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NFL: Any Given Wednesday - Zaghafte Playoff-Tipps

Jede Woche gibt es in der NFL überraschende Ergebnisse. So bleibt es auch nach elf von 16 Spieltagen weiterhin spannend im Kampf um die Playoffs. Trotzdem zeichnen sich einige Trends ab, die man für erste Prognosen auf das Titelrennen nutzen kann.

Wenn der eigene Ersatz-Quarterback beim Divisionsrivalen drei Interceptions wirft und man selbst eine bittere Heimschlappe gegen eines der schlechteren Teams hinter sich hat, sollte man dann nicht alle Hoffnungen fahren lassen? In der NFL 2011 ist in den meisten Fällen nichts verloren. Besonders wenn man eines der vielen Wundertüten-Teams dieser Saison ist.

Ganz vorne dabei sind eben jene Philadelphia Eagles, die sich am Sonntag mit 17:10 unter Führung von Ersatz Vince Young bei den New York Giants durchsetzten, um den bis dahin führenden New Yorkern ordentlich in die Suppe zu spucken. Und das eine Woche nach der Niederlage zuhause gegen die Arizona Cardinals. Young hatte bei dem Sieg über die Giants zwar die drei Ballverluste, warf aber auch zwei Touchdowns.

Die NFC East, in der die Giants nun von den Dallas Cowboys dank deren Sieg in der Verlängerung beim vierten Divisionsrivalen Washington Redskins eingeholt wurden, ist genau ein Musterbeispiel der Ausgeglichenheit, die ich vor zwei Wochen bereits erwähnte. New York und Dallas haben jeweils eine 6:4-Bilanz, die Eagles stehen mit 5:5 dahinter – und selbst die Hauptstädter haben noch theoretische Chancen auf die Playoffs. Hier einen Tipp abzugeben, werde ich gar nicht erst wagen

Könige der Wundertüten

Nicht anders sieht es unter anderem in der AFC West aus, wo die Oakland Raiders (27:21 bei den Minnesota Vikings) mit 6:4 vor den Denver Broncos (5:5 nach einem 17:13 gegen die New York Jets) und den San Diego Chargers und Kansas City Chiefs (jeweils 4:6) liegen. Während man die Raiders dabei fast schon als konstant bezeichnen könnte, sind gerade die Broncos und auch die Chargers immer wieder für die ein oder andere Überraschung in beiden Richtungen gut.

In den Rocky Mountains stellt vor allem Quarterback Tim Tebow sicher, dass sich die Gegner nie sicher sein können, was sie erwartet. Ja, er läuft in erster Linie, aber kann sich die gegnerische Defense nie sicher sein, dass ihm nicht auch einmal ein Pass gelingt. Dank seiner 4:1-Bilanz ist er damit eine sehr positive Wundertüte für die Broncos.

Sein kalifornisches Pendant Philip Rivers bereitet mit seiner überraschend schlechten Saison dagegen Kopfzerbrechen in San Diego. Beim 20:31 gegen die Chicago Bears gab er den Chargers-Fans zunächst eine Kostprobe der Künste, die ihn drei Mal in den Pro Bowl gebracht hatten. Nur, um zum Ende hin, mit zwei Interceptions die fünfte Niederlage seiner Chargers mitzuverantworten.

Mein Bauchgefühl sagt mir eigentlich, dass die Raiders hier den Divisionssieg und den Playoff-Einzug sichern können – aber in dieser Domäne der Könige der Wundertüten würde es mich nicht weiter wundern, wenn eines der drei anderen Teams das Rennen macht. Obwohl ich mich doch auf eines festlege: Ohne Matt Cassel als Quarterback sind die Chiefs schon mit einem großen Nachteil behaftet.

Erst hui, dann pfui und andersrum

Ebenfalls offen sind die Playoff-Rennen in der AFC-North und der AFC-East – dort haben außer den Cleveland Browns und Miami Dolphins die anderen sechs noch sämtliche Möglichkeiten auf Spiele im Januar.

Besonders im Osten entpuppten sich die Dolphins und Buffalo Bills als zwei Teams, bei der Wetten auf deren Spiele keine sichere Geldanlage sind. Miami startete miserabel, hat sich seit drei Spielen allerdings gefangen. Die Bills – einst mit drei Siegen in Folge in die Spielzeit gestartet - kassierten in derselben Zeitspanne nur noch Niederlagen. 8:35 lautete das Ergebnis dieser beiden Rivalen aus Sicht der Bills, die als ehemalige Überraschungsmannschaft nun eine Überraschung nach der anderen erleben.

Der Norden dreht auf

Da sich hier auch Patriots und Jets die ein oder andere wundertütenartige Leistung erlaubten, ist für Buffalo noch nicht aller Tage Abend. New England scheint sich jedoch endgültig gefangen zu haben, Bills und Jets müssen noch starke sechs Partien am Schluss hinlegen, um Chancen auf die Wildcard zu haben. Keines der beiden wird es meiner Meinung nach schaffen - beide Wildcard-Plätze gehen an die AFC North.

Dort bleibt es nämlich beim spannenden Dreikampf um den Divisionssieg zwischen den Baltimore Ravens, Pittsburgh Steelers und Cincinnati Bengals. Die Ravens verschafften sich im Spitzenspiel gegen die Bengals mit einem 31:24 eine leichte Atempause an der Spitze, können sie nun mit ihrer 7:3-Bilanz doch auf Cincinnati (6:4) heruntergucken. Doch die spielfreien Steelers (7:3) stehen weiter mit ihnen auf Platz eins. In dieser Division kann ich mich einfach auf keinen Divisionssieger festlegen.

