Super Bowl Irrsinn um die Super-Schüssel


Der Über-Hype mit Top-Commercials, Pre-Game Show, Kick-Off Show plus Halftime-Show und After-Game Show! Ach ja, ein Endspiel gab's auch. Allerdings ein recht bizarres: Indianapolis gewann den Football Titel hauptsächlich durch Fehler von Chicago.
Von Helmut Werb

Der Favorit hat gewonnen, das Spiel war eher unterdurchschnittlich, die Zuschauer in Ekstase. Das grösste Sportereignis der Welt. Zwei Milliarden Fernsehzuschauer weltweit, behauptete frech CBS, der Sender, der die Superbowl Nummer 41 übertrug. Nicht nur der erste schwarze Coach, Chicagos Lovie Smith, der ein Team im Endspiel der National Football Liga trainiert, sondern der zweite gleich mit dazu, Tony Dungy von Indianapolis. Die Indianapolis Colts, Favoriten und Buh-Männer der Nation, gegen die Chicago Bears, Traditionsteam und Underdog. Der beste Quarterback, Peyton Manning, der noch nie ein wichtiges, ein wirklich wichtiges Spiel gewinnen konnte, gegen Brian Urlacher von den Bears, der als bester Verteidiger der Liga gehandelt wird. Vier Stunden vor dem Spiel begann die TV-Berichterstattung mit endlosen Personality-Stories, den gesamten Lebensgeschichten der Spieler, inklusive der liebevollen Kommentare der entsprechenden Opas, Nichten und der Putzfrau. Berichte über die tapferen Soldaten in Irak, die mitten im Krieg die Bhagdad Bowl austrugen, Wiederholungen der härtesten Hits der Saison, der gröbsten Fouls, der schlimmsten Verletzungen, kurz alles, was hohe Einschaltquoten garantiert.

Fest der herbei gesuchten Superlative

Tagelang wurde die böse Geschichte der Colts plattgetreten, deren Besitzer vor rund 20 Jahren in einer Nacht-und-Nebel-Aktion das Team von Baltimore nach Indianapolis zwangsumsiedelte (was gleichbedeutend wäre mit einem Überraschungsumzug von Schalke 04 nach, na sagen wir mal Kassel). Tage vor dem Spiel gab es Sondersendungen über jedes Wort, das die Spieler von sich gaben, über die Schiedsrichter, sogar über die TV-Kommentatoren. Dazu stundenlanges Ausharren, als Amerikas Fernsehpublikum den besten Superbowl-Werbespot aller Zeiten wählte. Was nur beweist, dass die Werbung fast wichtiger geworden ist als das Spiel, das nach alldem Trara in der Regel eher enttäuscht. (Die besten Spots sind zu sehen unter www.cbssports.com/superads)

Und auch ein Spiel

Nach all dem Hype brach dann tatsächlich ein Spiel aus, allerdings ein recht bizarres, das auch noch mit einem Donnerschlag begann. Den Kickoff zum Spielbeginn rannte Devin Hester zu einem 92-Yard Touchdown und nach ganzen 20 Sekunden stand es 7:0 für Chicago. Im ersten Quarter hatte Peyton Manning, Quarterback der Indianapolis Colts und gefragtester Werbemann des Sports, offensichtlich Probleme mit dem strömenden Regen. Doch sechs Minuten später glich Reggie Wayne nach einem Turnover von Chicago aus, die wiederum im Gegenzug einen Vorsprung von 14:6 herausspielen konnten. Im zweiten Viertel fand Peyton Manning dann seinen Rhythmus und die vielgelobte Verteidigung Chicagos hatte immer grössere Schwierigkeiten mit den taktischen Zügen von Coach Tony Dungy. Manning wagte mehr Pässe und das Running Game der Colts kam auf Touren. Trotzdem war die erste Hälfte der seltsamen Superbowl eher durch Unsicherheit im Regen geprägt als durch superbe Spielzüge: insgesamt sechs Turnovers, jeweils drei für jedes Team, zerstörten jeglichen Spielfluss. Wie schräg sich das Spiel entwickelte, bewies auch der Colts-Kicker Adam Vinatieri, dem das Unerhörte passierte - er verpasste ein Fieldgoal, für den besten Kicker der Liga unerhört!

Prince endlich ohne Sex

In der Halbzeit spielte ein etwas in die Jahre gekommener Prince ein farbenfrohes Medley von Oldies (passend zum Wetter auch "Purple Rain"), als Neu-Zeuge Jehovas erotikfrei und deshalb akzeptabel für die durch Janet Jacksons "Nipplegate" vorsichtig gewordenen NFL-Offiziellen.

In der zweiten Hälfte dominierten zunehmend die Colts mit Manning und den beiden exzellenten Backs Joseph Addai and Dominic Rhodes. Indianapolis rannte die Verteidigung der Bears in Grund und Boden, blieb aber in der 20-Yard-Zone von Chicago hängen. Im ersten Spielzug des dritten Viertels verwandelte Vinatieri sein erstes Fieldgoal. Spielstand 19:14 für Indianapolis. Rex Grossman, der umstrittene Quarterback der Bears, zeichnete sich danach hauptsächlich durch miserable Passwürfe und Fumbles aus, und auch das vielgelobte Running Game der Bears kam über das ganze Spiel nie in die Gänge. Nach einem weiteren Fieldgoal der Colts konnten die Bears noch einmal auf 22:17 verkürzen. Danach war ziemlich Sense. Mit zwölf Minuten zu spielen, griff sich Kelvin Hayden der Colts einen weiteren "Faux"- Pass von Grossman und besiegelte damit das Spiel. Endstand 29:17 für die Indianapolis Colts. Die Bears hatten zwar noch die Chance, den Rückstand aufzuholen, aber Grossman verspielte auch die letzten Chancen. Der Sieg geht in Ordnung, die Colts waren überlegener als das Resultat aussagt: sie erspielten 24 First Downs, die Bears nur 11, Indianapolis hatte 430 Yards, die Bears nur 265. Trotzdem – schön war es nicht. Peyton Manning, zum MVP der Superbowl 41 gewählt, war’s egal. Er strahlte nach dem Sieg über den begehrten Superbowl-Ring, den jeder Spieler der Siegmannschaft bekommt, und hielt beide Hände hoch "Hey man, das ist mein erster Ring. Jetzt will ich noch einen für die andere Hand!" Colts-Coach Tony Dungy bedankte sich noch beim lieben Gott, dem er seinen ersten Endspiel-Sieg widmete. Und die Fernsehzuschauer wählten einen Werbespot für Kartoffel-Chips zum Sieger. Na also.


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