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Erfahrungen: Promis erzählen aus ihrem Leben

Was haben die Moderatorin Nina Ruge, Bild-Chefredakteur Kai Diekmann und Hamburgs Erster Bürgermeister Ole von Beust gemeinsam? Alle drei erzählen, welcher Zeitpunkt richtungsweisend für ihre spätere Karriere war.

Mehr als 30 Prominente aus Politik, Wirtschaft, Medien und Show-Business haben sich Zeit genommen für eine Reise in die Vergangenheit - für ihren "Weißt Du noch?"-Augenblick. Sie alle haben der Autorin Katrin Burseg "den Moment" erzählt, der ihr Leben veränderte und ihnen die Chance eröffnete für einen außergewöhnlichen Weg.

Wie wichtig ist es, die richtige Person zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu treffen? Welche Rolle spielt der Zufall auf dem Weg ins Rampenlicht? Das Buch "Der Moment" beschreibt unterschiedliche Karrieren – emotional und persönlich, überraschend und neu. In offenen Gesprächen erzählen die Prominenten von ihrem Leben und Lebensweg, von Erfolgen und Misserfolgen, von privatem Glück und beruflichen Tiefpunkten, von Wegbegleitern und Zurückgelassenen.

Nina Ruge: Die Lady ist einfach zu fix

Seit mehr als 15 Jahren ist die 47-jährige Moderatorin Nina Ruge fast täglich auf dem Bildschirm zu sehen. Kaum jemand weiß jedoch, dass die Karriere der "Glamour-Lady" alles andere als glamourös beginnt. Mitte der 80er Jahre unterrichtet die Blondine als Lehrerin für Deutsch und Biologie an einem Wolfsburger Gymnasium. Im dritten Berufsjahr bemerkt Nina Ruge allerdings, dass sie schon alles ausgereizt hat, was das Lehrerinnen-Dasein ihr bieten kann. "Schon heute zu wissen, was ich in fünf Jahren um 13.10 Uhr, also nach der sechsten Stunde, denke – dafür war ich zu jung." Ihr persönlicher "Moment" ist die Abiturfeier eines Oberstufenjahrgangs: Als sie die Schüler nach drei Jahren gemeinsamer Arbeit verabschiedet, fühlt sie sich plötzlich ganz klein und erkennt: "Ich will Veränderung, mir durch gute Arbeit neue Terrains erobern." Noch bevor die Veranstaltung vorbei ist, hat Nina Ruge eine neue Perspektive für ihre Zukunft entworfen. "Ich hatte mich für den Film entschieden. Ich wollte immer hinter die Kamera."

Gesagt, getan: Nina Ruge geht an der Schule auf eine Zweidrittelstelle und studiert nebenbei in Braunschweig in der Filmklasse. Dort reift auch der Entschluss, 1986 die Aufnahmeprüfung an der Film- und Fernsehakademie in Berlin zu versuchen. Obwohl sie dort nicht angenommen wird, zieht Ruge nach Berlin, wo sie die Chance erhält, als Skriptgirl und Regieassistentin bei Spielfilmproduktionen für Kino und Fernsehen zu arbeiten. So führt ihr Weg auch schnell vom Film zum Fernsehen, wo sie in verschiedenen Redaktionen des SFB arbeitet. 1988 landet sie bei RIAS TV als Moderatorin für das "Abendjournal" und "Frühstücksfernsehen" - der Sprung vor die Kamera ist der Schritt zum ganz großen Erfolg. Ende 1989 wird sie Co-Moderatorin beim "heute journal", moderiert eine Talkshow bei 3sat und bekommt 1994 den Job als Moderatorin bei "heute nacht".

Der Rest ist bekannt: Der Sprung von den politischen Nachrichten in den Boulevard zu "Leute heute" ist gewagt und nicht ganz einfach. Die Quoten stimmen zunächst nicht, und auch die Presse kann sich nur schwer mit dem gewagten Genrewechsel anfreunden. Mittlerweile läuft "Leute heute" im sechsten Jahr, und die Quote stimmt auch. "Ich bin wirklich wunschlos glücklich. Aber wenn sich irgendetwas Unglaubliches auf mich zu bewegen sollte, dann würde ich mir das natürlich anschauen."

Kai Diekmann: Vom Bundeswehrschreck zum Chefredakteur

Er ist täglich für Schlagzeilen verantwortlich, die Deutschland auf- und erregen: Kai Diekmann, Chefredakteur der "Bild"-Zeitung. Bekannt von ihm ist, dass er es im Schnelldurchlauf an die Spitze des mächtigen Blattes geschafft hat. Kaum bekannt ist, dass seine Karriere in jungen Jahren bei der Bundeswehr in der Pressestelle beginnt.

