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Transfers in der Bundesliga: Torschlusspanik am Wühltisch

In wenigen Tagen endet die Frist für Spielertransfers. Manche Vereine müssen kaufen, andere verkaufen. Und Stars wie Rafael van der Vaart hängen in der Luft - ein Jahr vor der WM. Von Martin Sonnleitner.

Am Montag um Mitternacht wird Ruhe einkehren in den europäischen Fußball. Dann nämlich endet die Transferperiode dieses Sommers - wer bis dahin keinen neuen Spieler hat, der kriegt auch keinen mehr bis zum Winter. Aber bis dahin brummt es auf diesem Markt der Eitelkeiten, Panikaktionen und Millionensummen. Fußball ist schließlich eine Show, die auch vom Reden über sich selber lebt - "Calcio parlato" heißt das in Italien. Jetzt werden Schnäppchen feilgeboten, präsentiert man Topstars wie auf dem Wühltisch. Manche Klubs müssen kaufen, manche verkaufen.

In Deutschland ist das vor allem der FC Bayern. Eine als große Umbruchaktion verkaufte, bisher aber hanebüchen verlaufene Kaderpolitik zwingt den Rekordmeister nachzulegen. "Wir werden aber auf keinen Fall in Aktionismus verfallen", beteuert Sportdirektor Christian Nerlinger in "Sport Bild".

Aktiv werden muss er dennoch. Sowohl auf der rechten Verteidigerposition als auch im Tor sowie im zentralen Mittelfeld besteht Handlungsbedarf. Da gäbe es einen. Rafael van der Vaart, Kapitän der niederländischen Nationalmannschaft, steht bei Real Madrid auf dem Abstellgleis. Bayern weist bisher alle Spekulationen von sich, den früheren Hamburger Publikumsliebling zu verpflichten. Auch Wesley Sneijder, ebenfalls Real und van der Vaarts Kollege in der momentan furios aufspielenden "Elftal", wurde in Madrid aussortiert. Sneijder will aber bei Real bleiben, ist zudem teurer als sein Kollege und spielt fast die identische Position wie - Ribéry.

"Das Beschaffen von Topspielern ist schwierig", sagte der im Sommer demissionierte HSV-Sportchef Dietmar Beiersdorfer der FTD. "Es müssen viele Faktoren berücksichtigt werden: Zeit, Geld, Qualität und Verfügbarkeit." Die letzten drei Dinge passten bei van der Vaart - warum die Bayern-Bosse nicht handeln, bleibt eines ihrer Geheimnisse. Denn die Zeit drängt. Auch für den VfB Stuttgart. Der Klub handelt nach dem Sprung in die Champions League immer selbstbewusster mit europäischen Topnamen. Klaas-Jan Huntelaar, Vágner Love, die Liste war lang, schließlich einigten sich die Planungsstrategen um Manager Horst Heldt auf den Russen Pawel Pogrebnjak. Auf Herthas Mittelfeldstar Gojko Kacar sollen sie immer noch ein Auge werfen.

Schalke 04 hingegen, chronisch klammer Revierklub, könnten die kolportierten 20 Mio. Euro für einen Verkauf von Torwart Manuel Neuer an Manchester United schlagartig sanieren. Multifunktionschef Felix Magath hätte auf einen Schlag genug Geld, den Kader peu à peu rundzuerneuern. So hat er es beim VfL Wolfsburg getan. Dort aber war Geld vorhanden, diesmal muss er erst welches akquirieren. Vielleicht auch durch den Verkauf von Außenverteidiger Rafinha. Einen wie ihn bräuchten auch die Bayern, aber jetzt bietet Juventus Turin für den Brasilianer. Hertha BSC muss ebenfalls verkaufen, um neue Handlungsoptionen zu erlangen. Der FC Bayern soll Hertha-Keeper Jaroslav Drobny beobachten. Denn auch auf der Torwartposition gibt es in München Handlungsbedarf. Die Diskussion "Rensing oder Butt?" wird schon gar nicht mehr geführt. Beide gelten als ungeeignet, den mitunter von Selbstüberschätzung geprägten Ansprüchen der Bayern standzuhalten. Neuer aber wird von Magath nicht herausgegeben, zumindest nicht an einen Ligakonkurrenten, der nur die Hälfte der aufgebotenen United-Summe zahlen will. Und Nationalkeeper Robert Enke, der immer wieder genannt wird, wurde 2002 beim FC Barcelona vom jetzigen Bayern-Trainer Louis van Gaal zwar verpflichtet, aber schon in der Saisonvorbereitung wieder abgeschoben.

Überhaupt, die Bayern: Zé Roberto haben sie gehen lassen, Lucio auch. Van der Vaart wollen sie nicht, Sneijder auch nicht, Neuer kriegen sie nicht, und Diego haben sie an sich vorbeiziehen lassen nach Turin, wo er schon jetzt Publikumsliebling ist. Glaubt man der "Süddeutschen Zeitung", dann schätzen die Münchner den brasilianischen Star als disziplinarischen Problemfall ein. Darüber werden sie bei Werder Bremen und Juventus so laut wiehern, dass es den Bayern stereo in den Ohren dröhnt.

Etwas ruhiger geht es beim Hamburger SV zu. Handlungsbedarf besteht aber auch dort: Der Vertrag des Stürmers Paolo Guerrero läuft nur bis zum nächsten Sommer. Der Peruaner liebäugelt immer wieder mal mit einem Wechsel, im kommenden Jahr könnte er umsonst gehen. Einen Sportdirektor, der mit Guerrero über eine Vertragsverlängerung verhandeln könnte, haben sie beim HSV immer noch nicht. Wahrscheinlich übernimmt in ein paar Tagen der bisherige Spielerberater Roman Grill diesen Job. Der war auch mal beim FC Bayern.

FTD

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