HOME

NBA: Basket Case - Rucker Park Adventures

Wieso ist Kevin Durant plötzlich einer der beliebtesten New Yorker? Was macht Kevin Love am Strand? Und würden sie einem NBA-Spieler eine Bohrmaschine abkaufen? Die Antworten hat der Basket Case!

Die Liga streikt, doch den Basket Case gibt es natürlich trotzdem. Ob Streetball spielende Profis, zerstörte China-Träume oder einfach nur Arbeitsurlaube in Europa, wir haben uns umgeschaut, was die Gesprächsthemen rund um die NBA sind.

Beginnen wir mit der vermutlich traurigsten Nachricht für viele der Stars und Superstars der Liga. Bereits in der letzten Kolumne hatte ich geschrieben, wie viele Spieler nicht nur auf Promotion-Tour in Asien unterwegs waren, um ihren Ausrüster auf dem dortigen Markt zu positionieren, sondern gleichzeitig aufgrund der hohen Gehälter und der begeisternden Fan-Kultur über ein Engagement in China oder anderen asiatischen Ligen nachdenken.

Idee vom Abenteuer China ist ausgeträumt

Dwyane Wade, Carlos Boozer, Kevin Durant, Chris Paul oder auch Kobe Bryant waren nur einige der Namen, die zwischenzeitlich von amerikanischen und asiatischen Medien mit gut dotierten Verträgen in China in Verbindung gebracht wurden. Nun aber scheint diese Idee komplett den Boden verloren zu haben. Die Spitze des chinesischen Verbands CBA einigte sich in einer kurzfristig einberufenen Sitzung darauf, nur Spieler, die in der NBA seit dem Ende der vergangenen Saison als Free Agents gelten, also vertragslos sind, in ihrer Liga spielen lassen zu wollen.

Stellt sich also die Frage, wo diese kurzfristige Änderung der Regeln ihren Ursprung hat. Jeder Spieler, der sich momentan mit der Möglichkeit eines Auslandsengagements beschäftigt oder sogar schon einen Vertrag abgeschlossen hat (wie zum Beispiel Deron Williams in Istanbul) besteht bei den Verhandlungen darauf, eine Ausstiegsklausel für den Fall einer Einigung der Spielergewerkschaft und der Liga zu haben - um für den Fall einer doch noch stattfindenden NBA-Saison sofort zu seinem alten Team zurückkehren zu können. Schließlich ist die NBA nach wie vor die beste Liga der Welt, und ein Job in Asien, Südamerika oder Europa nur ein Notnagel.

So wollten die Chinesen ihre Liga aber nicht dargestellt wissen, und egal, wie weit die Verhandlungen mit Stars aus Amerika bereits gediehen waren (Kobe Bryants Agent etwa soll bereits zweimal zu Verhandlungen in Shanxi gewesen sein, dem Team, das in der letzten Saison noch Stephon Marbury beschäftigte), dem Ganzen wurde nun ein Riegel vorgeschoben. Selbst Nike, als Titelsponsor der chinesischen Liga mit einem gewichtigen Wort ausgestattet, konnte die Ligaleitung nicht davon überzeugen, Ausnahmeregelungen zuzulassen.

Zum Schaden der Fans

Irgendwo ist diese Maßnahme natürlich verständlich. Würde eine der europäischen Großligen im Fußball streiken, würde ja auch niemand auf die Idee kommen, die Verpflichtung eines Messi oder eines Ronaldo für einige Monate zuzulassen, um die Stars bei Streikende dann wieder in ihre heimische Liga abwandern zu lassen. Aber wäre ein bisschen Flexibilität in diesem Falle nicht auch den asiatischen Fans zugute gekommen? Nicht erst seit den Zeiten von Yao Ming bei den Houston Rockets, als dieser jedes Jahr aufs Neue mit Millionen Stimmen aus dem asiatischen Raum ins All-Star Game gewählt wurde, ist die Begeisterung für die Stars der NBA in Asien riesig.

Und ganz ehrlich: Würde es hier in Deutschland die finanziellen Möglichkeiten geben, jeden BBL-Club mit einem absoluten Superstar zu verstärken, der dann aber unter Umständen nur wenige Monate bleiben würde - würden sie nicht zu einem Spiel gehen, um zu sehen, wie sich Kevin Durant und Kobe Bryant versuchen, gegenseitig zu überbieten? Oder ein Finals-Rematch zwischen Dirk Nowitzki und Dwyane Wade erleben zu dürfen?

