Radsport "Marco hat einen fragilen Charakter"


Als er beim Giro d'Italia 1999 als Gesamtführender vor der vorletzten Etappe wegen Dopings disqualifiziert wurde, begann Marco Pantanis Absturz. Offenbar leidet der italienische Radprofi seit längerem an schweren Depressionen.

Zermürbt von der Tour de France-Abfuhr, seinen Dopingskandalen und mehreren Gerichtsprozessen kämpft Italiens Radsport-Idol Marco Pantani in einer psychiatrischen Klinik um sein seelisches Gleichgewicht. "Ja ich bin hier, um mich behandeln zu lassen", gab der Giro d'Italia- und Tour de France-Sieger von 1998 jetzt erstmals gegenüber der Zeitung "Gazzettino" zu. "Marco ist immer tiefer in die Depression abgerutscht", erklärte sein Vater Paolo am Dienstag der "La Gazzetta dello Sport".

Schwere Vorwürfe gegen die Tour-Verantwortlichen

Gleichzeitig erhob Pantani senior schwere Vorwürfe gegen die Tour-Verantwortlichen und andere Kritiker des "Pirata", der von der 100. Tour ausgeschlossen bleibt: "Niemand hat ihn verteidigt. Seit 1999 hat man ihn mit allem beworfen und am Ende konnte er nicht mehr", klagte Paolo Pantani. Nach seinem erstaunlichen 14. Platz beim vergangenen Giro hatte sich Marco Pantani sogar kurzfristig als Jan Ullrichs Team-Kollege für die Tour in der Bianchi-Mannschaft ins Gespräch gebracht.

1999 begann Pantanis Absturz, als er beim Giro d'Italia als Titelverteidiger und Gesamtführender vor der vorletzten Etappe wegen eines zu hohen Hämatokritwerts disqualifiziert wurde. Derzeit steht Pantani deshalb wegen mutmaßlichen Blutdopings in Italien vor Gericht. Seit 1999 wechselten sich bei dem Bergspezialisten missglückte Comebackversuche und neue Dopingskandale und Prozesse ab. "Ein menschliches Drama", kommentierte die "La Gazzetta dello Sport".

"Er braucht absolute Ruhe"

Dass der 33-Jährige trotz seines Achtungserfolgs beim letzten Giro von der Tour ausgeschlossen blieb, hat ihn offensichtlich nun in die Depression getrieben. "Er und alle anderen Patienten in dieser Klinik brauchen absolute Ruhe", mahnte sein Arzt Giovanni Greco. Der Sucht-Spezialist hatte dem Radprofi die stationäre Behandlung in der Klinik "Parco dei Tigli" im Veneto empfohlen, verweigerte ansonsten aber jede Auskunft über Pantanis Erkrankung. "Marco ist aus freien Stücken dorthin gegangen", erklärte sein Vater. "Mir hat er gesagt, er wolle sich nur etwas erholen", sagte Paolo Pantani.

Pantanis freiwilliger Rückzug in die Klinik kam auch für sein Team Mercatone Uno überraschend. "Niemand hat mit so einer plötzlichen und heftigen Depression gerechnet", gab Teambesitzer Romano Cenni zu. "Marco hat einen fragilen Charakter, aber er ist ein starker Mensch. Ich hoffe, er kommt zur Vuelta wieder", sagte der Pantani-Förderer.

"Es ist eine unendliche Folter"

Dass Pantani dem Druck nicht mehr standhalten konnte, verwunderte seinen Vater nach den Erlebnissen der letzten Jahre dagegen nicht. "Was Marco und unsere Familie erleben mussten, hätte ich nie für möglich gehalten und ich wünsche es niemandem. Es ist eine unendliche Folter", sagte Paolo Pantani.

Ob der bei den Fans nach wie vor beliebteste italienische Radprofi noch mal in den Sattel zurückkehrt, ist ungewiss. "Jetzt bin ich erstmal hier, um gesund zu werden. An die Rennen werde ich später denken", zitierte die "La Gazzetta dello Sport" Pantani am Dienstag. Von seinen Kollegen bekam Pantani unterdessen aufmunternden Zuspruch. "Ich glaube, er wird auch das überstehen und zurückkehren", sagte Davide Rebellin. Auch sein Vater bleibt optimistisch: "Ich weiß, dass es mein Marco schaffen wird."

Bernhard Krieger DPA

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