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Gaslieferungen aus Russland Jamal-Pipeline: Was der Lieferstopp für Europas Gasversorgung bedeutet

Pipelines führen zum Bovanenkovo Gasfeld auf der Jamal-Halbinsel
Pipelines führen zum Bovanenkovo Gasfeld auf der Jamal-Halbinsel
© Alexander NEMENOV / AFP
Mitten in der kalten Jahreszeit hat Russland seine Gaslieferungen durch die Jamal-Pipeline nach Deutschland gestoppt. Stattdessen fließt das Gas in die entgegengesetzte Richtung nach Polen. Energie-Experte Georg Zachmann über mögliche Gründe und Folgen.
Von Christiane Kreder

Russland hat seine Gaslieferungen nach Deutschland durch die Pipeline Jamal-Europa gestoppt. Was ist da genau passiert?

Geht man nach den Kapazitätsbuchungen für die Pipelines, dann hat Gazprom schon im Sommer keine langfristigen Transportkapazitäten für das Gasjahr 2021/2022 – also ab dem 1. Oktober – mehr über Jamal gebucht. Stattdessen hat es nur noch kurzfristige Buchungen vorgenommen – und davon auch immer weniger. Seitdem sind die Gasflüsse deutlich zurückgegangen: Statt üblicherweise 110 Millionen Kubikmetern sind teilweise unter 30 Millionen Kubikmeter geflossen. Diese Woche wurde der Gasfluss auf der Pipeline nach Deutschland dann ganz eingestellt.

Was heißt das denn für Polen, das ja auch maßgeblich über die Jamal-Pipeline beliefert wird?

Üblicherweise verkauft Gazprom das Gas nicht direkt an Polen, sondern an deutsche Händler, die das Gas wiederum an polnische Endkunden oder Industrieunternehmen liefern. Das Gas wird dabei virtuell verbucht. Weil so ein bisschen Gas schon in Polen abfließt, gelangt weniger russisches Gas direkt nach Deutschland. Dieser virtuelle Gasfluss funktioniert aber nur, wenn es auch einen tatsächlichen Gasfluss gibt – und den gibt es jetzt nicht mehr. Das bedeutet, dass Polen jetzt teilweise über Deutschland mitversorgt werden muss.

Woher rührt denn dieser Stopp?

Warum es genau die Jamal-Pipeline ist, ist aktuell unklar. Denn Gazprom hat noch andere Leitungsstränge, die es bespielen kann. Nord Stream 1, die von den gleichen russischen Gasfeldern versorgt wird, läuft beispielsweise auf voller Kapazität weiter – vermutlich auch weil es eine Gazprom-eigene Pipeline ist. Auch die Turk-Stream-Leitung aus der Türkei wird immer stärker genutzt. Insgesamt wird also weniger Gas geliefert, und das Gas, das geliefert wird, fließt vor allem über die Gazprom-eigenen Leitungen.

Wie begründet Russland denn die rückläufigen Gasexporte?

Die Begründungen haben sich im Laufe des Jahres mehrmals geändert. Erst hieß es "wir brauchen erst mal selbst Gas, um unsere Speicher zu füllen", dann "es gab ein technisches Problem in Sibirien" und "wir haben nur Gas in den neuen Feldern", dann "wir brauchen wieder mehr Gas in Russland". Gleichzeitig wurde angedeutet, dass Gazprom mehr liefern könnte, wenn Nord Stream 2 in Betrieb ginge.

Und was davon stimmt jetzt? Einige Beobachter vermuten ja politische Gründe hinter dem Schritt…

Eigentlich gibt es nur zwei Optionen: Entweder man ist nicht willens oder nicht in der Lage, mehr Gas zu liefern. Was davon nun stimmt, lässt sich nur schwer überprüfen. Insgesamt ist aber festzustellen, dass mit Europa nicht wie mit einem umworbenen Kunden umgegangen wurde, den man frühzeitig über Lieferschwierigkeiten informiert und mit dem man dann gemeinsam nach Lösungen sucht. Zieht man noch den massiven Anstieg der Gasexporte in die Türkei dazu, sind die genannten Befunde für mich ehrlich gesagt nicht mit einem Agieren „nach gutem Glauben“ zu vereinbaren.

Von russischer Seite heißt es, man handle aus kommerziellen Gründen. Was spricht denn wirtschaftlich dafür, den Gasfluss auf der Jamal-Pipeline zu stoppen?

Da sind wir wieder bei der Frage: Ist kein Gas da oder will man es nur nicht liefern. Ist kein Gas da, dann ist das ein kommerzieller Grund, will man es nicht liefern, dann ist das kein kommerzieller Grund. Angesichts der gigantisch hohen Gaspreise müsste Russland aus kommerzieller Sicht aber alles, was es entbehren kann, nach Europa schicken. Allerdings ist hier eine Einschränkung nötig.

Und die wäre?

Der Gasmarkt ist so strukturiert, dass man Spot-Preis indizierte Langfristverträge nutzt. Das heißt, wer sich mit Gas versorgen will, nutzt einen langfristigen Vertrag, der Preis wird dabei mittlerweile am aktuellen Gaspreis indiziert. Bei einem Gazprom-Marktanteil von 40 Prozent würde eine Senkung der Lieferungen steigende Preise in der EU zur Folge haben. Daher könnte das Kalkül von Gazprom sein, dass die Mehreinnahmen aus höherem Absatz kleiner sind als der entgangen Gewinn aufgrund niedrigerer Preise für die unter Langfristverträgen verkauften Mengen. Es könnte also sein, dass es für Gazprom profitabler ist, auf höhere Preise für langfristige Verträge zu setzen und dafür ein bisschen weniger Gas zu liefern.