Für viele der absoluten Superstars war der chinesische Markt wohl auch die einzige Option, die Wahrscheinlichkeit, die eben genannten Namen in der Euroleague zu sehen, ist wahrlich gering. Nicht nur der Gehälter wegen, sonder eben auch, weil persönliche Sponsoren wie Nike oder Adidas gewillt waren, den Spielern für den erleichterten Einstieg in den chinesischen Markt und die damit verbundenen Marketingmöglichkeiten diverse Bonuszahlungen zukommen zu lassen, was bei einem Engagement auf jedem anderen Kontinent kaum eine Rolle spielt - schließlich hat fast jedes Kind in Europa oder Südamerika schon einmal den Swoosh oder die drei Streifen gesehen.

Sonne und Strand - aber nicht nur im Urlaub!

Was uns wieder zu einer der Fragen vom letzten Basket Case bringt: Was machen die Profis denn nun während des Lockouts? Schließlich sind organisierte Trainingseinheiten in den Hallen des eigenen Clubs ja verboten - und viele der Spieler freuen sich mittlerweile offenbar, auch mal andere Dinge als Basketball verfolgen zu können.

Auftritt Kevin Love. In der vergangenen Saison als Most Improved Player der Liga ausgezeichnet, gehört Rebound-Monster Love mittlerweile zu den großen Stars der NBA. Sicherlich auch angetrieben vom zugegeben meist mauen Wetter in seiner sportlichen Heimatstadt Minnesota war Love der erste, der sich eine neue sportliche Herausforderung suchte. Dank Einladung eines der Sponsoren der amerikanischen Beach Volleyball Tour versuchte sich Love nun also im Baggern und Pritschen im Sand - und fand bereits im Training soviel Gefallen daran, dass er in Erwägung zieht, mehr als nur das eine Turnier (die Manhattan Beach Open in Kalifornien), für das er bisher gemeldet hat, zu spielen.

Und er ist nicht der einzige. Auch Chase Budinger von den Houston Rockets hat am Wochenende sein erstes Turnier auf der Series gespielt, die Corona Light Wide Open in Hermosa Beach. Bei Budinger lag der Schritt allerdings auch noch näher als bei Love, schließlich spielt sein Bruder Duncan bereits auf der Tour, und an der Highschool war Budinger, der amerikaweit einer der besten fünf Basketballer seines Jahrgangs war, mit dem Titel des Highschool-Volleyballers des Jahres ausgezeichnet worden.

Ob wir im Falle eines längeren Lockouts wohl auch Kevin Garnett und Blake Griffin in kurzen Hosen am Strand erleben dürfen? Daran darf gezweifelt werden, aber dass der eigene sportliche Ehrgeiz die meisten der Spieler anstachelt, weiterhin im Wettbewerb zu bleiben, in welcher Sportart auch immer, ist ganz natürlich. Und zumindest Budinger schloss in einem Interview mit der Seite volleywood.net auch ein Engagement in den Wintermonaten bei einem Hallen-Team nicht aus:"Es gibt viele Spieler, die im Sommer am Strand spielen und dann im Winter bei einem europäischen Team in der Halle auf dem Feld stehen. So macht es auch mein Bruder. Und ich denke schon dass ich gut genug bin, damit auch meinen Lebensunterhalt verdienen zu können."

Home Depot oder Copacabana?

So gut hat es leider nicht jeder NBA-Spieler. Trauriges Beispiel dafür ist Delonte West, Guard der Boston Celtics und früher Mannschaftskamerad von LeBron James bei den Cleveland Cavaliers, mit denen er sogar zweimal in den Conference Finals stand. Kurzfristig unterbrochen wurde seine Karriere im Jahr 2009, als er wegen unerlaubten Schusswaffenbesitzes verurteilt wurde. Und genau diese Verurteilung hängt ihm nun nach.

