HOME

Handball: Deutschland verliert EM-Test gegen Ungarn

Ein Sieg, eine Niederlage - so lautet die Bilanz der deutschen Handballer nach den einzigen beiden Testspielen gegen Ungarn. Nach dem ersten Erfolg unter Bundestrainer Martin Heuberger setzte es eine 21:22-Pleite. Eine Woche vor EM-Beginn analysieren wir die Stärken und Schwächen der DHB-Auswahl.

Die deutschen Handballer reisen mit einer Niederlage aus dem letzten Testspiel gegen Ungarn im Gepäck zur Europameisterschaft nach Serbien. Einen Tag nach dem Mut machenden 36:33 gegen die Magyaren, dem ersten Erfolg unter Bundestrainer Martin Heuberger, verlor die DHB-Auswahl die zweite Partie mit 21:22.

7.050 Zuschauer in Magdeburg sahen ein umkämpftes aber wenig hochklassiges Spiel, in dem Patrick Wiencek und Lars Kaufmann (je 4) die meisten Tore für den Gastgeber erzielten.

Aber welche Erkenntnisse lieferten die beiden Testspiele und mit welchen Erwartungen darf Deutschland zur EM fahren, bei der die letzte Chance besteht, sich noch eine Möglichkeit zur Teilnahme an den Olympischen Spielen zu erkämpfen? Wir haben positive und negative Signale entdeckt.

Hens ist auf einem guten Weg

Deutschland hat gemessen an den internationalen Top-Teams ein Problem im Rückraum. Die Abhängigkeit von Kapitän Pascal Hens ist extrem groß. Um so erfreulicher ist die Tatsache, dass sich der Hamburger gegen Ungarn stark präsentierte. Vor allem im ersten Spiel zeigte er viel Zug zum Tor und traf sechsmal.

Zudem überzeugte er immer wieder mit guten Anspielen. Auch in der zweiten Partie war er in der Anfangsphase ein Aktivposten und initiierte immer wieder gefährliche Aktionen. Hens wurde dann frühzeitig ausgewechselt, um auch Lars Kaufmann Spielpraxis zu geben. Der schwankte wie gewohnt zwischen Genie und Wahnsinn. Nach schwachem Start zeigte er aber nach der Pause, warum die DHB-Auswahl von ihm profitieren kann.

Mit seiner Physis kann er auch Torgefahr erzeugen, wenn spielerisch wenig geht. Er muss sich dann bei seiner Wurfauswahl allerdings cleverer anstellen. Sven Sören Christophersen bekam im ersten Test seine Chance, konnte aber fast schon wie gewohnt im Nationalteam nicht die Leistung zeigen, die ihn in Berlin zu einem Führungsspieler machte.

Individuellle Klasse auf den Flügeln macht Mut

Schon zu Zeiten von Heiner Brand wurde immer wieder geklagt, dass Deutschland die personellen Alternativen auf vielen Positionen fehlen. Zumindest für die Außen gilt das nicht. Mit Dominic Klein und Uwe Gensheimer auf der linken Seite, sowie Patrick Groetzki und Christian Sprenger auf der rechte ist die DHB-Auswahl auch im internationalen Vergleich glänzend besetzt.

Der Haken: Diese Spieler sind extrem davon abhängig, wie sie von ihren Mitspielern eingesetzt werden. Im ersten Test klappte das hervorragend. 22 der 36 Tore gingen auf das Konto von Gensheimer, Klein und Groetzki, die zum einen davon profitierten, dass sie konsequent angespielt wurden und zum anderen vor allem in der zweiten Halbzeit viele in der Abwehr abgefangene Bälle per Gegenstoß verwerteten. Beides klappte im zweiten Test leider nicht mehr und dann nützt auch die individuelle Klasse nichts, die Flügelspieler hingen in der Luft.