Was heißt das denn mittelfristig für den europäischen Gasmarkt?

In Europa hat man versucht, einen Markt zu generieren, der einerseits ermöglicht, bei Problemen mit einem Anbieter von anderen zu kaufen und in guten Zeiten auf den günstigsten Lieferanten zu setzen. Dafür hat man relativ stark Flüssiggasterminals ausgebaut – und bisher funktioniert dieses Modell ganz gut. Denn wir haben zwar eine Krise mit Russland, die massiv auf die Preise durchschlägt, aber trotzdem kriegen wir zum jetzigen Zeitpunkt Gas. Zum Beispiel liefert Norwegen jetzt mehr, auch weil die Preise hoch sind. Ob das ausreichen wird, werden wir in den nächsten Monaten sehen.

Ein älterer weißer Mann mit Halbglatze sitzt im Anzug vor einer blauen Wand und erhebt beide Hände

Wie abgesichert sind wir denn gerade mit Blick auf Gas aus Russland?

Wir hatten uns die Winter-Situation auch schon genauer bei Bruegel angeschaut und wenn Gazprom seine Verpflichtungen erfüllt, so wie wir sie wahrnehmen, dann müsste man auch durch einen kalten Winter einigermaßen gut durchkommen. So wie sich mir die Situation darstellt, würde es Gazprom – wenn es seine vertraglich zugesicherten Mindestmengen nicht unterschreitet – nicht gelingen, wirkliche Versorgungsengpässe in der EU herbeizuführen. Wenn es technische Probleme gibt oder Russland sich entscheidet, die Lieferverpflichtungen nicht zu erfüllen, kann es allerdings relativ schwierig werden, die übliche Nachfrage mit dem vorhandenen Angebot zu bedienen.

Im Hintergrund der Gaslieferungen spielen auch die Spannungen im Ukraine-Konflikt mit. Rechnen Sie denn damit, dass Russland in diesem Kontext seine Gaslieferungen womöglich weiter runterfährt?

Für Russland wäre es eine schmerzhafte Eskalation, die Gaslieferverträge nicht zu erfüllen. Denn es würde den russisch-europäischen Energie-Handelsbeziehungen langfristig erheblich schaden. Deswegen wird man eine solche Eskalation relativ weit hinten auf der Liste an Eskalationsstufen finden.

Wie stark ist denn die Ukraine gerade von den rückläufigen Gaslieferungen betroffen?

Die Lage in der Ukraine könnte tatsächlich noch einmal zur Herausforderung werden. Denn sollte dort kein Gastransit mehr erfolgen – was ja glücklicherweise vertraglich festgelegt ist – dann würde es sehr schwer, die Ukraine aus dem Westen mit Gas zu versorgen. Die ukrainischen Gasspeicher sind aktuell so gefüllt, dass es gerade noch reichen kann. Allerdings gibt es im Stromsektor so große Probleme, dass es nötig werden kann, aus Gas Strom zu erzeugen. Dann ist unsicher, ob die Speicher noch reichen. Da die Ukraine auch im geopolitischen Kontext wichtig ist, sollte man sie in die europäische Gesamtbetrachtung miteinbeziehen.

Das heißt, was ist das Szenario, auf das wir Ihrer Einschätzung nach in den nächsten Monaten zusteuern?

Ich würde gerne noch mal auf die jetzige Situation eingehen. Denn ich war ehrlicherweise überrascht, wie stark andere Flexibilitäten hier ins Spiel gekommen sind. Wie viel Norwegen beispielsweise mehr liefern konnte und wie schnell LNG trotz der engen globalen Märkte nach Europa gekommen ist. Dieser Umstand könnte Gazprom signalisieren, dass man mit einer konfrontativen Strategie in Europa nicht gewinnen kann. Wenn Europa zeigt, dass es genügend Alternativen gibt und Gazprom im Endeffekt droht, sich seine Marktmacht zu verspielen, könnte das eine Lösung für die aktuelle Situation sein. Das wäre das Positiv-Szenario.

Was müsste Europa dafür denn tun?

Dafür müsste man den Binnenmarkt zusammenhalten, sich weitere Gaslieferungen sichern und möglicherweise auch Ideen zu entwickeln, wie man die Nachfrage an Stellen, wo es nicht so schmerzt, reduzieren könnte. Dann hätte man zumindest eine bessere Verhandlungsposition. Allerdings können viele Faktoren die Situation in den kommenden Monaten beeinflussen. Wenn es diesen Winter besonders kalt wird oder beispielsweise noch ein Gasfeld in Norwegen ausfällt, dann verstärkt das den Druck auf die Märkte. Gleiches gilt, wenn die Nachfrage anderswo beispielsweise ein China stärker anzieht. Das würde die Situation dann zusätzlich erschweren. Wir sind also gerade in einer Lage, wo man nicht mehr ganz Herr seines eigenen Schicksals ist.

Dieses Interview erschien zuerst bei unserem Partner "Capital"

rw

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