Per Twitter teilte er mit, sich bei diversen Einzelhändlern wie dem Baumarkt Home Depot beworben zu haben. Wer das für einen Scherz hält, sollte gewarnt sein: Auch als NBA-Spieler kann man sein Geld ausgeben und im Falle eines Gehaltsverlusts wie während des Lockouts plötzlich ohne Reserven dastehen. "Ich habe keine Chance, mein Geld im Ausland zu verdienen - meine Bewährungsauflagen verbieten es mir, das Land zu verlassen. Also mach ich es offiziell: Stolz beiseite, ich habe mich gerade beim Home Depot beworben. Und falls das nicht klappt, würde ich auch Messer beim Teleshopping verkaufen", so West per Tweet.

Ob man einem NBA-Profi wirklich eine neue Bohrmaschine abkaufen würde, weiß ich nun nicht, aber zumindest ist daran klar zu erkennen, dass nicht jeder Profi-Sportler den Bezug zur Realität verloren hat. Wenn es darauf ankommt, Geld zu verdienen um die Familie zu ernähren, muss man vielleicht auch mal Abstriche machen können.

Sicherlich nicht ohne eine gewisse Portion Neid wird West verfolgt haben, wie nun der nächste NBA-Star abgewandert ist. In diesem Fall Leandro Barbosa von den Toronto Raptors, der sich entschlossen hat, den Lockout spielenderweise in seiner Heimat Brasilien zu verbringen. Flamengo Rio de Janeiro ist sein Ziel, welches ihm nicht nur durch ein millionenschweres Gehalt, sondern sicherlich auch durch ausgedehnte Strandtage an der weltberühmten Copacabana versüßt wird.

Streetball im Rucker Park - Wie Legenden entstehen

Und dann gibt es ja noch jene Sorte Spieler, deren Ehrgeiz sie nicht mal während der sowieso spielfreien Sommermonate vom orangenen Ball fernhält. Seit jeher ist es in Amerika gang und gäbe, das es neben dem Profi- und dem College-Sport eine dritte anerkannte Form des Basketballs gibt: das Spiel mit zusammengewürfelten Teams auf der Straße, in den Parks oder kleinen Hallen, manchmal auch Streetball genannt.

Das Mekka des Streetballs ist tief im New Yorker Stadtteil Harlem vergraben: Der Rucker Park. Wer nun Hochglanz-Plätze mit Körben mit Nylon-Netzen erwarten würde, der wird hier eines Besseren belehrt. Nach wie vor wird auf Körbe mit Stahlnetzen geworfen, der Untergrund ist rauer Asphalt, und Stürze werden mit bösen Schürfwunden bestraft - keine Seltenheit bei Spielen, in denen selbst die freiwilligen Schiedsrichter gerne mal beide Augen zudrücken.

Das Besondere am Rucker Park ist die Geschichte. Benannt ist der Court nach einem Angestellten des öffentlichen Dienstes, der im Jahr 1950 auf der Suche nach einem Spielfeld für ein Turnier zur Entkriminalisierung von Jugendlichen hier fündig wurde. Mittlerweile kommen nicht nur zahlreiche aktive NBA-Stars Sommer für Sommer her, um sich mit den besten Straßenbasketballern zu messen. Gerade die Liste derer, die ihre Karriere tatsächlich auf dem Asphaltplatz begannen, ist atemberaubend.

Abdul-Jabbar, Chamberlain - und jetzt Durant!

Kareem Abdul-Jabbar, Julius "Dr. J" Erwing, Wilt Chamberlain, Nate Archibald, Chris Mullin, Jamals Mashburn und AND1-Streetball-Legende (und später ebenfalls NBA-Spieler) Rafer "Skip to my Lou" Alston waren nur einige, die ihre ersten semi-professionellen Schritte und Dribblings im Rucker Park unternahmen. Und auch Größen wie Kobe Bryant oder Allan Iverson ließen es sich nicht nehmen, im Laufe der Jahre das eine oder andere Spiel im Rucker Park zu bestreiten.

Bei all diesen Namen war es auch für Kevin Durant, Forward der Oklahoma City Thunder und seines Zeichens Top-Scorer der NBA, ein lebenslanger Traum gewesen, einmal im Rucker Park zu spielen. Und diesen Auftritt wird tatsächlich keiner der Anwesenden (und dank Youtube kein Basketball-Fan auf der Welt) jemals vergessen.