Kaum vorstellbar, dass der immer korrekt wirkende Diekmann von den zwölf Wochen Grundausbildung zehn aus Disziplinargründen in der Kaserne verbringen muss. Die Gründe: Diekmanns forsches Mundmerk und sein mangelnder Respekt vor der Uniform. Diese Querelen sind es auch, die ihm einen Strafaufsatz einbringen, der wiederum den Grundstein für seine Karriere legt: Soldat Diekmann, der chronisch vergisst, seinen Spind abzuschließen, muss daraufhin einen Aufsatz schreiben. "Warum ich den Schrank verschließen müsse und dass ich die Soldaten nicht zum Kameradendiebstahl verleiten dürfe." Der Wortgewaltige tobt sich in seinem Text aus und bittet dringend um die Verlegung in eine andere Einheit, "da ich offensichtlich mit lauter potenziellen Kriminellen zusammenleben muss".

Sein damaliger Bataillonskommandeur nimmt ihn beim Wort und bietet ihm eine Versetzung in die Pressestelle der Bundeswehr an - die nach außen als "Disziplinarstrafe" verkaufte Versetzung entpuppt sich als journalistischer Traum. Von da an geht alles steil nach oben. Den Großteil seiner journalistischen Karriere verbringt Diekmann beim Axel Springer Verlag: noch während der Bundeswehr-Zeit absolviert er ein Praktikum bei der "Bild"-Zeitung, anschließend erhält er ein Volontariat bei der "Bild am Sonntag", wird stellvertretender Chefredakteur der "B.Z.", Chefredakteur der "Welt am Sonntag" und last but not least Chefredakteur der "Bild"-Zeitung. Karriere à la Diekmann - vom Bundeswehrschreck zum Blattmacher.

Rita Süssmuth: Die Unbequeme

Die Vollblutpolitikerin Rita Süssmuth zählt zweifellos zu den wichtigsten Frauen der deutschen Nachkriegsgeschichte. Aufgewachsen in einer politisch interessierten und hoch engagierten Familie, muss sie sich früh um die kranke Mutter und ihre kleinen Brüder kümmern. Nach dem Studium der Geschichte und Romanistik hängt Rita Süssmuth ein Postgraduiertenstudium in Pädagogik, Soziologie und Psychologie an.

Für sie steht schon damals fest, dass sie Beruf und Familie miteinander verbinden möchte. Dass das Zusammenspiel von Kind und Karriere zu einer ihrer entscheidenden Lebensaufgaben wird, ahnt sie nicht. Nach der Arbeit als wissenschaftliche Assistentin, bewirbt sie sich 1966 um eine Dozentenstelle an der Pädagogischen Hochschule Ruhr. Diese Bewerbung hat eine "Schlüsselstellung" für ihr zukünftiges Frauenengagement bekommen. Es ist nicht der fachliche Bereich, der dieses Kolloquium zu dem wohl einschneidendsten Moment ihres beruflichen Lebens werden lässt. Es sind die sehr persönlichen Fragen, die aus der Professorenriege auf die junge Frau herabprasseln.

Noch heute kann Rita Süssmuth ihre Empörung kaum verbergen, wenn sie an die Odyssee der Bewerbung denkt. "Wussten Sie nicht, dass sich auch ein Familienvater von acht Kindern auf die Stelle beworben hat?" und "Was passiert, wenn Sie ein Kind bekommen?" sind Fragen, die sich Rita Süssmuth gefallen lassen muss. Zwar reagiert sie - verglichen mit ihrem Seelenzustand - sehr reserviert, "aber als ich im Zug saß, waren die Tränen stärker als ich selbst", berichtet die 66-Jährige heute.

Seitdem zieht sich das Engagement für Frauen wie ein roter Faden durch das Leben der streitbaren und couragierten Wissenschaftlerin und Politikerin. Und noch heute kämpft sie für mehr Gleichberechtigung und klagt an: "Ich glaube nicht, dass wir dieses Denken vollkommen überwunden haben."

Ole von Beust: Familientradition statt Rebellion

Seit mehr als 24 Jahren ist der Jurist Ole von Beust in der Hamburger Bürgerschaft aktiv. Das Rathaus ist auch der Ort, an dem er den wichtigsten "Moment" seiner politischen Laufbahn erlebt.