Keine Sorgen im Tor

Auch nach der Absage von Jogi Bitter muss sich Martin Heuberger um die Besetzung im Tor keine Sorgen machen. Silvio Heinevetter ist nominell die Nummer eins, auch wenn er gegen Ungarn in beiden Partien nicht überzeugen konnte. Wenn dahinter ein Mann wie Carsten Lichtlein parat steht, ist das jedoch kein Problem. Jahrelang war der nur Keeper Nummer drei, doch er zeigte, dass er ein großer Rückhalt sein kann. Im zweiten Ungarn-Test zeigte Lichtlein eine bärenstarke Leistung und meldete nachhaltig Ansprüche auf einen Stammplatz an.

Problemzone rechter Rückraum

Christian Zeitz war nicht zu einem Comeback in der Nationalmannschaft zu überreden und so müssen es Holger Glandorf und Adrian Pfahl richten. Vor allem bei Glandorf war die Hoffnung groß, dass er endlich an alte Zeiten anknüpfen kann, denn seit seinem Wechsel nach Flensburg schien es mit ihm wieder aufwärts zu gehen. In der DHB-Auswahl konnte er diesen Eindruck bisher nicht bestätigen. Er agierte sehr passiv, strahlte kaum Torgefahr aus und nahm kaum Einfluss auf das Spiel. Bei Pfahl gab es zumindest im ersten Spiel positive Ansätze, doch auf höchstem internationalen Niveau kann er keine entscheidende Rolle spielen. Da müssen die Hoffenung eher auf einem Glandorf in Bestform ruhen. 

Kein Spielmacher von Format

Noch schwieriger als auf der rechten Seite ist die personelle Situation in der Mitte. Die Spielmacher Michael Haaß und Martin Strobel genügen höchsten internationalen Ansprüchen nicht. Um so bitterer ist die Tatsache, dass mit Michael Kraus eine mögliche Alternative bei der EM fehlt, auch wenn der Hamburger in der Vergangenheit auch keine Wunder vollbringen konnte. Vor allem die fehlende Torgefahr aus der Mitte ist ein Problem.

Das Anforderungsprofil an Haaß und Strobel ist daher ein anderes: Sie müssen das deutsche Spiel schnell machen und versuchen ihre Mitspieler in Szene zu setzen. Erschwerend kommt dabei hinzu, dass am Kreis ebenfalls ein Klassemann als potenzielle Anspielstation fehlt. Christoph Theuerkauf ist dort die erste Wahl, alternativ steht noch Youngster Patrick Wiencek zur Verfügung.

Fazit

Personell fehlt die Klasse, um mit Topteams wie Frankreich oder Dänemark mitzuhalten. Das weiß auch Pascal Hens: „Wir wissen, dass wir momentan nicht ganz vorne mitspielen“, erklärte der Kapitän. Doch das Ziel lautet auch nicht EM-Titel, sondern Qualifikation für die Olympischen Spiele. Und das ist durchaus möglich, wenn Deutschland das Optimum aus seinen Möglichkeiten herausholt.

Dass die DHB-Auswahl eine gute 6:0-Deckung spielen kann ist bekannt, auch wenn der Mittelblock mit Oliver Roggisch/Michael Haaß oder Roggisch/Wiencek noch löchrig wirkte. Das gegen Ungarn phasenweise schlechte Rückzugsverhalten bei Gegenstößen ist vor allem eine Frage der Einstellung und Konzentration und sollte ebenfalls abzustellen sein.

Die größten Fragezeichen lauern in der Offensive. Dort muss es gelingen, die eigenen Stärken zur Geltung zu bringen und das heißt vor allem, die Flügelspieler ins Geschehen einzubinden. Agiert die Mannschaft zu langsam und statisch, dann wird die Abhängigkeit von den Rückraumschützen zu groß und da fehlt es in der Breite an Qualität. Ein Pascal Hens in Topform ist daher unabdingbar. Auch die vielen leichten Fehler im Aufbauspiel müssen dringend abgestellt werden.

Deutschland kann nur über die mannschaftliche Geschlossenheit erfolgreich sein - sollte das gelingen, ist eine positive Überraschung möglich. Funktioniert das Gefüge nicht, ist ein weiterer enttäuschender Auftritt wahrscheinlich, da die individuelle Qualität fehlt um das zu kompensieren.

Lars Ahrens

sportal.de / sportal

Wissenscommunity