Was als nettes Spiel gegen motivierte Gegner begann, entwickelte sich spätestens im vierten Viertel zu einer One-Man-Show. Nach zahlreichen Dreiern, einer alle paar Sekunden frenetisch jubelnden Menge - die Spiele im Rucker Park werden oft von einem Einheizer mit Mikrofon kommentiert - und einem zurückgelassenen Spalier an erstaunten Gegnern hatte Durant, als sich der Staub gelegt hatte und das Spiel beendet war, stolze 66 Punkte gesammelt - davon alleine 43 in der zweiten Hälfte. Einfach zu sagen, dass die Zuschauer zu dem Zeitpunkt längst ihre Plätze verlassen hatten und Durant in einer Traube an jubelnden Fans unterging.

Genau das macht natürlich auch den Scharm des Streetballs aus. Das Publikum ist direkt am Court, keiner wird verhaftet sobald er den Platz betritt, und die Spieler genießen den engen Kontakt zu den Fans - oder wie Durant nach dem Spiel per Twitter mitteilte:"Keine Lüge, ich hatte gerade einen der besten Momente meines Lebens im Rucker Park...WOW! Ich liebe New York!"

In den Sommermonaten gibt es sogar richtig organisierte Streetball-Ligen, wie die Goodman League in Washington oder die Drew League in Los Angeles, in denen sich auch immer mehr Profis herumtreiben. So wurde selbst der frisch operierte Kobe Bryant gesichtet, wie er in einem Spiel der Drew League seine Rhythmus suchte und fand - am Ende des Nachmittags standen für den Guard der Los Angeles Lakers stolze 43 Punkte.

Womit wir wieder bei Durant angekommen wären. Der in Washington aufgewachsene Durant ist ein ständiges Mitglied eines Goodman League Teams, und versicherte auf Nachfrage von espn.com dann auch gerne:"Das hier hat nichts mit dem Zurückgeben an die Community zu tun. Ich spiele hier, weil ich spielen will, weil Basketball mein Leben ist - und weil ich gewinnen will."

Drew vs Goodman - "Feinde auf dem Platz"

So war es dann auch ein absolutes Highlight, als am Wochenende ein Mixteam der Drew League quer durch das Land flog, um in Washington den inoffiziellen Titel der League-Teams gegen die Goodman-Jungs auszuspielen. Und was für ein Match es werden sollte. Auf der Seite des Westküsten-Teams standen neben Durants Mannschaftskameraden von den Thunder, James Harden, mit Brandon Jennings von den Bucks, JaVale McGee (Wizards), DeMar DeRozan (Raptors) und Marcus Banks bereits einige gestandene NBA-Profis. Aber auch Durants Goodman-Team war mit reichlich Talent gesegnet, wenn man die Namen John Wall (Wizards), Gary Neal (Spurs) Ty Lawson (Nuggets) oder auch DeMarcus Cousins (Kings) liest.

Und so entwickelte sich das Spiel dann auch zu einer äußerst spektakulären Angelegenheit, bei der am Ende das Team aus der Hauptstadt mit 135:134 die Oberhand behielt - nicht zuletzt auch dank eines Blocks von Durant gegen seinen Freund Harden in letzter Sekunde. Böses Blut wird das in der Umkleide der Thunder sicher nicht mit sich bringen, aber Harden hatte vor dem Spiel selber betont, er wolle "keine KD-Geschichten hören, heute sind wir Feinde auf dem Court".

Die 1500 Zuschauer in der Halle sowie zehntausende mehr an ihren Internet-Streams hatten jedenfalls großen Spaß am gebotenen Spektakel, zumal nach wie vor sehr unsicher ist, wann man das nächste Mal so viele NBA-Stars gemeinsam auf einem Court erleben können wird.

Hoffen wir, dass es zu unser aller Überraschung doch nicht bis nächsten Herbst dauert, bis es wieder NBA-Basketball zu sehen gibt, sondern sich die zerstrittenen Parteien im Tarif-Streit noch einigen können, so dass zumindest eine verkürzte Saison noch im Bereich des Möglichen liegen würde. Bis dahin wird sich der Basket Case natürlich weiter um die Versorgung mit Infos zur Liga, den Stars und eventuellen Entwicklungen des Streiks beschäftigen.

Oliver Stein

sportal.de / sportal

Wissenscommunity