Der Jüngste von drei Söhnen wächst als Carl-Friedrich Arp Freiherr von Beust - so sein Taufname - inmitten eines Hamburger Naturschutzgebietes auf. Früh tritt er in die Junge Union ein, obwohl er zu dieser Zeit keine Vision vom Leben als Politiker hat. "Ich hatte immer einen Hang zur Juristerei", sagt von Beust heute. Sowohl Großvater als auch Vater sind Juristen, und er selbst liest als Jugendlicher viele Strafrechtssachen und Kommentare. Familientradition statt Rebellion? Ein pubertäres Aufbegehren gegen das Elternhaus, gegen den Vater hat es nie gegeben. Wenn es einen Ausbruch in seiner Jugend zu verzeichnen gibt, dann ist es wohl die Abkehr vom großbürgerlichen Namen, mit dem ihn die Familie bedacht hatte. Mit der Volljährigkeit entledigt er sich des "Carl-Friedrich" und lässt sich unter seinem Rufnamen "Ole" ins standesamtliche Register eintragen.

Nach dem Abitur arbeitet von Beust zunächst für zwei Jahre als Assistent in der CDU-Bürgerschaftsfraktion im Hamburger Rathaus. Schon mit 23 Jahren zieht der Landesvorsitzende der Jungen Union als bis dato jüngster Abgeordneter in die Hamburger Bürgerschaft ein. Aber auch das Studium und die spätere Niederlassung als Rechtsanwalt für Arbeitsrecht lassen ihm genügend Zeit, sich für die Belange der Stadt zu engagieren.

Höhen und Tiefen erlebt von Beust in seiner Fraktion im Laufe der Jahre zuhauf. 1992 etwa, als sich die CDU von ihrem langjährigen Landesfürsten Jürgen Echternach trennt. Oder 1993, das als schwarzes Jahr in die Geschichte der Hamburger CDU eingeht: Die Partei beschert sich und den Wählern eine vorgezogene Neuwahl und fährt das schlechteste Wahlergebnis seit dem Krieg ein. Von Beust begreift diese Krisen jedoch als Chance: Er reißt die Abgeordneten mit einem mitreißenden Plädoyer für einen Neuanfang aus der Depression. Er ist auf dem vorläufigen Höhepunkt seiner politischen Laufbahn angekommen: Im September 1996 wird er zum Spitzenkandidaten der CDU für die anstehenden Bürgerschaftswahlen gewählt.

Den Sprung an die Spitze des Stadtstaates schafft Ole von Beust jedoch erst im zweiten Versuch. Im Jahre 2001 durchlebt er noch einmal die Anspannung und Spannung eines hartes Wahlkampfes, bis er endlich dort steht, wo er sich während seiner langen Jahre in der Opposition hingeträumt hat. Die Wahl zum Ersten Bürgermeister Hamburgs ist sein "Moment": "Der 31. Oktober 2001 war tatsächlich der wichtigste Tag in meiner politischen Laufbahn. Und der Moment der Wahl zum Ersten Bürgermeister der Stadt ist mir wohl am meisten an die Nieren gegangen - im positiven wie im negativen Sinne."

Unter den Augen der politischen Weggefährten, Freunde und Familie vollziehen sich die Wahl und der Eid auf das Amt. In seinem Kopf setzt sich das Karussell mit den wichtigsten Stationen des politischen Lebens in Gang - "in einer Mordsgeschwindigkeit". "Ich habe Bilder gesehen, wie ich als Schulsprecher kandidiert habe. Wie ich in der Jungen Union zum Kreisvorsitzenden gewählt wurde - in irgendeinem miefigen Gemeindesaal in Wandsbek. Dann das erste Mal in der Bürgerschaft, wo ich früher auf der Tribüne saß und auf die Regierungsbank hinabguckte."

Angekommen, doch um welchen Preis? Einige werfen von Beust vor, jede Möglichkeit genutzt zu haben, um an die Macht zu kommen und seine letzte Chance auf das hohe Amt zu nutzen. Aber "Macht um jeden Preis, kommt für mich nicht in Frage". Sein Lebensglück hänge nicht vom Bürgermeisteramt ab. "Ich habe einen Beruf, und mit Mitte 40 können Sie noch etwas neu beginnen."

Ulrich Wickert: En passant und ganz präzise

Als Diplomatensohn 1942 in Tokio geboren, geht der junge Wickert in Heidelberg und Paris zur Schule. Das Studium der Politischen Wissenschaften und Jura absolviert der fast zwei Meter große Schlaks in Bonn und den USA. "Bevor ich nach Amerika ging, wollte ich Diplomat werden wie mein Vater", erinnert er sich an die Träume seiner Jugend. "Als ich aus Amerika zurückkam, habe ich festgestellt: Das will ich auf keinen Fall werden. Denn das ist mir viel zu eng, viel zu hierarchisch."

