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Ehemaliger Bundestagspräsident: Was macht eigentlich ... Wolfgang Thierse?

Wolfgang Thierse war von 1998 bis 2005 Präsident des Deutschen Bundestags. Ein Gespräch mit dem SPD-Politiker, der in Berlin für ein Einheitsdenkmal kämpft.

Wolfgang Thierse im August 2018 vor dem Brandenburger Tor in Berlin

Bundestagspräsident a.D. Wolfgang Thierse (SPD) im August 2018 vor dem Brandenburger Tor in Berlin

Sie werden am 22. Oktober 75. Wann schreiben Sie Ihre Autobiografie?

Ich bin nicht wichtig genug.

Sie scherzen.

Politikerbiografien finde ich oft langweilig oder eitel. Meist sind sie beides.

Ihr Krach mit Helmut Kohl wegen der Parteispenden wäre schon Stoff genug.

Darüber haben schon andere geschrieben.

Kohl nannte Sie den "schlimmsten Präsidenten seit Hermann Göring". Haben Sie das je verwunden?

Nein. Herr Kohl hat sich dafür nie entschuldigt. Er war verbittert über die Geldbuße in Millionenhöhe. Die CDU hat durch alle Instanzen gegen mich geklagt und immer verloren.

Thierse, 1943 in Breslau geboren, wuchs in Thüringen auf. Er studierte Germanistik und Kulturwissenschaften, arbeitete im Ministerium für Kultur und an der Akademie der Wissenschaften der DDR. Lange parteilos, trat er nach der Wende der SPD bei und war von 1990 bis 1998 stellvertretender Fraktionsvorsitzender. Als Bundestagspräsident (kl. Foto) verhängte er 2000 wegen der Spendenaffäre eine Strafe von 7,8 Millionen Mark gegen die CDU, die ihn deshalb angriff. 2013 zog Thierse sich aus der Politik zurück.

Thierse, 1943 in Breslau geboren, wuchs in Thüringen auf. Er studierte Germanistik und Kulturwissenschaften, arbeitete im Ministerium für Kultur und an der Akademie der Wissenschaften der DDR. Lange parteilos, trat er nach der Wende der SPD bei und war von 1990 bis 1998 stellvertretender Fraktionsvorsitzender. Als Bundestagspräsident (kl. Foto) verhängte er 2000 wegen der Spendenaffäre eine Strafe von 7,8 Millionen Mark gegen die CDU, die ihn deshalb angriff. 2013 zog Thierse sich aus der Politik zurück.

Ihnen stehen Büro und Sekretärin zu. Nutzen Sie das?

Ja, ich eile fast jeden Tag ins Büro. Im Moment engagiere ich mich dafür, dass in Berlin ein Einheitsdenkmal gebaut wird. Es soll an die friedliche Revolution erinnern, die die Einheit erst möglich gemacht hat.

Brauchen wir so ein Denkmal für über 17 Millionen Euro?

Ja. In einer Stadt, in der wir berechtigterweise viele Denkmäler haben, die an die Schande des Nationalsozialismus erinnern, sollten wir uns auch ein Denkmal leisten, das an das glücklichste Ereignis der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert erinnert.

Ist das Ihr einziges Projekt?

Nein. Ich bereite Tagungen für die Evangelische Akademie in Tutzing vor, gerade eine zum Thema Heimat.

Sie wollen das Thema nicht der AfD überlassen?

Genau. Menschen haben ein legitimes und normales Bedürfnis nach Heimat. Wir Linke und Liberale müssen diesen Begriff verteidigen gegen dessen böswillige Ideologisierung von rechts außen.

Kürzlich haben Sie eine "gemischt positive Bilanz" der Vereinigung gezogen. Deutschland sei nicht mehr Schauplatz des Kalten Krieges. Könnte sich das nicht durch Auseinandersetzungen zwischen Putin und Trump wieder ändern?

Das gespaltene Deutschland war der am meisten gefährdete Ort im Kalten Krieg. Das wiedervereinigte Deutschland wäre wohl nicht mehr das Gefechtsfeld einer Auseinandersetzung zwischen USA und Russland, die zu verhindern aber trotzdem in unserem existenziellen Interesse ist.

Aber nun droht Europa die Spaltung.

Ja, das ist das eigentlich Beunruhigende. Europa hat die Verpflichtung, zusammenzuhalten. Wenn Europa nicht zusammenbleibt, dann ist unsere deutsche Zukunft wieder gefährdet.

Schon als Zehnjähriger haben Sie politische Debatten im Radio verfolgt. Fehlen Ihnen die Wortgefechte im Bundestag?

Manchmal hätte ich schon Lust, wieder in die Bütt zu steigen. Die AfD und ihr übler Stil sind eine große Herausforderung für jeden Redner. Man muss das rechte Maß an Polemik finden und gleichzeitig zur Sache reden. Keine Lust hätte ich, wieder Präsident zu sein. Ich weiß, wie anstrengend das ist.

"Thierse war ein Mahner und Moralist, der mitunter nicht frei war von Säuerlichkeit", schrieb die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" zu Ihrem 70. Geburtstag.

(lacht) Das mit der Säuerlichkeit akzeptiere ich nicht. Aber wenn man ermahnt und strenge Urteile formuliert, sollte man das nicht mit einem Grinsen tun.

Was wünschen Sie sich zum 75.?

Dass ich noch zehn Jahre weiterleben darf. 85 wäre doch ein schönes Alter.

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