Raji - ein echter Prachtkerl

Damit schnell zu den Top Fünf – wieder einmal habe ich die spielfreien Teams außen vor gelassen. So haben mich in dieser Woche neben den Ravens natürlich die Green Bay Packers überzeugt. Auch wenn ihre Defense dringend etwas gegen das Tackleproblem machen müsste. So brach Tampa Bays Running Back LeGarrette Blount bei seinem Touchdown-Lauf über 54 Yards mindestens acht vermeintliche den Spielzug beendende Tackles.

Spannend wird es am Donnerstag, wenn die Packers zu den Detroit Lions fahren und uns zur besten Sendezeit um 18.30 Uhr mit einem Spitzenspiel verwöhnen. Da Green Bay ja traditionell ins Ford Field muss, braucht D-Liner BJ Raji für den Fall eines erneuten Offensiv-Touchdowns den Lambeau Leap, den Sprung in Green Bays Publikum, wieder nicht zu üben.

Raji hatte gegen die Bucs für die ersten Punkte gesorgt, als Quarterback Aaron Rodgers ihm den Ball an der Ein-Yard-Linie übergab. Anders als seine Mitspieler machte sich der über 150 Kilogramm schwere Raji keine Mühe per Sprung mit den Fans zu feiern. Sollte Green Bay den Spielzug mit Wonneproppen Raji öfter erfolgreich wiederholen, könnte er laut ESPNS Kevin Seifert Historie schreiben: Er war erst der vierte Defense Lineman, dem seit 1970 das Kunststück eines Offensiv-Touchdowns gelang. Nur der legendäre Bears-Spieler William The Refrigerator Perry kam mehrfach in die Endzone. BJ, der mit 25 noch eine hoffentlich lange Karriere vor sich hat, könnte Perry überholen, wenn ihm drei weitere Touchdowns gelängen.

Alles NFC North?

Zurück zu den Top Fünf: Die Lions hatte ich über die erste Halbzeit hinweg – nachdem ich vom Massaker der Bills in Miami umgeschaltet hatte – bereits aus den Top Fünf rausgeschrieben, ehe sie sich eines besseren besannen und die Carolina Panthers mit 49:35 nach Hause schickten. Matthew Stafford drehte dabei mit fünf Touchdowns groß auf und legte so endgültig die Grundlage für den Leckerbissen an Thanksgiving.

Neben den üblichen Verdächtigen aus San Francisco, die nach dem souveränen 23:7 gegen die Arizona Cardinals die NFC West bereits so gut wie in der Tasche haben dürften, haben sich in dieser Woche die Chicago Bears als drittes Team der North-Division einen Platz unter den Besten verdient. Beim 31:20 über die Chargers feierten sie ihren fünften Sieg in Serie. Ob sie noch einmal in den Top Fünf auftauchen werden und eine Chance auf die Playoffs fragen, ist jedoch sehr fraglich, brach sich doch Quarterback Jay Cutler den Daumen und dürfte für den den Rest der regulären Spielzeit ausfallen.

Der Trend geht nach unten

In Kansas City fällt, wie bereits oben erwähnt, mit Matt Cassel ebenfalls der etatmäßige Quarterback weg. Was dies bedeutet, deutete sich beim 3:34 in New England an: Die kurze Siegesserie der Chiefs, die sie in Reichweite des ersten Platzes in der AFC West brachte, ist damit endgültig gebrochen. Von allen Wundertüten dieser Division haben die Chiefs mit Tyler Palko, der in vier Jahren bereits vier verschiedene NFL-Teams mit seiner Anwesenheit beehrt hat, die geringsten Chancen auf einen Platz in den Playoffs.

Bleiben wir doch in der AFC West – die Chargers lasse ich heute ebenfalls noch einmal in die Flop Fünf, einfach weil sie im Moment alle Playoff-Hoffnungen und -Tipps der Fans und Experten Woche für Woche über Bord werfen. Da finden sie doch in Kansas Citys Nähe bei den St. Louis Rams Verständnis. Dort ist man den Kummer der zu hohen Ansprüche bereits seit Saisonbeginn gewohnt. Die Divisionskollegen aus Arizona bevorzugen dagegen die emotionale Achterbahnfahrt und knüpften nach dem Hoch in Philadelphia in San Francisco wieder an schlechte Zeiten an.

Zuletzt bliebe da noch Jacksonville. Die Jaguars hätten im Kellerduell mit den Cleveland Browns wirklich den vierten Sieg holen können. Doch den holte sich Cleveland, bei denen sich nicht nur ESPNs Bill Simmons fragt, woher diese Erfolge kommen.

Positionswechsel in Seattle?

Zugegeben, diese Überschrift ist nicht ganz ernst gemeint. Zumindest in den ersten Minuten könnten Fans der Seahawks jedoch mit einem Quarterbackwechsel geliebäugelt haben, brachte doch gleich zu Beginn Wide Receiver Sidney Rice einen Pass per Trickspielzug über 55 Yards zum Kollegen Mike Williams. Der etatmäßige Quarterback Tavaris Jackson produzierte bei seinen ersten Würfen jedoch jeweils eine Interception.

Als ähnlich erfolgreiches Duo wie Rice und Williams zeigten sich Rookie-Spielmacher Jake Locker und Wide Receiver Nate Washington von den Tennessee Titans. Mit seinen zwei Touchdown-Pässen auf Washington ließ Locker nicht nur den Gegner Atlanta Falcons noch einmal zittern (Endergebnis 17:23), sondern reihte sich nahtlos in die Leistungen der anderen Neulinge in diesem Jahr ein.

Sven Kittelmann

sportal.de / sportal

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