnier spielen, als in den letzten Jahren. Aber wir wollen von Spiel zu Spiel schauen und haben uns kein besonderes Ziel vorgenommen. Ich erwarte aber von der Mannschaft, dass wir uns alle besser präsentieren, als in den letzten Jahren: Es geht um Kampfkraft, Siegeswille und Ausstrahlung. Wir haben nicht diese außergewöhnlichen Superstars, die in Spiel alleine entscheiden können. Wir müssen als Mannschaft funktionieren und da sind wir auf einem guten Weg und ich bin guten Mutes.

Dominik Klein: Wir wollen eins der beiden Tickets für das Qualifikationsturnier für die Olympischen Spiele bekommen – das ist unser Ziel. Wir wollen aber auch nicht rechnen, sondern schauen von Spiel zu Spiel, die Spielstärke ausspielen und wollen selbstbewusst an jede Aufgabe rangehen. Da gilt es natürlich, einen guten Start gegen Tschechien zu haben.

Werfen wir ein Blick auf die Gruppe. Wie schätzen Sie die Gegner ein?

Dominik Klein: Tschechien ist unser erster Gegner und auch der schwierigste. Sie haben Filip Jicha im Angriff und Daniel Kubes in der Abwehr. Beide kenne ich aus dem Verein und kann die Charaktere ganz gut einschätzen. Zu den anderen Gegnern will ich noch gar nichts sagen, wir schauen von Spiel zu Spiel.

Oli Roggisch: Ich schaue ja nur auf Tschechien und sie haben mit Filip Jicha einen der Top-Spieler dieser Welt. Was er bei Kiel macht, ist überragend und er hat auch Karabatic ein wenig den Rang abgelaufen. Meiner Meinung nach ist er der beste Spieler der Welt. Aber die Tschechen haben noch andere gute Spieler und wir dürfen nicht den Fehler machen, nur auf Jicha zu schauen. Ihn müssen wir natürlich in den Griff kriegen, aber wenn er zehn Tore macht und der Rest auch nur zehn macht, wir dann 21:20 gewinnen, dann haben wir alles richtig gemacht.

Grundsätzlich kann man aber doch sagen, dass Mazedonien der erste Anwärter auf den Titel des Außenseiters ist.

Lars Kaufmann: Einen richtigen Favoriten gibt es nicht. In der Gruppe kann jeder jeden schlagen und es kommt auf die Tagesform an. Die Tschechen und Schweden kennen wir sehr gut und Mazedonien hat vielleicht den Vorteil, dass aufgrund der Heimatnähe viele Fans kommen.

Silvio Heinevetter: Mazedonien ist eine Mannschaft, die von Kiril Lazarov lebt. Sie haben vor zwei oder drei Jahren auch die Hauptrunde erreicht. Es ist eine Mannschaft, die eine gute Startformation hat, aber in der Breite nicht so gut besetzt ist. Aber man darf sie nicht unterschätzen. Die Halle wird auch hinter ihnen stehen.

Holger Glandorf: Die Schweden waren bei der WM wieder vorne dabei und sie haben eine gute Mannschaft mit erfahrenen Trainern. Das wird eine harte Nuss. Die Tschechen kämpfen wie wir um die Olympia-Qualifikation. Sie haben ebenfalls sehr erfahrene Spieler und es wird ähnlich schwer wie gegen die Schweden. Mazedonien ist fast das schwierigste Spiel, denn wir kennen sie nicht so gut. Dazu wird die Halle voll sein und das kann eine Mannschaft pushen. Es wird ein richtiges Auswärtsspiel und sehr schwer.

Was kann die deutsche Mannschaft denn in die Waagschale werfen, wo liegen die Stärken?

Pascal Hens: Stärken und Schwächen werden wir im Spiel sehen. Im Training ist es doch immer etwas anderes. Es wird wichtig sein, dass wir es schaffen, wie in den Spielen gegen Österreich und Island in der Qualifikation, mit Dampf aus der stabilen Abwehr zu kommen und schnelle Gegenstöße zu fahren. Dann haben die Mannschaften auch Probleme, uns zu schlagen und wir werden erfolgreich spielen.

Lars Kaufmann: Wir haben eine super Atmosphäre im Team und eine sehr gute Geschlossenheit. Dazu denke ich, dass wir auf jeder Position gleichwertig besetzt sind. Das macht unsere Stärke aus.

Oli Roggisch: Unser Teamgeist, der Siegeswille und das schnelle Spiel. Dass wir viel mehr über die zweite Welle gehen, was in den letzten Jahren nicht immer so gut war. Die Torhüter sind immer top und wir müssen einfach als Mannschaft funktionieren. So können wir das kompensieren. Ich denke, an guten Tagen können wir alle Mannschaften schlagen, an schlechten aber auch gegen die anderen verlieren. Wir müssen uns eben bewusst sein, dass es ein schmaler Grat ist.

Herr Roggisch, Sie gehen als Abwehrchef und Team-Oldie in die EM. Und wenn Sie von einem schmalen Grat sprechen, wie haben Sie die Vorbereitung überstanden?

Ich habe mich auf dieses Turnier vorbereitet wie auf bisher kein anderes. Wir haben extrem hart trainiert und ich habe versucht, maximal mitzuziehen. Das ist mit 33 vielleicht nicht mehr ganz so einfach und ich war auch die letzten drei Tage sehr platt. Aber ich habe eine neue Energie draus gewonnen. Und es sind auch einige junge Spieler dabei. Wenn man sieht, wie die brennen und wenn man das Feuer in den Augen sieht, das tut uns älteren Spielern gut. Daraus ist ein guter Mix entstanden.

Abschließend: Gibt es einen Favoriten auf den Titel?

Dominik Klein: Die Favoriten hinter Frankreich sind Kroatien, Spanien und Dänemark.

Die Interviews führte Gunnar Beuth

sportal.de / sportal

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