Ein Beruf, der freier ist, der eine Palette von möglichen Tätigkeiten bietet, soll es unbedingt sein. So landet Wickert Ende der 60er Jahre im Journalismus - als freier Mitarbeiter bei verschiedenen ARD-Anstalten. Von 1977 bis Anfang der 90er Jahre ist der telegene Grandseigneur als ARD-Korrespondent in Washington, New York und Paris tätig. Der Höhepunkt der "vollkommen ungeplanten" Karriere folgt 1991: Er übernimmt als Nachfolger von Hanns Joachim Friedrichs den Posten als Erster Moderator der "Tagesthemen". Der Posten gilt als einer der prestigeträchtigsten in der deutschen Medienlandschaft und wird mit ebenso viel Bedeutung beachtet wie eine Kanzlerkür oder ein WM-Endspiel. Allerdings sendet sich Wickert nicht nach "Fahrplan" ins Bewusstsein der Deutschen. "Meine erste Moderation war eine Sondersendung. Hans Joachim Friedrichs hatte sich an einem Donnerstag verabschiedet - damals gab es die Sendung nur von Montag bis Donnerstag. Und der Bürgerkrieg in Jugoslawien brach aus - wir mussten also eine Sendung am Samstagabend machen." Friedrichs weigert sich allerdings, nach dem offiziellen Abschied noch einmal anzutreten, also springt Wickert ein. "Da es eine Sondersendung war, haben alle das Besondere respektiert. Am Montag hatte ich dann ja schon eine Sendung gemacht." Und sein öffentliches Leben als "Mister Tagesthemen" hatte en passant begonnen - ganz ohne öffentliche Aufgeregtheit. Wickerts großer Moment ist ein stiller im Schatten des Krieges.

Barbara Schöneberger: "Alles macht Sinn"

Mal sehen, was kommt - so nimmt die Showkarriere der 29-jährigen Entertainerin ihren Anfang. Zu Beginn ist es die Rolle der Assistentin in der SAT.1-Gameshow "Bube, Dame, Hörig". Durch diese Sendung, in der sie nicht das stumme Mädchen mimt, das Karten umdreht, wird die Redaktion der "Harald Schmidt Show" auf sie aufmerksam. Man lädt die damals 25-Jährige als Gast ein: Ihr Auftritt läuft gut, sie ist schlagfertig, pariert die Attacken des brillanten Talkers und geht nicht unter.

Nach diesem Auftritt stapeln sich die Angebote bei dem Fernsehneuling: Ob "Tie Break", ein Tennismagazin beim Deutschen Sportfernsehen oder die sonntägliche SAT.1-Morgenshow "Weck up" - Schöneberger genießt und nutzt die Chancen, die sich ihr nach dem Auftritt bei Harald Schmidt bieten. Sich auszuprobieren, Erfahrungen zu sammeln, das ist ihr zu dieser Zeit wichtig. Alles ändert sich, als sie auf den Münchner Fernsehproduzent Oliver Mielke trifft. Dem war die Quasselstrippe ebenfalls in der legendären Folge der "Harald Schmidt Show" aufgefallen. Bei einem zufälligen Treffen ergreift er die Chance und sagt nur: "Mit dir will ich etwas machen." Barbara Schöneberger spürt von Anfang an, dass aus dieser zufälligen Begegnung etwas ganz Großes und Besonderes entstehen könnte, schwärmt sie heute. "Das war wirklich der wichtigste Moment meines bisherigen Fernsehlebens."

Zwischen dem erfolgreichen Produzenten und dem Nachwuchstalent sprühen fortan die kreativen Funken. "Oliver bekam einen Jugendkanal auf den lokalen Großstadtstationen TV München, Hamburg 1 und TV Berlin - drei Stunden jeden Abend." Sie bekommt die Chance, mit einer eigenen Idee auf Sendung zu gehen. Sie entwickeln die Anarcho-Talkshow "Blondes Gift", mit der ihr der Durchbruch zum Kultstar und TV-Geheimtipp gelingt. Auch die Programmplaner vom WDR sind von der wandelnden Neudefinition der Fernsehunterhaltung schwer angetan und holen die Show 2002 ins Dritte Programm des WDR.

Sie hat den Aufstieg in den öffentlich-rechtlichen Fernsehhimmel geschafft: Die eigene Samstagabend-Sendung 2Die Schöneberger-Show" im ZDF, Moderationen diverser Galaveranstaltungen und Fernseh-Events wie den "Laureus World Sports Award" für das ZDF bestimmen fortan ihren beruflichen Lebensweg.