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Autobranche: Zeit für Opfer

Für die deutsche Autoindustrie wird es ein heißer Herbst: Nach der mühsamen Einigung bei DaimlerChrysler planen nun VW und Opel harte Sparpakete. Opel will sogar die 40-Stunden Woche.

Bei VW haben Vorstand und Gewerkschaft schon vor Beginn der Verhandlungen am 15. September ihre Klauen gezeigt, während bei Opel die Gespräche seit einigen Monaten unter Ausschluss der Öffentlichkeit laufen.

DaimlerChrysler hat keine Beispielwirkung

"DaimlerChrysler ist kein Musterabschluss", warnt Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer von der Fachhochschule Gelsenkirchen. "Opel und VW sind weit weg von der Mercedes-Welt." Tiefe Einschnitte für die Mitarbeiter seien zu erwarten. Beim neuen Haustarifvertrag für Volkswagen reden bereits im Vorfeld alle mit, von der IG-Metall-Spitze bis hin zu den Landespolitikern in Niedersachsen, das als Land an VW mit 18 Prozent beteiligt ist. Bei Opel geht es um die eigene Umsetzung des Tarifabschlusses in der Metall- und Elektroindustrie. Der Kreis der Beteiligten beschränkt sich zunächst auf Geschäftsleitung und Betriebsrat.

Der Autobauer Opel will einem Bericht der "Bild"-Zeitung zufolge in seinen Werken Rüsselsheim, Bochum und Kaiserslautern unter anderem unbezahlte Mehrarbeit durchsetzen und Zulagen streichen. Wie das Blatt (Freitagausgabe) unter Berufung auf einen Forderungskatalog des neuen Opel-Chefs Hans Demant berichtete, prüfe der Konzern, die Arbeitszeit auf bis zu 40 Stunden pro Woche zu erhöhen, aber nur 35 Stunden zu bezahlen. Weiter sähen die Vorschläge eine Erhöhung der Fließbandgeschwindigkeiten beziehungsweise Reduzierungen der Vorgabezeiten vor. Außerdem stünden Extrazahlungen oder Zulagen bei Sonderschichten auf dem Prüfstand. Opel leidet seit Jahren unter rückläufigen Absatzzahlen und verzeichnete zuletzt hohe Verluste.

Tariferhöhungen nicht weitergeben

Alternativ sollten Tariferhöhungen bis 2009 nicht an die Beschäftigten weitergegeben, sondern lediglich angerechnet werden, berichtete die Zeitung weiter. Dies werde damit begründet, dass die Mitarbeiter der Werke in Rüsselsheim, Bochum und Kaiserslautern in vielen Fällen 15 Prozent über dem Branchenschnitt verdienten. Zudem gebe es Vorschläge, das Weihnachtsgeld zu kürzen und auf Zuschläge für Spät- und Nachtschichten zu verzichten.

Bereits am Mittwoch hatte die Arbeitnehmervertretung der deutschen Tochter von General Motors mitgeteilt, dass Opel von der Belegschaft in den deutschen Werken weit gehende Zugeständnisse bei Einkommen und Sozialleistungen fordere. Auch bei den Arbeitszeiten solle es neuerliche Veränderungen geben. Details wurden jedoch nicht genannt. Die Belegschaftsvertretung will in den Verhandlungen unter anderem einen Schutz vor betriebsbedingten Kündigungen bis 2010 erreichen. Das Unternehmen soll das bestehende Einkommensniveau der Beschäftigten sowie die existierenden Tarifverträge garantieren.

Angespannte Lage bei Opel

Beide Opel-Parteien haben es sich zum Ziel gesetzt, einen öffentlichen Schlagabtausch mit ideologisch verklärten Positionen unbedingt zu vermeiden. Seit Dienstag sitzen sie wieder zusammen, die Frist zur Einigung läuft bis Ende Oktober: Auf der einen Seite der neue Opel-Chef Hans Demant, auf der anderen der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Klaus Franz, der für seinen energischen, aber dennoch kompromissorientierten Verhandlungsstil bekannt ist.

Für die Adam Opel AG, die seit Jahren hohe Verluste macht, könnte die Lage kaum angespannter sein: Unter einer neuen Führung, zu der auch der bisherige Opel-Vorstandsvorsitzende Carl-Peter Forster zählt, will der Mutterkonzern General Motors (GM) in Europa die Produktionsabläufe seiner verschiedenen Hersteller enger verzahnen und kostengünstiger machen. Dabei sollen neue Synergien zum Beispiel zwischen Opel und Saab entstehen. Für die deutschen Opel-Werke in Rüsselsheim, Bochum, Eisenach und Kaiserslautern bedeutet dies, dass sie sich künftig stärker mit anderen europäischen Standorten messen lassen müssen.

Branchenkonjunktur springt nicht an

Dieser Wettbewerb wäre einfacher zu verkraften, wenn die deutsche Autokonjunktur wieder an Fahrt gewänne. Im hochmodernen Opel-Stammwerk in Rüsselsheim wird derzeit wegen der geringen Auslastung aber zum Teil nur 30 Stunden pro Woche gearbeitet. Ein Impuls vom Automarkt zeichnet sich nicht ab: Im Juli wurden in Deutschland mit 267.000 Fahrzeugen sieben Prozent weniger neu zugelassen als im Vorjahresmonat, die Prognose für das Gesamtjahr hat der Verband der Automobilindustrie (VDA) bereits gesenkt.

Die Arbeitnehmervertreter bei VW und Opel fordern vor allem eines: Beschäftigungsgarantien. Ihre Kollegen bei DaimlerChrysler waren bereit, Einsparungen von jährlich 500 Millionen Euro zu schultern, weil die Unternehmensleitung zusicherte, die Jobs bis 2012 zu sichern. VW und Opel zeigten sich bisher nicht gewillt, solche Zusagen zu machen. Im Sieben-Punkte-Programm von VW-Personalvorstand Peter Hartz habe ein achter Punkt gefehlt, kritisierte Hartmut Meine, niedersächsischer Bezirksleiter der IG Metall, "nämlich die Arbeitsplatzgarantie".

Arbeitnehmer fordern Job-Garantien

Opel-Betriebsrat Franz fordert eine Beschäftigungssicherung bis 2010, doch sein früherer Vorgesetzer Forster hält solche Zusagen für nicht mehr zeitgemäß: "Wir müssen uns einfach davon verabschieden, dass man sein Leben versichert bekommt." Wer sich am Ende bei Volkswagen und Opel durchsetzt, werden die kommenden Wochen zeigen. Die erste Einigung dürfte dabei nicht ohne Wirkung auf den Konkurrenten bleiben.

DPA, Reuters / DPA / Reuters